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L├╝thi, Walter, 1901- / Deutschland zwischen gestern und morgen: ein Reisebericht.
([1947])

Berlin,   pp. 90-96 PDF (1.7 MB)


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zentralisiert gewesenen Verwaltungen und Bankinstitute.
Frauen mit unfraulich knochigen Bewegungen! Frauen in
Handlangerkleidern! Frauen mit Pickel und Schaufel, Frauen,
die ankstatt des Kin derwagens die backsteinbeschwerte Karrete
schieben, Frauen, die in Reih und Glied mit Mannern die
Kette eines Flaschenzugs, im Takt, Zug um Zug, Ruck um
Ruck ziehen. Frauen mit aufgekrempelten Aermeln und her-
vorstehenden Adern auf dem Handrucken, Frauen, die in
die Hande spucken, Frauen, die mitlachen, wie man eben
auf dem Bauplatz lacht, Frauen, die mitfluchen -. Sie ar-
beiten nicht um eine gute, bei weitem nicht einmal um eine
geniigende, sie arbeiten um eine etwas weniger karge Lebens-
mittelzuteilung, um etwas weniger zu hungern. Man mochte
rufen: <Frauen aller Lander, vereinigt euch! Es ist eure Ge-
stalt, die hier verhoihnt wird, euer Bild wird hier verkehrt
und geschandet.>>
Berlin ist die Stadt der zerstorten Menschen. Man sieht
els den Gesichtern an. Sie sind schlaff, die Augen in tiefen
Hoihlen, halb geoffnet, ohne Glanz; da, wo ein!st Wangenrot
bliihte und wo sich jetzt die Hohlung vom Jochbein zum her-
vorstehenden Kiefer hinzieht, ist jetzt Wangengrau und Wan-
gengriin. Man sieht es ihnen am Gang an, diiesem aufgelisten,
wankenden, spannungslosen Gang mit schlaffen Schultern
und eingeknickten Knien. Vielen hurt man es an der Stimme.
Und wenn man erst ihre Gefiihle, ihre Gedanken sahe! Es ist
Sonntag. Rings um Berlin bluht der Flieder. An den End-
stationen der Stral3enbahn stehen offene Giiterwagen bereit,
dort k6nnen die Berliner, die in den Wildern ringsherum
Holz fur den Winter holen mochten, dasselbe urm ein kleines
Fahrgeld aufladen und in~s Innere transportieren lassen.
Gegen Abend sieht man von allen Richtungen Leute sich der
Stadt zu schleppen, keine Frau, kein Mann ohne Tasche oder
Sack, und in den Handen tragen sie einen Fliederbusch. Hun-


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