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L├╝thi, Walter, 1901- / Deutschland zwischen gestern und morgen: ein Reisebericht.
([1947])

Berlin,   pp. 90-96 PDF (1.7 MB)


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wir etwas sehen von <<druben>>? Aug und Ohr sind jetzt jeden-
falls aufs aufierste gescharft.
Berlin - vier Wochen, achtundzwanzig Tage lang sind wir
nun viele Hunderte von Kilometern per Auto, mit der Eisen-
bahn und zu Fu13 idurch die Dorfer und Stadte diesels un-
gliicklichen Landes gekommen; wir haben Ruinen gesehen,
Ruinen und immer wieder Ruinen, ruinierte Hauser, rui-
nierte Menschen, ruinierte Leiber, ruinierte Seelen, geknickte
Minnerhaltung, zertretene Frauenehre, zerstorte Menschen-
wiirde, zu einem Viertel, zur Halfte, zu drei Vierteln ver-
wiistete Stidte. Und wenn die Leute unsere Erschuitterung
wahrnahmen, dann pflegte da und dort einer, wie wenn ihm
das ein Trost ware, zu bemerken: <<Aber kommen Sie erst
einmal nach Berlin! Berlin uibertrifft alles!>> Berlin ist gleich-
sam der Hohepunkt. Wir fragten uns dann etwa, ob das wohl
zutreffen moge. Eines ist gewil3: es gibt einen Grad der Be-
eindruckung, der, wenn er einmal erreicht ist, durcb nichts
Schrecklicheres mehr kann gesteigert werden. Schwarz ist
schwarz, man kann es nicht steigern. Die Hauser in Berlin
sind tatsiachlich nicht zerstorter als anderswo, sie sind sogar
weniger zerst6rt, und man sieht dazwischen mehr unversehrte
Wohnstitten und Quartiere als in mancher anderen deut-
schen Stadt. Was aber zerst6rter ist, das sind bestimmt hier
die Menschen. Sie waren es wohl immer, auch in Zeiten des
Friedens, in besonderem Grad. Nach den Vortrigen, die wir
hier reichlich in allen vier Sektoren zu halten haben, bleiben
jeweilen ganze Schlangen von Menschen zuriick, die einfach
nur ein Packlein aus der Schweiz mochten. Bei den Auf-
raumungsarbeiten sind Frauen und Madchen in grol3er Zahl
eingeisetzt. Es handelt sich nicht um Strafarbeiten von beson-
ders schweren Naziverbrecherinnen, sondern um Frauen und
Tochter, die sonst nirgends Arbeit und Brot fanden, viele
ehemalige Bureaulistinnen der gewaltigen, in der Hauptstadt
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