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L├╝thi, Walter, 1901- / Deutschland zwischen gestern und morgen: ein Reisebericht.
([1947])

Kirche und Politik,   pp. 83-90 PDF (2.0 MB)


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gehen. Da ilst jener Archaologe, der wei3, dal seine Stadt
schon wenigstens zehnmal in der Geschichte dem Erdboden
gleichgemacht war und daB man deswegen den Kopf jetzt
nicht duirfe sinken lassen. Da ist jener Baron, der jetzt zwar
dort wohnt, wo friiher seine Pferde wohnten, der aber seine
Hande im Dienste der Oeffentlichkeit riihrt, wo er nur kann,
und man meint zu beobachten, daB3 in seiner Stadt mehr
Anstrengungen zum Wiederaufbau sichtbar sind als anderswo.
Da ist jener ehemalige Strafrechtler, der jetzt seine ganze
Kraft und Intelligenz der Kirche, ihrer Neuordnung und
ihrem Neubau zur Verfiigung stellt. Da ist jener Oberbiirger.
meister, der wie ein Puffer zwischen der Besetzungsmacht
und zwischen der bungernden Bevolkerung seiner Stadt drin
ausharrt, Tag fur Tag von oben gestarkt und von seinem evan-
gelischen Glauben gehalten.
Die eigentliche Not in der Frage der offentlichen Verant-
wortung liegt aber nicht in diesem MiBtrauen und nicht in
dieser Mutlosigkeit, sondern noch etwas tiefer verborgen. Es
ist das wiederum nicht nur die Not der deutschen Kirche,
sondern der evangelischen Kirche uberhaupt. Es ist unis in
der evangelischen Kirche durch die Neubesinnung auf die
Reformatoren und auf die Heilige Schrift neu und stark das
Wissen ums Absolute aufgegangen. Wir waren so sehr im
Relativen versandet und versumpft, dal wir geradezu mit
einer Fluchtbewegung uns zum Absoluten hinwandten. Nun,
nacbdem das geschehen ist, miissen wir neu lernen, uns um-
gekehrt wieder im Relativen zu bewegen, uns recht darin zu
bewegen, ohne Preisgabe und Verleugnung des Absoluten.
Wir miissen, einfacher gesagt, wieder lebensnaher werden und
volksverbundener, aber eben im rechten Sinne lebenlsnah und
im rechten Sinne volksverbunden.
Aber wie ware das gemeint? Wohl kennen wir jetzt die
Lehre von der Rechtfertigung aus dem Glauben allein. Aber
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