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L├╝thi, Walter, 1901- / Deutschland zwischen gestern und morgen: ein Reisebericht.
([1947])

Kirche und Politik,   pp. 83-90 PDF (2.0 MB)


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uns dieser Umstand so erklart, dal3 die Manner, was poli-
tische Aussagen anbetrifft, exponierter, gefahrdeter seien.
Was mul3 in diesen Seelen noch vor sich gehen, welcher gei.
stige Einbruch wird hier noch stattfinden muissen, bis dals
diese Manner uiberhaupt wieder an eine politische Mitverant.
wortung heranzutreten vermogen! Wahrlich, Seelsorge ist es,
wessen vor allem der deutsche Mann bedarf - nur der
Deutsche?
Dann die Mutlosigkeit. <<Was k6nnen denn schon wir
tun?>> Diese Frage kam immer wieder. <<Man will ja unsere
Mitarbeit gar nicht. Und wenn wir etwas tun wollen, dann
legt man uns ja unuibersteigbare Hindernisfse in den Weg.>>
In herzbewegender Weise sagt uns einer: <<Ihr Schweizer
habt es gut. Bei euch ist alles so klein, so iibersichtlich und
so durchsichtig. Bei uns aber ist alles so grol3. Wir sehen
nicht hindurch, und die eigene Urteilsbildung, sagen wir ein-
mal auf Wahlen hin, ist bei uns beinahe unmiglich.>> Stimmt
das nicht? Wenn schon wir in unseren kleinen schweizeri-
schen Verhaltnissen Muhe haben, trotzdem uns die Zeitun-
gen zur Verffigung stehen, uns ein eigenes Bild und Urteil
zu erarbeiten, wieviel schwerer mul3 das dem Burger und
Christenmenschen eines grollen Landes sein! Und doch darf
hier nicht der Mutlosigkeit nachgegeben werden. Es ist zwar
nicht so einfach (und manchmal stellen wir es uns nur zu
einfach vor) mit Rezepten und Ratschliagen, die wir den
Deutschen anbieten. Aber das scheint uns grundssatzlich wich-
tig zu sein im Kampf gegen die drohende Entmutigung: Die
Deutschen werden gut tun, jetzt sowohl zeitlich wie auch
brtlich nicht zu grollraumig zu denken. Sie waren es gewohnt,
in langen Schritten uiber die Erde zu marschieren; es wird
jetzt vielleicht die Zeit sein, sich in kurzen Schritten zu
uiben. Grolle Zeitraume und grolle Weltraume liebt das
deutsche Denken und Planen zu umfassen. Vielleicht muissen
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