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L├╝thi, Walter, 1901- / Deutschland zwischen gestern und morgen: ein Reisebericht.
([1947])

Kirche und Politik,   pp. 83-90 PDF (2.0 MB)


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wir einmal etwas Distanz gewonnen haben, werden wir stau-
nen uiber die Bedeutung dieses Ereignisses, das darin besteht,
dal seit mehr als 400 Jahren die evangelische Kirche ihres
gottgewollten Amtes auch der Politik gegenuiber richtig
waltete.
Und nun gilt es, daBl die Bekennende Kirche auch heute
und nun erst recht getrost in dieser Richtung weiterschreite,
dal ihr Wort auch die Politik einschliel~t. Diese Aufgabe der
politischen Verantwortung aber bedeutet fur den Christen
in Deutschland (und nicht nur in Deutschland!) eine Verle-
genheit und Not, von der man sich nur schwer eine Vorstel-
lung machen kann, die aber in der Natur der Sache lie~gt und
nicht gescheut werden darf. Ich mochte zum besseren Ver-
standnis unserer deutschen Bruider vor allem drei Schwierig-
keiten nennen, die uns immer wieder begegnet sind:
1. da~s Miltrauen, 2. die Mutlosigkeit und 3. die Selbst-
gerechtigkeit.
Da ilst einmal das Mifltrauen. Ein deutscher Amtsbruder
gibt in einem Gymnasium Weltanschauungsunterricht. Mit
einer Klasse von 17-20jahrigen lalt er eine Arbeit schrei-
ben uiber das Thema: <<Meine Stellung zu Christus und zur
Kirche.>> Beim Einsammeln der Blatter verweigern ihm
einige die Abgabe. Begriiudung: <<Das konnte uns schaden.>>
<<Aber ich bin doch euer Seelsorger, mir durft ihr doch wahr-
haftig zutrauen, dal ich euer Vertrauen nicht milbrauche
und euch nicht denunziere.>> <<Aber, lieber Herr Pastor, es
konnte Ihnen ein Blatt aus Versehen verlorengehen, und
das konnte uns vielleicht in zehn Jahren den Kopf kosten.>> So
ist heute die Lage der heranwachsenden jungen Manner,
derer, die morgen die Politik Deutschlands mitverantworten
sollten. In allen Auslsprachen fiel uns denn auch auf, daB die
Manner in Fragen und Antworten zuruickhaltender waren als
etwa die Frauen. Die Frauen sprachen <<kuhner>>. Es wurde
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