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L├╝thi, Walter, 1901- / Deutschland zwischen gestern und morgen: ein Reisebericht.
([1947])

Kirche und Politik,   pp. 83-90 PDF (2.0 MB)


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sches Wort, und zwar in dem Sinne, dal es kein Gebiet,
keinen Lebensausschnitt, keinen Raum und keine Zeit gibt,
die man aus der Vergebung ausschlielen diirfte. Die Ver.
gebung breitet ihre Arme weit aus, sie schliel~t die Menschen
der Wirtschaft und der Politik nicht aus, sondern ein. Ge.
rade das Gebiet der Politik ist in ganz besonderer Weise der
Gnade Christi beduirftig. Es ist darum ein Ratsel, dal es eine
Zeit geben konnte, da man die Politik aus dem Evangeliumn
entliel. Damals galt in der Kirche und in der Welt die
Parole: Keine Politik auf der Kanzel. Die Kanzel war ein
Gebiet fur sich und die Politik war ein Gebiet fur sich, und
beide sollten nichts miteinander zu tun haben. Obendrein
aber war diese fein sauberliche Trennung erst noch eine
Selbsttauschung! Die Politik lalft sich namlich die <<Einm
mischung der Kirche>> nur zu gern gefallen, solange die
Kirche die gerade tonangebende Politik unterstitzt und sich
ihr gleichschaltet. Thron und Altar, so lautete jahrzehntelang
die beliebte und beruichtigte Formel. Diese Art Politik auf der
Kanzel bestand darin, daB die Kirche allem Schlimmen gegen.-
uiber, das vom Thron her geschah, mit der Ausrede, sie ver.
stehe dals nicht, sich in riicksichtsvolles Schweigen hullte.
Dieses Schweigen war natuirlich auch Politik auf der Kanzel.
Die Kirche treibt hberhaupt immer Politik, entweder durch
ihr Schweigen oder durch ihr Wort. Ihr ist aber das Wort auf-
getragen, und zwar da-s Wort an alle Welt und an alle V6lker
sowohl wie an jedes Volk als Ganzes. Wenn die Kirche auf
dieses Wort verzichtlet, dann verleugnet sie in Wirklichkeit
ihr Wachter- und Vers6hnungsamt und beschrankt eigenmach-
tig den weltweiten Mislsionsbefehl.
Nun war das Aufkommen der Bekennenden Kirche dem
Hitlerstaat gegeniiber unter anderm auch ein unerhiirtes
politisches Gescheben. Die Kirche brach ihr Schweigen, sie
wurde dem Staat gegenuiber eine Kirche des Wortes. Wenn
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