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L├╝thi, Walter, 1901- / Deutschland zwischen gestern und morgen: ein Reisebericht.
([1947])

Von der Deutschen Schuld,   pp. 71-78 PDF (1.9 MB)


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nahe sicher, fraglich war nur noch, welcher von beiden zu-
erst. Und nun versetzt euch doch in die Lage dieser VYlker
im Warteraum. Versetzt euch aber vor allem in die Lage
derer, bei denen es nicht beim Warten und beim Angst-
haben blieb! Der Deutsche Friedrich Schiller lIait einmal den
Schweizer Wilhelm Tell erzahlen, warum GeBler ihn, Tell,
denn eigentlich nicht leiden moge. Darauf erzahlt Tell, wie
er dem Geller einmal in den Alpen an einer einsamen
Felswand, auf der Jagd begegnet sei. Tell sei von dieser Seite
her gekommen, Geller von der anderen her. Als GeBler sei-
ner ansichtig wurde, da erbleichte er. Das, wulte Tell von
dem Tag an, wird GeBler mir nie in seinem Leben vergessen,
daB er vor mir hat Angst haben muissen. So wirkt es, wenn
man Angst gehabt hat vor einem Volk. Es wird einige Zeit
dauern, bis die Spuren solcher Erlebnisse aus den Seelen
der nichtdeutschen Volker getilgt sein werden. Wir werden
von den Deatschen um etwas Geduld bitten miissen. In der
christlichen Kirche aller Lander aber, wo man um die Macht
jener Vergebung weiB, die aus dem Siihnetod am Kreuz uns
angeboten ist, lebt die Bereitschaft, mit den Briudern und
Schwestern in Deutschland zum Abendmahl zu gehen. Es
diirfte aber jetzt fur alle Zukunft klargeworden sein, daB3 es
nichts Begehrenswertes ist, einem Volk anzugehoren, das die
anderen furchten. Es ware doch viel schoner, Angehoriger
eines geachteten und beliebten deutschen Volkes zu sein.>>
Eine Frage hat an einem Abend ein Deutscher gestellt,
die wie ein Pfeil haftenblieb und seither schmerzt. Sie lau-
tete:
<<Spurt man in der Schweiz etwas von einer Erweckung
aus Dankbarkeit dafuir, daB3 Ihr Land so seltsam und so
handgreiflich verschont geblieben ist bisher?>>
Wir antworteten mit einer Gegenfrage:
<<Spurt man in Deutschland so etwas wie eine Erweckung,
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