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L├╝thi, Walter, 1901- / Deutschland zwischen gestern und morgen: ein Reisebericht.
([1947])

Von der Deutschen Schuld,   pp. 71-78 PDF (1.9 MB)


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etwas tun konnten mit Gottes Hilfe. Es lag nie ganz Deutsch-
land auf den Knien vor Hitler. Aber es gibt immer auch Zei-
ten, da es noch Tag genug ist, etwas zu tun. Und diese Zeit
war fur Deutschland und war fur Europa auch Hitler gegen-
iiber einmal da. Sie ist verpal~t worden. Das war Schuld. Da-
fur sind die Folgen vorab in Deutschland, aber wahrhaftig
nicht nur in Deutschland!, zu tragen. Darum ist es jetzt so
wichtig, sich klar daruber zu sein, was heute und in Zukunft
zu tun ist, damit derartiges nie wiederkehre, und darum ist
die Besinnung auf die Schuldfrage das eine, das jetzt not tut.>>
<<Aber wie steht es um die Schuld der anderen? Gilt fur
das Unrecht, das die anderen uns gegenwartig zufiigen, der
gleiche Maflstab wie fur das Unrecht, das wir den anderen
in der Vergangenheit zufiigten?>>
<<Gewil3, denn es steht geschrieben: Mit welcherlei Mal3
ihr messet, wird auch euch gemessen werden. Aber vielleicht
ist das jetzt fur Deutschland noch ein schwacher Trost. Viel-
leicht ist es zum mindesten noch nicht klug, als Deutscher
jetzt schon allzu laut die Gerechtigkeit anzurufen. Die Ge-
rechtigkeit schlaft nicht. Das deutsche Volk hat wahrhaftig
erkennen konnen, dal3 Gott seiner nicht spotten lat, auch von
starken Volkern nicht. Das deutsche Volk konnte Vertrauen
haben auf den, der schon recht richtet, wenn es Zeit ist,
auch was das gegenw-artige Unrecht der anderen anbetrifft,
wenn es das Mal iiberstiegen hat. Aber es konnte jetzt eine
Gefahr sein, sich darum mit der Schuld der anderen beson-
ders eifrig zu beschaftigen, um sich mit der eigenen Schuld
nicht mehr beschiftigen zu muissen. Die Frage nach der
Schuld der anderen konnte ein Ausweichversuch sein, ein
Versuch, das enge Pf6rtchen der Vergebung zu umgehen. Das
ware das Ungluick, das groiler ware als alle Misere.>>
Einmal kam von einem jungen Mann die Frage: <<Gibt
es auch eine schweizerische Schuld?>> Diese Frage wurde be-
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