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L├╝thi, Walter, 1901- / Deutschland zwischen gestern und morgen: ein Reisebericht.
([1947])

Von der Deutschen Schuld,   pp. 71-78 PDF (1.9 MB)


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schen, sondern wenn man mit dem Menschen uiberhaupt uber
konkrete Schuldfragen spricht.
Mit Recht emp6rt ,sich namlich der Deutsche gegen die
Formulierung <<Kollektivschuld>>. Das ist dann eine national-
sozialistiische Praxi,s, wenn der Kollektivschuld die Kolliektiv-
siihne entspricht. Kollektivsiihne haben die SS. in den Dor-
fern und Stadten Europas zur Genuige veruibt. Was alle Welt
damals an den SS.-Leuten verurteilte, haben jetzt auch die
Deutschen das Recht und die Pflicht zu verurteilen. Kollektiv-
siihne hat etwas Heidnisches an sich. Als Christen wissen wir,
daS es eine gemeinsame Schuld gibt, auch eine gemeinsame
deutsche Schuld, gesiihnt aber hat einer, einer fur alle. Diese
Siihne des einen ist die Mitte unseres Christenglaubens. Da-
bei wissen wir wohl, daB, wenn auch Christus fur alle gesiihnt
hat, dals noch lange nicht heilt, daB alle bereit sind, diese
Siihne anzunehmen und sich ihr zu unterstellen. Wer sich ihr
aber im Glauben unterstellt, der weiB, daB3 damit die zeitlichen
Folgen einer Versiundigung noch lange nicht gelstoppt und auf-
gehoben sein mfissen. Aber wer zur Erkenntnis der Vergebung
hindurchgedrungen ilst, wired solche zeitlichen Folgen getrost
und wuirdig zu tragen beginnen.
Dann ist zuzugeben, daB es niemals angeht, die Gesamt-
schuld eines Volkes so auszulegen, als ware die Verantwort-
lichkeit schematisch uibers ganze Volk hinweg gleich verteilt.
Es gibt nach der Heiligen Schrift eine abgestufte Verantwort-
lichkeit. Wem viel gegeben ist, von dem wird viel gefordert,
und wem wenig gegeben ist, von dem wird wenig gefordert.
Wenn eine kleine Frau aufsteht und sagt, sie sei das alteste
von elf Kindern gewesen, der Vater ohne Arbeit, die Familie
ohne Obdach, ohne Brot und vor allem ohne Ehre, und nun
komme einer unsd verspreche !dem Vater Arbeit und der Fa-
milie Obdach, Brot und eine neue Ehre, ob denn der Vater
ein Schuft gewe~sen sei, als er bereit war, das Angebot anzu-


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