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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 20, Nr. 12 (December 15, 1967)

Meggs
Schallplatten zu Weihnachten,   p. 21


Page 21

vorstellt: den 16jährigen Pianisten Grigo- 
ry Sokolow und den 20jährigen Geiger 
Victor Tretjakow (75999 XX). Wer in die- 
sem Wettbewerb, der alle vier Jahre statt- 
findet, gewinnt, der muß ein Meister sein; 
und er wird schnell berühmt wie der 
Tschaikowski-Preisträger von 1958: Van 
Cliburn. Ruhm dürfte auch bald dem jun- 
gen Grigory Sokolow beschieden sein - 
und mit Recht. Daß er souverän über den 
Schwierigkeiten des b-Moll-Klavierkon- 
zertes steht, erstaunt den Zuhörer dabei 
sogar noch weniger als die Kraft und 
Differenzierthelt seines Anschlages und 
vor allem die reife musikalische Auf- 
fassung. Technisch brillante junge Pia- 
nisten, die überzeugend Debussy oder 
Bartök spielen können, gibt es auch im 
Westen, aber den Romantikern und Spät- 
romantikern stehen diese meist fremd 
gegenüber. Es muß in der Sowjetunion 
eine völlig andere musikalische Tradition 
lebendig sein als bei uns; sonst könnte 
ein junger Mensch wie Sokolow nicht so 
einfühlsam die Kantilenen entfalten und 
so rauschhaft die rasanten Passagen 
nachvollziehen. 
Noch auffälliger wird das bei dem wenig 
älteren Violinisten Victor Tretjakow. 
Was es an klanglichen Tricks auf der 
Geige gibt, wie man mit schleifenden Tö- 
nen, mit Abwandlungen des Vibrato und 
mit ~Schluchzern" ein Publikum faszi- 
niert, das alles kennt Tretjakow - aber das 
ließe sich schließlich noch lernen. Doch 
die technischen Mittel überzeugend ein- 
zufügen in ein Werk wie das Violinkon- 
zert Tschaikowskis, das im ersten Satz 
kompositorische Brüche durch zum Teil 
äußerst schwierige Passagen zu über- 
spielen sucht, das kann nur ein Meister. 
Und wenn Tretjakow im letzten Satz bra- 
vourös russisches Kolorit und technische 
Brillanz mit liedhaftem Vortrag verbindet, 
dann weiß man, daß das Urteil der Mos- 
kauer Jury voll berechtigt war. 
Für den Liebhaber der Moderne... 
... gibt es leider keine so preisgünstige 
Ausgabe, aber den Preis von 25 DM wert 
ist die Erato-LP (aus dem Electrola-Aus- 
landssonderdienst) mit zwei Werken des 
59jährigen französischen Komponisten 
Olivier Messiaen: ,Et exspecto resurrec- 
tionem mortuorum" und ,Couleurs de la 
Cit cöleste" (STU 70302). Wie die Titel 
schon verraten, haben beide Werke reli- 
giöse Thematik, allerdings nicht ausge- 
sprochen weihnachtliche. Im ersten Werk 
geht es um die Auferstehung der Toten, 
im zweiten um die Farben der Himmels- 
stadt aus der ,Offenbarung Johannis". 
Klangfarben - dunkle, helle oder schrei- 
ende - beherrschen denn auch diese Mu- 
sik, die in ihrer Orchestrierung mit viel- 
stimmigen Holz- und Blechbläserchören 
UuaviJi,  r  lunc5t , tuau  vfllu , |nciI3lUut 
von 10 Symphonien Haydns (jeweils 
5 LP's zu 49 DM) sowie das Weihnachts- 
oratorium Bachs (3 Platten - 54 DM). 
Und Eurodisc bringt den Freunden rus- 
sischer Musik außer dem zu Anfang be- 
sprochenen Album noch für 10 DM mit 
~Die schönsten russischen Volkslieder" 
einen Querschnitt durch ihre Serie von 
Originalaufnahmen russischer Volks- 
musik. 
Für Beat- und Jazz-Fans... 
S.. freilich wird es wohl wieder einmal 
keine verbilligten Auflagen geben. Zwar 
kommen die Beatles wie auch die Rolling 
Stones noch vor Weihnachten mit neuen 
Platten heraus (die Beatles nur mit einer 
17-cm-EP), aber ,Subskriptionen" oder 
~,Vorzugspreise" sind nicht zu erwarten. 
Das gilt auch für den Bereich der Jazz- 
musik. Wer also einem Jazzfreund etwas 
schenken will, muß schon den vollen 
Preis (18 oder 21 DM) anlegen. Doch 
möchte ich auf eine Firma aufmerksam 
machen, die sich durch ihr besonders 
ehrgeiziges und vielseitiges Programm 
sowie durch ihre exquisiten Stereoauf- 
nahmen nun auch im Ausland einen Na- 
men gemacht hat: auf SABA. Bei SABA 
gibt es von lateinamerikanischer Folklore 
über Spezialitäten wie erstklassigen Vio- 
linen-Jazz bis zum Free Jazz alles, was 
sich durch besonderen Stil auszeichnet. 
Joachim Ernst Berendt, der die Jazz-Ab- 
teilung von SABA betreut, entdeckt da- 
bei aber auch ihgmer wieder etwas, was 
bisher- und immer unberechtigterweise- 
auf Platten nicht zu haben war. 
So z. 8. die tschechische Bigband von 
Gustav Brom, die SABA jetzt auf der 
LP ,Swinging The Jazz" auch den West- 
europäern vorführt (SB 15122). Dieses 
Orchester ist zwar von amerikanischen 
Vorbildern wie Count Basie und beson- 
ders Woody Herman inspiriert worden, 
aber es zeigt einen durchaus eigenständi- 
gen Charakter. An Perfektion und virtuo- 
ser Sicherheit der Solisten stehen die 
Tschechen keiner anderen Band nach, 
und was sie heraushebt, sind die folklo- 
ristischen slawischen Einflüsse in Arran- 
gement und Solospiel, die sich harmo- 
nisch einfügen in den amerikanischen 
Swing-Charakter. Mit so einfallsreich und 
melodiös spielenden Solisten wie dem 
Trompeter Jaromir Hnllicka, dem Alti- 
sten Frantisek Navratil und dem Barito- 
nisten Josef Audes kann sich die Band 
sehr wohl mit ihren Vorbildern verglei- 
chen. Für jeden Liebhaber des modernen 
Swing bedeutet diese LP eine Bereiche- 
rung seiner Diskothek. 
Euer Meggs. 


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