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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 20, Nr. 12 (December 15, 1967)

Friesicke, Konrad
Das Schneehemd,   p. 20


Page 20

Das Schneehemd 
Von Konrad Friesicke 
Das Schneehemd ist ein weißer, weit 
geschnittener Umhang mit Ärmeln 
und angenähter Kapuze. Zur Anpassung 
an Schneegelände wurde es von der 
deutschen Wehrmacht im Rußlandfeld- 
zug eingeführt. Diese Tarnung diente 
dem Schutz des einzelnen Soldaten. Das 
Schneehemd wird auch heute wieder bei 
den Gebirgsjägern verwendet. 
<Wie sahen unsere Schneehemden 
aus?" fragt Charly. Er telefoniert mit 
Akim. Es ist Weihnachtsabend. Charly 
hat Bereitschaftsdienst in der Telefon- 
zentrale seines Ministeriums, eine ruhige 
und friedliche Sache. Aber man kann nie 
wissen. Charly hat gerade das Licht an- 
geschaltet. Jetzt ruft er Akim an. Der hat 
eine Praxis. Dr. Joachim Fides. Akim 
wurde er im Kriege von seinen Freunden 
in der Kompanie genannt. Das liegt weit 
zurück, über zwanzig Jahre. Sie waren 
drei Freunde: ein Gefreiter, ein Oberge- 
freiter, ein Stabsgefreiter. Drei lustlose 
Soldaten. Jetzt ist Akim Arzt, Charly 
BAT-Angestellter und Johnny Musiker 
in einem Rundfunkorchester. Zu Weih- 
nachten passiert es immer wieder, daß 
sie unvermittelt aneinander denken. Ein- 
mal reiste Akim sogar spontan los und 
besuchte Johnny und dann Charly. Aber 
sie haben immer Angst vor solchen Tref- 
fen. Dieses blödsinnige <Kamerad, weißt 
du noch?" ist so allgemein. 
<Wie sahen die Schneehemden aus?" 
fragte Charly. Akim ist nicht überrascht. 
<Du meinst den 24. Dezember 1944. Da 
war Schnee, aber es gab keine Schnee- 
hemden. Und wir drei mußten raus, einen 
Stoßtrupp mimen. Befehl von ganz oben. 
Divisionskommandeur an Regiments- 
kommandeur, der an Bataillonskomman- 
deur und weiter an Kompaniechef." 
Charly ergänzt: <Ja, unsere Kompanie 
lag gerade in Reserve. Wir hatten sozu- 
sagen Zeit für Weihnachten. Die anderen 
Kompanien waren in Stellung vorn." 
<Und nun kam der Befehl. So ein kleiner 
Scheinangriff. Der Kompaniechef hatte 
den Auftrag entgegengenommen :,Jawoll, 
Befehl wird ausgeführt'." <Und wir drei 
mußten dann auch ,Jawoll' sagen. Daß 
in der ganzen Kompanie nicht ein einzi- 
ges Schneehemd war, wußten die Kom- 
mandeure sicher nicht." 
<Dem Chef fiel aber etwas ein, das er uns 
zum Trost sagte: Dezember 1941 - rus- 
sische Gegenoffensive vor Moskau - 
Führerhauptquartier hatte geglaubt, vor 
Eintritt der Frostperiode in Moskau zu 
sein - 45 Grad Kälte, dem deutschen 
Landser froren die Füße ab. SBin ich ver- 
standen worden?' sagte der Chef. Und 
wir haben mit den Stiefeln die Hacken 
zusammengeschlagen: die stumme For- 
mel für ,Jawoll'." 
<Ja, wir mußten los. Ohne Schneehem- 
den ein Himmelfahrtskommando. Johnny 
feixte, er nannte die Aktion STrio für MG, 
Leuchtpistole und Handgranate'. Es 
sollte ja nur ein bißchen geballert werden, 
um zu zeigen, daß die Front nicht schläft. 
Befehl von ganz oben." 
<Es mußte sehr schnell gehen, denn der 
Lkw, der Post, Verpflegung und Muni- 
tion nach vorn zu fahren hatte, sollte uns 
mitnehmen. Auf dieser Strecke gab es 
eine gefährliche Stelle. Das war die Furt, 
die unter Beschuß lag. In einem fort 
Artillerie-Einschläge. Aber unser Fahrer 
kannte sich aus. Er sagte nur SWir haben 
über eine Minute Zeit, um durch die Furt 
zu kommen'. Er wartete einen Einschlag 
ab und fuhr dann ohne Hast durch das 
Bachgeröll. Er hatte nur den Befehl, seine 
Ladung nach vorn zu bringen. Wie er das 
machte, war seine Sache. Etwa einen 
Kilometer hinter den Stellungen wurden 
wir abgesetzt. Wir hatten drei Stunden 
Zeit für den befohlenen Scheinangriff. 
Inzwischen waren Postsäcke, Munitions- 
kisten und Verpflegungskanister abge- 
laden. Pünktlich nach drei Stunden fan- 
den wir uns wieder am Gefechtsstand 
ein und fuhren mit dem Lkw durch die 
Furt zurück." 
<Das Beste an der Aktion war aber unser 
~Das Haus am Weinberg" 
,Wehrmachtsbericht', als wir in der Nacht 
beim Chef Meldung machten. Wir hatten 
uns den Bericht bis ins kleinste ausge- 
dacht, damit nichts schiefgehen konnte: 
Nebel, dichter Nebel - hinter die feind. 
lichen Stellungen geraten - dort auch 
Weihnachten - nicht erkannt - zurückge- 
tappt durch den Nebel. Keine besonderen 
Vorkommnisse." 
<So präzise und selbstsicher hatten wir 
noch nie eine Meldung gemacht. Und 
Foto: Hans Kanne 
der Chef stellte überhaupt keine Fragen. 
Die Komödie war vollkommen gelungen." 
<Vergiß den Fusel nicht. Der Chef hatte 
eine Flasche Weihnachtsschnaps und 
goß in Kaffeetassen ein. Vier Tassen 
SSehr zum Wohl', die Tasse in Höhe des 
zweiten Waffenrockknopfes. Die Aktion 
war erledigt. SSehr zum Wohl'." 
Als Charly zehn Minuten später Johnnys 
Nummer wählt, fällt ihm ein, daß er Akim 
eigentlich noch etwas fragen wollte. Der 
trug ja jetzt in seinem Beruf einen weißen 
Kittel. <Auch so ein Schneehemd?" 
hatte Charly fragen wollen. Da meldete 
sich Johnny am Apparat. Er bekommt 
sofort die Frage nach dem Schneehemd. 
Johnny, der Musiker, lacht: ~Das war 
doch die Geschichte, wo wir gestreikt 
haben, nicht wahr?" Charly korrigiert: 
<Es war kein Streik, sondern eine Not- 
wehr-Aktion." Ja, unsere Weihnachts- 
Aktion ,Schneehemd'. Viel Schnee und 
wenig Hemd. Das liegt ja fast 25 Jahre 
zurück, willst du ein Jubiläum vorberei- 
ten: das goldene Schneehemd?" <Im 
Gegenteil", sagt Charly, <ich meine, die 
Sache mit dem Schneehemd ist noch 
nicht zu Ende." 
<Da bin ich aber gespannt", antwortet 
Johnny. Eigentlich ist er gar nicht ge- 
spannt. Ihm ist das Schneehemd völlig 
wurscht. Aber sicher möchte Charly 
etwas aussprechen, also bitte. 
Einen Moment lang ist es still zwischen 
den beiden. Dann wiederholt Johnny 
seine Frage: <Wieso ist die Sache mit 
dem Schneehemd noch nicht zu Ende? 
Wir haben immerhin 1967." 
Charly muß schlucken. Johnny verstand 
ihn nicht. Es gab also Menschen, die das 
nicht empfanden, das Militärische im 
Zivilen. Der alte Fritz in der Bürokratie. 
Charly möchte sagen: Da ist so viel 
,Offizierskasino', da ist die Hierarchie 
von Dienstweg und Weisung. Da ist der 
Bluff, und da ist der Leerlauf. Und wo ist 
die Demokratisierung der Arbeit? Charly 
sagt es nicht, denn Johnny würde viel- 
leicht mit einer militärischen Formel ant- 
worten: Du mußt die Lage erkennen, 
dann beurteilen und schließlich eine Ent- 
scheidung treffen. SWie hast du dich ent- 
schieden?' könnte Johnny fragen. John- 
ny ist Musiker, und in einem Orchester 
ist Teamarbeit. Da mußt du Partitur lesen 
können und ein Instrument beherrschen; 
und einer führt den Taktstock; da hat 
alles seine Ordnung; und da kommt eine 
Leistung zustande. Johnny, der Musiker, 
konnte ihn nicht verstehen. Deshalb sagt 
Charly nur: <Ich habe Angst", und das 
Gespräch ist zu Ende. 
Eine Stunde später sitzt Johnny mit 
Familie unter dem Weihnachtsbaum. 
Aber er sieht nicht das Mini-Raumschiff, 
an dem die beiden Jüngsten eben eine 
unverdächtige Fahne hissen. Er sieht 
eine Telefonkabine auf hoher See. Er 
sieht, wie Charly als FunkerTasten drückt. 
Jetzt hat Johnny verstanden. Charly 
funkt SOS. 
Der Stoßtrupp am Weihnachtsabend ist 
keine Erfindung. Er wurde befohlen, und 
der Befehl wurde ausgeführt. Es waren 
ein Unteroffizier und sieben Mann, die 
ohne Schneehemd am Bahndamm bei 
Kutas vorkrochen. Sie wurden von 
Scharfschützen aufs Korn genommen, 
als sie in ihren feldgrauen Uniformen 
sich auf dem Schneeweiß bewegten. Nur 
vier kamen zurück. Zwei Tote und zwei 
Verwundete blieben im Vorfeld liegen. 
O du fröhliche... 


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