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The History Collection

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Jahrgang 20, Nr. 12 (December 15, 1967)

Fabrizius, Peter
Die Hippies von San Franzisko,   pp. 10-11


Page 10

D er Haight-Ashbury-Bezirk, wo die 
Hippies von San Franzisko leben, ist 
eine Touristenattraktion geworden wie 
Chinatown oder das Hafenviertel. Der 
Name kommt wahrscheinlich davon, daß 
sie ,hep" sind, das heißt modern, zeit- 
gemäß - zum Unterschied zu der alten, 
der ,square" Generation. Man schätzt, 
daß etwa 8000 Hippies hier neben dem 
Golden Gate Park leben, an Wochen- 
enden kommen etwa 10000 zusammen. 
Am <Hippie Hill", einem der vielen Hügel 
der Stadt, halten die Touristenautobusse. 
Jungens und Mädels sitzen in der Sonne, 
viele liebevoll umschlungen. Manche 
zupfen auf Gitarren, andere machen Sei- 
fenblasen. Einige haben zerbeulte Hüte 
von abenteuerlichem Format und Farbe 
auf ihrem langen Haar, grelle Kleider, oft 
phantastisch zusammengestellt und zu-, 
weilen mit orientalischen Symbolen ge- 
schmückt. Sie sind entweder barfuß oder 
tragen Sandalen und sehen aus wie auf 
einem Kostümfest. 
Der Autobus hält, aber die Einheimischen 
schenken den Besuchern kaum Beach- 
tung. Nur ein Mädchen in orangefarbenen 
Hosen und einem mexikanischen Schal 
tritt an einen etwa fünfzigjährigen Herrn 
in grauem Straßenanzug heran, der einen 
sehr korrekten Hut auf dem Kopf trägt, 
gibt ihm eine Margerite und sagt: ~Läch- 
le!" - <Warum?" fragt er verblüfft, und sie 
antwortet: <Weil die Welt so schön ist!" 
Seine Frau zieht ihn am Ärmel, aber ehe 
sie sich retten können, fragt sie ein bär- 
tiger Jüngling mit langem, lockigem 
Haar: <Soll ich ein Gedicht für euch 
machen?" 
Die meisten der sich hier sonnenden 
Menschen sind unter dem Einfluß von 
LSD, Marihuana, Pejote, getrockneten 
Bananenschalen oder anderen bewußt- 
seinserweiternden Medikamenten. Oder 
sie werden es noch vor Einbruch der 
Nacht sein, wenn sie in ihre billigen, kaum 
möblierten Zimmer gegangen sind. Dort 
leben sie in Gruppen von zehn, oft noch 
mehr, umgeben von Symbolen des 
Buddhismus und der Astrologie, von 
Friedenspiakaten,  selbstgezimmerten 
Bücherregalen mit Paperbacks und einer 
Kollektion von Rock 'n' Roll-Platten,denn 
auch im ärmlichsten Zimmer fehlt selten 
ein Plattenspieler. Hier wird auch der ent- 
sprechende Bewußtseinserweiterer ge- 
raucht, getrunken, inhaliert oder ins 
Essen gemischt. Unter ihnen sind Kinder 
im Mittelschulalter, die von zu Hause fort- 
gelaufen sind oder gar kein Zuhause 
haben; Studenten, die ihres Studiums 
überdrüssig geworden sind oder noch 
tagsüber auf die Universität gehen; aber 
auch Vertreter der <normalen" Welt - 
junge Ärzte, Anwälte, Lehrer, Radio- 
ansager, Fernsehmodedamen, Ingenieure 
und Büroangestellte, die tagsüber in der 
Stadt arbeiten und nur am Abend und an 
Wochenenden ein Hippiedasein führen. 
Unter den Studenten und Ex-Studenten 
gibt es einen erstaunlich hohen Prozent- 
satz, möglicherweise mehr als die Hälfte, 
die aus dem Mittelstand kommen oder 
deren Eltern akademische Berufe haben 
(besonders viele sind Psychiater). Eine 
ganze Reihe der Jugendlichen stehen in 
Verbindung mit ihren Eltern, die ihnen 
sogar Geld für ihr Hippieleben schicken. 
Ein besorgter Vater fragte seine Tochter 
am Telefon: <Was machst du eigentlich?" 
und bekam die Antwort: ~Ich lebe. Ich 
sehe die Dinge, wie sie wirklich sind." 
Die 
Hippies 
von 
San 
Franzisko 
Von Peter Fabrizius 


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