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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 19, Nr. 5 (May 15, 1966)

Wiebe, Philipp
Kein Blatt vor dem Mund,   pp. 22-23


Page 22

Oberbürgermeister Nieswandt von Essen im Kreise junger Kabarettisten
S chon fast als traditionell gelten in Es- 
sen jene <Kabarett-Tage", von denen 
man außerhalb der für Geheimhaltung 
bekannten Ruhrmetropole bislang so 
gut wie nichts gehört hat. Um so größer 
ist die Oberraschung des zugereisten 
Beobachters: diese Kabarett-Tage sind 
ein pädagogisch-politisch hochkarätiges 
Ereignis; die den Gedanken dazu hatten 
- vor allem Hans-Erich Körner vom 
Essener Jugendamt und Friedel Hanster 
vom Kulturring Essener Jugend -, haben 
sich tatsächlich etwas einfallen lassen, 
was man so schnell nicht wieder aus- 
fallen lassen sollte. 
Zum dreitägigen ,Rendezvous mit der 
10. Muse" in Essens vorbildlich-groß- 
zügigem Jugendzentrum  hatten sich 
diesmal - wiederum mit Kay Lorentz als 
dem Mentor an der Spitze - <Profis" und 
jugendliche <Amateure" aus dem ge- 
samten Bundesgebiet eingefunden, dar- 
unter Klauspeter Schreiner (Texter bei 
der Münchener Lach- und Schieß- 
gesellschaft), Rolf Ulrich von den ,Sta- 
chelschweinen", Volker Ludwig und 
Günter Schäfer vom Berliner ~Reichs- 
kabarett", Frau Angeloff aus München 
(deren Texte inzwischen vor allem dem 
Nachwuchs zugute kommen) und der 
Publizist und Kabarett-Experte Klaus 
Budzinski (~soweit die scharfe Zunge 
reicht") sowie Conrad Reinhold (ehemals 
Leipziger und ..... im Begriff, nunmehr 
das zweite Nest zu beschmutzen") 
und Ingrid Ohlenschläger, die ebenfalls 
erst kürzlich der Ostberliner ~Distel" 
~nicht leichten Herzens" Valet sagte und 
demnächst beim Kom(m)ödchen mit- 
wirken wird. 
Mit ihnen - und mit Franz Hohler, der aus 
der Schweiz herübergekommen war - 
diskutierten in lebhaften Arbeitsge- 
sprächen die jugendlichen Kabarettisten 
ihre Programme, die sie jeweils an den 
Vorabenden vor einem dicht gedrängten 
und recht aufgeschlossenen Jugend- 
publikum im vielleicht für diesen Zweck 
etwas zu großen Saal des Jugend- 
zentrums in Szene setzten. Der Nutzen 
einer solchen Veranstaltung liegt auf der 
Hand: der für die Jungen und der für die 
Älteren (die nicht anstanden zu be- 
stätigen, daß auch sie lernen konnten), 
für das Publikum und für alle diejenigen, 
die zu überlegen haben, wie Jugend und 
demokratische Politik in ein bewußtes, 
und das heißt immer auch kritisches 
Verhältnis zueinander gebracht werden 
können, ohne daß dabei die ~Unter- 
haltung" im anspruchsvollsten Sinne des 
Wortes zu kurz kommt. 
Welche kabarettistische Jugend war nach 
Essen gekommen? Es traten, eingerahmt 
von einer sehr hörenswerten ,Dusty- 
Lane"-Band, zehn Gruppen auf, die zwi- 
schen sich den weiten Bogen der Mög- 
lichkeiten spannten und  solcherart 
demonstrierten, was unter den unter- 
schiedlichen Voraussetzungen und An- 
sprüchen mehr oder minder gelingen 
kann, immer aber in der Erarbeitung 
schon seinen wichtigen Bildungssinn 
hat. 
(Folgt eine Obersicht über die Beteiligten 
in Stichworten:) 
<Die Pfifferlinge" aus Duisburg-Meide- 
rich, Naturfreunde-Jugend mit Texten 
<Das faule Ei" 
von Angeloff, unprätentiös und daru 
durchaus wirkungsvoll. 
<Die Trampelmuse" ohne Organisation. 
Hintergrund, haben Mühe, ihren eigenE 
Ansprüchen immerzu genügen. 
<Die Freimauler", erstklassiges Studer 
ten-Kabarett aus Frankfurt mit formalE 
Inventionen, die sogar die Berufs-Kab, 
rettisten besinnlich stimmten. Großart 
die Persiflage auf das bundesrepublikan 
sche Wochenend-Zahlenspiel LottoToi 
usw., das nur aus einer Serie von komisc 
feierlich verkündeten Ziffern besteht ur 
das Publikum trotzdem zu Begeisterungs 
stürmen hinriß. Am Formalismus d( 
Frankfurter fiel Kritik von seiten einzeln( 
Profis und Konkurrenten. 
<Die Kabaratten" kommen aus det 
Stuttgarter Jugendhaus, diesmal ehE 
schwach. 
~Das faule Ei", Hamburg, ausgezeichnet 
Musiknummern, z. B. die Entstehung vo 
<Mit 17 hat man noch Träume". Gekonr 
tes Studenten-Kabarett. 
<Die Kratzbürste" kommt aus Solinge 
und fungiert als Milieu-Kabarett inne 
halb der katholischen Jugend. Viel Ane 
kennung für die Tatsache, daß dies 
Gruppe innerhalb des eigenen Milieu 
dieses große Maß kritischen Spielraum 
besitzt. Anderen Milieus zur Nachahmun 
empfohlen. 
<Die Bugenhagener Scha(r)fschützen 
kommen aus Hannover und aus der evar 
gelischen Gemeindearbeit. Sie zeige 
daß sogar eine gewisse evangelische Be 
sinnung in der Form eines Kabarett 
bewirkt werden kann. 
<Die Hammersänger" aus Berlin, Studer 
ten und Schauspielschüler- der 26jährig 
Leiter Helmut Ruge bot unter der Devis 
~So literarisch wie möglich, so hart wi 
nötig" äußerst wirkungsvolle, ebens 
intelligente wie dramatische Analysen. 
<Die Frechdachse", ebenfalls aus Berlir 
zeigten diesmal, wie leicht ein Studenter 
Kabarett den Unbilden des Mitgliedei 
wechsels ausgesetzt ist. 
<Die Scheibenwischer", Bochum, kor 
men aus dem DGB und hatten ebenfall 
Texte von Frau Angeloff in allerding 
allzu theatralischer und darum fast ur 
freiwillig komischer Form bearbeite 
Am letzten Abend gab es kabarettist 
sche Mixturen mit Ingrid Ohlenschläge 
Dieter Süverkrüp, Franz Hohler und Cor 
rad Reinhold. Der letzte zeigte seine 
Film vor, den er aus Wochenschau 
teilen montiert und mit der eigene 
anpassungsfähigen Stimme getönt hatte 
Was gezeigt wurde, war das Unvorstel 
bare, an die Wirkung eines Horror-Film 
Heranreichende: der Staatsbesuch U 
brichts bei Erhard-in Bonn. 
Leider mißlang der Versuch, private Banc 
aufnahmen von Chansons Wolf Biei 
manns aus Ostberlin zu Gehör zu brir 
gen. Die Bänder waren da, aber die Tech 
nik hatte nicht ausgereicht. 
Philipp Wiebe 


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