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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 19, Nr. 5 (May 15, 1966)

Kreuder, Ernst
Fort mit den Attrappen,   p. 10


Page 10

seum, aen zoeaaieneanoi, aas rregs- 
blindenheim kennt er nach Berichten, und 
unsere orthopädischen Ausstellungen 
besuchte er gelegentlich, ebenso die 
Tiefbaukongresse.  Errungenschaften, 
Fortschritt,-soziale Fürsorge, und für die 
Kunst wurde getan, was Stadtverordnete 
für Kunst halten - das sagt er nicht, son- 
dern was sie tun konnten. EndederDank- 
rede, erhobene Gläser, der Beifall strömt 
Erleichterung aus." 
~Soweit, so unerquicklich", sagte Sprott, 
~und dann?" 
~Pause", sagte der OB, ~Geraune, Ge- 
murmel, geziert verzögerter Aufbruch 
zum Kalten Büfett. Tellerschaufeln, Sper- 
berblicke, kalter Fasan, gespickter Reh- 
rücken, Besteckgeklimper. Es tut mir leid, 
auch mit einem Feldstecher kann ich da- 
bei nichts Festliches entdecken." 
~Wenn Sie das alles umkrempeln wol- 
len", sagte der Kritiker, <dann sind Sie 
bei Ihren Wählern unten durch." 
<Mich interessieren nur Vorschläge", 
sagte der OB. 
<Welches Gewerbe betrieb dieser Sieb- 
ziger?" 
~Schriftstellernder Arzt." 
Druckereien an den Einladungen verdie- 
nen, wie wär's mit Federzeichnungen 
nicht von Rembrandt, sondern von hiesi- 
gen Künstlern, die noch leben, obwohl 
sie mitunter im Jahr nur ein Bild verkau- 
fen?" 
<Läßt sich hören, und wie denken Sie 
sich den Text?" 
~Zur Federzeichnung ein Aphorismus 
als Wegweiser." 
<Zum Beispiel?" 
SLas gerade bei einem  polnischen 
Schriftsteller paar brauchbare Sprüche. 
Er schrieb: ,Bekränzen wir nur denen die 
Stirn, die eine haben.' Oder: SUm an die 
Quelle zu kommen, muß man gegen den 
Strom schwimmen.' Oder diesen: SAch, 
wäre doch die höchste Staatswürde die 
menschliche."' 
~Wäre mal etwas anderes", sagte der 
OB nachdenklich, <und der Text?" 
<Zum Aussuchen, entweder ,machen Sie 
uns die Freude' oder das Vergnügen 
uns am soundsovielten zu besuchen, 
<Ausleihen", sagte Sprott, <oder warum 
nicht gleich aufs Wasser gehn?" 
<Wir haben hier keinen passablen Fluß." 
~Busfahrt zum nächsten geräumigen 
Flußdampfer. Muß es denn immer das 
Rathaus oder das Parkhotel sein?" 
~Muß es nicht, doch Sie vergessen die 
Wetterverhältnisse." 
<Auch bei Regen oder Schneetreiben", 
sagte der Kritiker, ~kann's auf Dampfern 
behaglich  sein. Improvisierte große 
Schiffsbar, geheizter  Passagiersaal, 
ringsum hohe blanke Fensterscheiben. 
Was sehen Ihre Gäste im Hotel oder im 
Rathaus? Wände." 
~Und wann wird's endlich festlich wer- 
den?" 
<Wir versuchen zunächst, das Klima 
vorzubereiten, die fahrende, dahinziehen- 
de, die gleitende, an große Ferien oder 
an Auswanderungen erinnernde Atmo- 
sphäre , 
,Ehrenempfang als Auswanderung?" 
~Ihr Argument in Ehren", sagte Spro 
<und in unserer BR gibt es inzwische 
aber Hunderte von Millionären. Obrigei 
hatte Flaubert gegen Ende seines Lebei 
sein gesamtes Vermögen verloren." 
<Was erwarten Sie denn noch alles v< 
unserem Ehrensiebziger?" 
<Sie wollten doch von den Schablone 
loskommen, von den Attrappen der ho 
len Konvention. Ich erwarte von ih 
nichts Ungehöriges, nur, daß uns hi 
einer mal bündig und ohne Wallung sa 
was er nach siebzig Jahren unbesch 
nigt und zweifelsfrei denkt, keine Klage 
nichts von persönlicher Misere, ruhig 
aber unverhüllte Worte, sie sollen d 
Gäste nicht schockieren, aber sie sollt( 
völlig unerwartet gesprochen werd 
und ihnen jenen leichten Ruck gebe 
der die Erkenntnis bei ihnen vorbereite 
daß eine Feierstunde auch einmal etwi 
anderes werden kann als der üblich 
gutgemeinte aber im Grunde doch w 
senlose Zeitvertreib." 
~Werde mir das mal überlegen müssen 
sagte der OB, ~ich bin Ihnen sehr dan 
bar für diese interessanten Anregungen 
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