University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
The History Collection

Page View

Aufwärts
Jahrgang 19, Nr. 2 (February 15, 1966)

Meggs
...alle Scheiben im Schrank?,   p. 22


Page 22

andere Haitte Leutschlands zu bericti- 
gen und uns zu informieren, beispiels- 
weise durch die genannte LP: <Wolf Bier- 
mann (Ost) zu Gast bei Wolfgang Neuss 
(West)" (843742 PY). Der aus Schlesien 
gebürtige Westberliner Neuss kritisiert 
darauf westdeutsche Überheblichkeit, 
Gedankenlosigkeit und Militärfreude, der 
in Hamburg geborene Ostberliner Bier- 
mann attackiert ostzonale Militärfreude, 
Schematisierung und die Einschränkung 
der freien Meinung. Und das alles geht 
in einer heiteren und lockeren Weise vor 
sich, als wäre solch eine Begegnung 
selbstverständlich. Man spürt beim An- 
hören dieser LP freilich auch deutlich den 
Unterschied zwischen westlichem und 
östlichem Kabarett: Wo der Prosaiker 
Neuss offen und direkt attackieren darf 
und nur durch Wortspiele und satirische 
Übertreibung die Schärfe mildert, da 
hüllt der Balladensänger Biermann seine 
Angriffe in Vergleiche und kleine Ge- 
schichten, bei denen Ihr genau hinhören 
müßt, wenn Ihr die Satire erkennen wollt. 
Einmal auf dieser LP aber wird Biermann 
ganz ernst: 
~Soldaten sehn sich alle gleich, 
lebendig und als Leich." 
Und das gilt ja wohl für die Soldaten von 
Ost und West. 
Klassik aus der UdSSR 
E inen beträchtlichen Ostimport - aller- 
dings anderer Art- betreibt neuerdings 
Eurodisc: Originalaufnahmen von soge- 
nannter <Klassischer" Musik aus der 
UdSSR. Bisher hatten zwar einige ganz 
berühmte russische Interpreten - etwa 
Swjatoslaw Richter oder David Oistrach- 
gelegentlich auch in westlichen Ländern 
Platten eingespielt, und diese waren oft 
genug mit Preisen geschmückt worden; 
Eurodisc allerdings ist es erstmals ge- 
lungen, Originaltonbänder von sowjet- 
russischer Inlandproduktion einzufüh- 
ren, die in Deutschland auf LP's verviel- 
fältigt werden. Schon in der ersten An- 
gebotsliste begegnen uns viele Bekannte: 
Oistrach Vater und Sohn, Richter, Leonid 
Kogan und andere. Daneben abertauchen 
nie gehörte (und oft schwer auszuspre- 
chende) Namen auf. 
So ist zum Beispiel Gennadi Roshdest- 
wensky, der Chefdirigent des Großen 
Moskauer Rundfunk- und Fernsehorche- 
sters und neuerdings Leiter des berühm- 
ten Moskauer Bolschoi-Theaters, hier in 
Deutschland praktisch unbekannt. Welch 
ein stilistisch modern und exakt musizie- 
render Dirigent er ist, spürt man schon 
bei den ersten Takten von Strawinskys 
Suite aus <Die Geschichte vom Solda- 
ten", die auf der Eurodisc-LP S 73583 KK 
erschienen ist: Frischer, klarer und prä- 
ziser als auf den meisten europäischen 
Aufnahmen dieses eigenwillig instru- 
mentierten Stückes wird hier musiziert, 
die melodischen Linien der Soloinstru- 
mente treten deutlich heraus und ordnen 
sich doch zu einem rhythmisch packen- 
den Ganzen. Genauso durchsichtig spie- 
len die Solisten auch Prokofieffs frühes 
~Quintett für Oboe, Klarinette, Violine, 
Viola und Kontrabaß" (auf der Rückseite 
der LP), ein in Deutschland noch unbe- 
kanntes Werk des sonst hier recht belieb- 
ten Komponisten. Trotz sich reibender 
Akkordverbindungen, trotz der an unge- 
wöhnlichen Sprüngen reichen Melodien 
erscheint dies Werk gegenüber der Suite 
von Strawinsky etwas blaß und harmlos, 
vor allem wegen seiner durchweg einge- 
haltenen Trennung von Bläsern und 
Streichern, die recht konventionell ist. In 
den schnellen Sätzen dieses (ursprüng- 
lich 1924 für eine Pantomime geschrie- 
benen) Quintetts allerdings kommen Pro- 
kofieffs burlesker Humor und seine Le- 
bensfreude zum Ausdruck, die wir an 
seinen bei uns schon bekannten Werken 
so schätzen. 
Immerhin ist es erstaunlich, daß solche 
von russischen Komponisten im Westen 
geschaffenen Werke, die bis vor wenigen 
Jahren in der UdSSR noch als ,formali- 
stisch" unterdrückt wurden, heute von der 
staatlichen ,Melodia"-Plattenproduktion 
jedem Sowjetbürger zugänglich gemacht 
werden. Es scheint auch hierbei, daß wir 
noch manche Klischeevorstellung über 
den Osten abzubauen haben. Das Haupt- 
angebot der durch Eurodisc vertriebenen 
russischen Originalaufnahmen betrifft 
allerdings nicht die Moderne (bei uns ja 
auch nicht), sondern das 19. Jahrhundert. 
Vor allem Beethoven ist stark vertreten 
und augenscheinlich in Rußland sehr ge- 
schätzt. 
Zwei,Streichtrios aus op. 9 von Ludwig 
van Beethoven bietet die LP 73608 KK. 
Es sind Trios, die am Anfang der ,reifen" 
Periode in Beethovens Schaffen stehen, 
aber schon deutlich jene Kennzeichen 
tragen, die Beethoven fürviele zum <größ- 
ten Komponisten aller Zeiten" werden 
lassen: die Verbindung von klar über- 
schaubarer, klassisch ausgewogener 
Form mit romantischer Ausdrucksstärke. 
In den Bereich des <Klassischen" ist 
rigens in den letzten Jahren mehr 
mehr auch die Jazzmusik gerückt, 
nigstens die modernere. Zwar beste 
auch von dort aus immer noch Ver 
dungen zur <leichten Muse", zum 
gängigen, sogar zum Schlager. ,Re 
Jazzaufnahmen hingegen finden - 
die ~klassische" Musik - nur eine 
grenzte Zahl von Liebhabern. 
F ontana versucht seit einigen Mone 
durch preisgünstige LP's dem mo( 
nenJazz eine breitere Hörerschicht zu 
den: mit seinen ,Jazz Club Series". D 
werden von berühmten Musikern 4 
nahmen neu herausgebracht, die m 
schon zehn oder mehr Jahre alt sind 
Vol. 20 dieser Reihe - <Warm! Clifi 
Brown" (883270 JCY) ist dies freilich 
rade ein Vorteil. Denn von dem so j 
gestorbenen Trompeter Clifford Br 
wird zwar oft gesprochen, aber nur 
nige Platten sind von ihm im Uml 
~Warm!" beweist, welch eine Ausn 
meerscheinung Clifford unter den Tr, 
lpetern war. Technisch versiert fast 
Gillespie, mit abgerundeter Melodie 
dung mehr noch als Miles Davis, mit 
lem, warmem Ton begabt wie Louis A 
strong, mit diesen Eigenschaften m 
Clifford heute ein Spitzenstar, gäbe 
keine Autounfälle. So ist die LP von F 
tana ein Dokument, das außerdem n 
den Vorzug hervorragender Arrar 
ments von Jack Montrose und des 
norspiels von Zoot Sims hat, des 
weiche Melodieführung eine präch 
Ergänzung zu Cliffords Trompeten. 
bietet. ,Warm!" wird durch Arrafi 
ment und Solisten mehr als ein Platl 
titel, es wird zu einem treffenden Ke 
zeichen für das, was die LP aus ihren 
len strömen läßt. Sie wird Euch -so h 
ich - ebensosehr erfreuen wie 
Euren Meggs 
Foto: Wolf Krabel 


Go up to Top of Page