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Jahrgang 19, Nr. 2 (February 15, 1966)

Mathias, Robert
Schülergenossenschaften in Senegal,   p. 12 and 13


Page 12 and 13

Sch ülergenossenschaften 
in Senegal 
ieber Freund, wenn Du wüßtest, wie 
nützlich eine Genossenschaft sein 
kann, dann würdest Du in Deiner Schule 
eine gründen. Wenn zum Beispiel ein 
Junge in der Klasse krank wird, tritt die 
Genossenschaft gleich in Aktion und 
kauft Medizin für ihn oder bestellt einen 
Wagen und läßt ihn ins Krankenhaus 
bringen ..." 
~Die Genossenschaft kann Dir auch 
Lese-, Rechen- und Erdkundebücher be- 
sorgen und außerdem Federn und Kreide, 
falls die Schule keine Lehrmittel mehr vor- 
rätig hat. Eines Tages sollten wir eine 
Schulaufgabe schreiben, und ich hatte 
keine Feder. Da lieh mir die Genossen- 
schaft fünf Franken, damit ich mir eine 
kaufen konnte. Ohne ihre Hilfe hätte ich 
die Prüfungsarbeit versäumt... Dank der 
Genossenschaft gibt es bei uns keine 
Unterschiede mehr zwischen armen und 
reichen Schülern. Jeder hat die gleichen 
Chancen." 
Jeden Sonntag  und  Donnerstag (in 
Senegal ein schulfreier Tag) gehen wir in 
den Wald, um Mahagoni-Nüsse zu sam- 
meln. Die verkaufen wir an die Forstver- 
waltung ... Außerdem suche ich mir oft 
Zweige, aus denen ich Körbe, Stühle und 
Tische flechte. Die Genossenschaft ver- 
mittelt massenhaft Aufträge für solche 
strohgeflochtenen Sachen ..." 
So schreibt ein Schuljunge aus Senegal. 
Er wohnt in Tivaouane, einer kleinen Stadt 
iistlich von Dakar. Seinen Brief richtete 
er an einen Freund, dem er die Vorteile 
seiner Schülergenossenschaft erklären 
wollte. Diese Bewegung, die 1962 in Sene- 
gal ihren Anfang nahm, hat in den ver- 
Von Robert Mathias 
gangenen drei Jahren beachtliche Aus- 
maße erreicht und darf heute als das 
gr ßte derartige Unternehmen in Afrika 
bezeichnetwerden. Die iungen Genossen- 
schaftler Senegals wurden von der Inter- 
nationalen Genossenschaftlichen Ver- 
einigung mit besonderer Anerkennung 
ausgezeichnet, und bei der internationa- 
len Ausstellung von Schülerarbeiten, die 
1964 in Perpignan (Frankreich) stattfand, 
wurden ihre Leistungen gewürdigt. 
Die Tätigkeit der Schülergenossenschaf- 
ten Senegals hat den Rahmen der Schule 
längst gesprengt. Diese Genossenschaf- 
ten sind in Wahrheit eine Schule der 
Demokratie und tragen nicht unwesent- 
lich zur Wirtschaftsentwicklung des Lan- 
des bei. 
Bei ihren Versammlungen und in ihren 
Ausschüssen, in denen Kasten-, Stam- 
meszugehörigkeit oder soziales Herkom- 
men keine Rolle spielen, lernen die Schü- 
ler, wie eine Demokratie funktioniert, wie 
man ein Budget verteilt und verwaltet, wie 
man Verantwortung trägt.Auf diese Weise 
bereiten sie sich auf ihre Aufgaben als 
Staatsbürger vor. 
So beschreibt z. B. der Schüler Abdou- 
laye Senghor aus Foundiougne (einer 
Stadt etwa 100 km südlich von Dakar) eine 
lebhafte Diskussion bei einer Versamm- 
lung seiner Schülergenossenschaft. 
,Zwei Monate nach der Wahl des neuen 
Ausschusses, zu dessen Sekretär ich 
bestellt wurde, machten uns einige Jun- 
gen aus dem Sportausschuß Schwierig- 
keiten. Sie verbreiteten das Gerücht, daß 
die Wahl nicht fair gewesen sei und daß 
man mir dieses Amt als Sekretär nur zu- 
gesprochen habe, weil ich Klassenbester 
sei und nicht, weil die Genossenschafts- 
mitglieder zu mir Vertrauen hätten. Das 
ging mir sehr zu Herzen. Ich drang dar- 
auf, daß eine weitere Versammlung ein- 
berufen wurde. 
Bei dieser Versammlung aber interes- 
sierten sich die Unzufriedenen überhaupt 
nicht für den Fortgang der Verhandlun- 
gen, sondern schwatzten und trieben Un- 
sinn. So rief ich sie zur Ordnung und 
sagte: Wenn die unzufriedenen Mitglie- 
der wirklich etwas für das Gedeihen der 
Genossenschaft übrig haben, werden sie 
stillsitzen und aufmerksam sein.' Das 
schien sie zu beeindrucken. Boubacar, 
der Anführer der Gruppe, hob die Hand 
und sagte: ,ch bin nicht gegen den ge- 
samten Ausschuß, aber ich glaube, daß 
der Vorsitzende nicht für sein Amt ge- 
eignet ist.' Es gab einige Zustimmung, 
doch dann erhob sich ein Mitglied und 
sagte, daß Boubacar zwar mit Kritik 
schnell bei der Hand sei, nicht aber be- 
reit sei, selbst etwas für die Sache zu tun. 
Auf diese Bemerkung hin gab es noch 
mehr Applaus. Es schloß sich eine Dis- 
kussion an, die zu keinem greifbaren 
Ergebnis zu führen schien. Da forderte 
ich die Versammlung auf, neue Namens- 
vorschläge für die Ausschußmitglieder 
zu machen. 
Drei Schüler erhielten die meisten Stim- 
men, und wir wollten gerade die Namen 
des Vorsitzenden, des Sekretärs und des 
Schatzmeisters verlesen, als unser Leh- 
rer hereinkam. ,Ich sehe mit Freude', sagte 
er, ,daß ihr imstande seid, eure Angele- 
genheiten selbst zu regeln und euch wie 
mündige Bürger zu benehmen. Aber ich 
glaube doch, daß man dem ersten Aus- 
schuß für seine Bemühungen danken 
sollte, und mein Vorschlag wäre, daß man 
seinen Vorstand als stellvertretenden 
Vorsitzenden, stellvertretenden Sekretär 
und Schatzmeister kooptieren sollte.' Der 
Vorschlag wurde sofort angenommen, 
und alles klatschte Beifall. Dann gingen 
wir zum nächsten Punkt der Tagesord- 
nung über." 
Ein großer nationaler Wettbewerb 
Die Genossenschaften geben den Schü- 
lern auch landwirtschaftlichen Unterricht. 
In einem Land wie Senegal, wo die Führer 
der Nation darauf bedacht sind, die Wirt- 
schaft des Landes durch die Steigerung 
der Enteerträge und den Anbau neuer 
Feldfrüchte zu fördern, ist der Schulgar- 
ten häufig der einzige Platz im Dorf, we 
die Bevölkerung seltenes Frischgemüse 
zu sehen bekommt, wie z. B. Tomaten, 
Möhren, Rettiche und Endiviensalat, und 
wo die rationelle Nutzung von Dünge- 
mitteln oder eine vernünftige Vorratshal- 
tung vorgeführt wird. Diese Gärten sind 
nicht nur anregend für die Bauern des 
Dorfes; sie liefern auch Lebensmittel für 
die Schulkantine und finanzieren durch 
den Verkauf ihrer Produkte mancherlei 
schulische und außerschulische Unter- 
nehmungen der Jugend. 
Die Regierung Senegals ist sich des 
Wertes und Einflusses der Schüler- 
genossenschaft wohl bewußt. Um ihre 
Leistungen auch im Hinterland bekannt- 
zumachen, hat das Landwirtschaftsmini- 
sterium in den vergangenen drei Jahren 
zusammen mit dem Ministerium für Er- 
ziehung und technischeAusbildungeinen 
Wettbewerb veranstaltet, an dem sich 
alle Genossenschaften der Volksschulen, 
Berufsschulen und Landwirtschaftsschu- 
len Senegals beteiligten. 
Unter den 308 Konkurrenten aus 275Schu- 
len, die bei den Jahresausscheidungen 
in die engere Wahl kamen, fiel der Preis 
auf vier Gewinner, zwei Schüler und zwei 
Lehrer, die sich als die besten Genossen- 
schaftsleiter ausgezeichnet hatten. Der 
Preis für die beste Gesamtleistung wurde 
der Schülergenossenschaft in Djilor zu- 
sammen mit dem Verband der Schüler- 
genossenschaften von Foundiougne zu- 
erkannt. Sie hatten, neben vielen anderen 
Aktivitäten, den Erlös aus Vorstellungen 
des Schülertheaters dazu benutzt, Saat- 
gut und ein Filmvorführgerät zu kaufen. 
Vier Preisträger reisten nach Europa 
Die Mitglieder des Genossenschafts- 
komitees von Foundiougne wurden nach 
Dakar eingeladen und von Staatspräsi- 
dent Leopold Senghor sowie der Natio- 
nalversammlung empfangen. Die gleiche 
Ehre widerfuhr den vier Einzelpreisträ- 
gern, die von Genossenschaftsgruppen 
in Frankreich und in der Schweiz einge- 
laden wurden, diesen Sommer sechs 
Wochen in Europa zu verbringen. 
Gagnesiry Seye, eine 14jährige Schülerin 
aus dem Dorf Thilmaka, Issa Diouf, ein 
Lehrer aus der Schule N'Doucoumane, 
Alioune Fall, 13, ein Schüler aus Tivaou- 
ane und der Lehrer Ousmane Diagne be- 
trachteten ihren Europaaufenthalt nicht 
als Luxusurlaub. Sie krempelten die 
Ärmel hoch und arbeiteten Seite an Seite 
mit anderen Jugendlichen am Bau eines 
internationalenLehrlingszentrums in Bon- 
net (Frankreich). 
Nach zweiwöchigem Lagerleben kamen 
sie nach Paris, um sich einige Sehens- 
würdigkeiten anzuschauen. Sie wurden 
im UNESCO-Haus empfangen und von 
Rundfunkreportern interviewt. Dabei er- 
zählte Alioune Fall: ,Zu Hause stehe ich 
um 6 Uhr auf, um den Genossenschafts- 
garten zu gießen, bevor ich in die Schule 
gehe. Meinem Vater war das anfangs 
nicht recht. Er meinte, ich könnte auf der 
Straße bösen Geistern begegnen. Die 
Lehrer mußten lange mit ihm reden, um 
ihn zu überzeugen, daß es keine Geister 
mehr gibt." Gagnesiry Seye berichtete, 
daß sie jeden Donnerstag und Sonntag 
Erdnüsse gepflückt hat. Von dem Erlös 
konnte sich die Schülergenossenschaft 
Geräte für den Schulgarten kaufen. 
Was will die Genossenschaft 
Während diese Jugendlichen, wie die Mit- 
glieder von Schülergenossenschaften in 
anderen Ländern der Welt, einen Teil 
ihrer Einkünfte dazu benutzen, landwirt- 
schaftliche Geräte, Lehrmittel und sogar 
Baumaterial zu kaufen, um das unzurei- 
chende staatliche Budget für den Schul- 
bau aufzufüllen, vergessen sie nie, daß 
der Geist derGenossenschaft nichtauf die 
Schulen beschränkt sein sollte. 
Viele Genossenschaften haben, wie der 
mit einem Preis ausgezeichnete Lehrer 
Ousmane Diagne uns erklärte, beispiels- 
weise Geld aus ihren Fonds für die Lepra- 
bekämpfung oder für die Aktion ,Brot für 
die Welt" zur Verfügung gestellt., Aber 
die Genossenschaft in Foundiougne tut 
sogar etwas noch Ungewöhnlicheres", 
sagte er. ,Wohl zum erstenmal zahlen die 
Kinder für die nachgeholte Schulbildung 
ihrer Eltern. Wir haben in Foundiougne 
nämlich aus den Mitteln der Schüler- 
genossenschaft einen Lehrer angestellt, 
der erwachsene Analphabeten unterrich- 
tet. Er wird die Bauern in einem abgelege- 
nen Dorf, in dem es keine Schule gibt, 
Lesen und Schreiben lehren." 
(UNESCO) 
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