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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 19, Nr. 2 (February 15, 1966)

Schneider, Dieter
Aus der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung,   pp. 8-9


Page 8

Schneider 
August Bebel 
140 bis 1913 
A ugust Bebel liebten und verehrten die 
Arbeiter weit über Deutschland hin- 
aus als den getreuesten Dolmetsch ihrer 
Sehnsüchte. 
Franz Mehring, Historiker der deutschen 
Sozialdemokratie und im  Sachlichen 
durchaus nicht Immer einig mit Bebel, 
formulierte: <Er war, wie kein anderer vor 
ihm und mit ihm, mit der Arbeiterbewe- 
gung verwachsen, und sein Denken, Füh- 
len und Streben haftete mit allen Wurzeln 
so tief in ihrem Boden, aus diesem Boden 
sog er so ausschließlich die Kräfte seines 
Lebens, daß jede besondere Eigentüm- 
lichkeit seines Wesens darin erlosch. 
Was die Schwaben von Uhland zu sagen 
pflegen, das sagten und sagen die deut- 
schen Arbeiter von Bebel: Jedes Wort, 
das er gesprochen hat, ist uns gerecht 
gewesen." 
Bebel war der größte Parlamentarier sei- 
ner Zeit, der Held unzähliger Rede- 
schlachten, inner- und außerhalb des 
Deutschen Reichstages. Mit seinem Tode 
am 13. August 1913 sank eine Epoche ins 
Grab. Der Geschichte seiner Partei hat er 
im ersten halben Jahrhundert ihres Be- 
stehens unveräußerlich seinen Stempel 
aufgedrückt. Was Karl Marx, Ferdinand 
Lassalle, Wilhelm Liebknecht oder Jo- 
hann Baptist von Schweitzer nicht ver- 
mochten - Bebel hat es geschafft. <Er 
war", so Friedrich Naumann, <mehr als 
sie alle, denn er war Fleisch vom Fleisch 
und Bein vom Bein des Volkes, ein Kind 
der Volksschule, selber Lehrling und 
Geselle gewesen, handarbeitend, derb 
und phantastisch, anschaulich, deutsch." 
Carl von Ossietzky über August Bebel 
Am treffendsten hat Carl von Ossietzky 
sein Auftreten charakterisiert, in einem 
glänzend geschriebenen Leitartikel der 
,,Weltbühne" aus dem Jahre 1927: 
<Die Gedanken fliegen um fast zwei Jahr- 
zehnte zurück. Ein großer verräucherter 
Versammlungssaal. Viel tausend Men- 
schen dicht zusammengedrängt. Arbei- 
ter, Arbeiter. Es ist schon heldenhaft, hier 
in diesem stickigen Pferch stundenlang 
auszuhalten. Und plötzlich bricht ein 
Orkan von Begeisterung aus. An der 
Rampe ist ein kleines gelblich-graues 
Männchen erschienen, ein gebücktes, 
kränkliches Männchen mit mächtigem 
schneeweißem Haarschopf. Der Alte ist 
schon schwerkrank. Die Ärzte haben ihm 
Schonung auferlegt; er soll nach Mög- 
lichkeit nicht mehr öffentlich reden. Doch 
wie er zu sprechen beginnt, weicht dieser 
Eindruck von Hinfälligkeit. Breite aus- 
holende Geste, helle jugendlich-timbrie-. 
rende Stimme. Kommandostimme, ge- 
wohnt, Hunderttausende in Gleichtakt zu 
bringen, und die mächtige weiße Tolle 
weht dazu wie ein Helmbusch. Aber der 
Alte ist mehr als ein effektsicherer Spre- 
cher, nicht Beredsamkeit trägt ihn: er rei- 
tet auf einer Woge von Vertrauen . . . 
Einen Volksdichter hat ihn Friedrich Nau- 
mann in einem Nachruf genannt. In der 
Tat, er spielt auf dem Volk wie auf einem 
edlen Instrument: er bringt es zum Klin- 
gen, er entlockt ihm Liebe und Haß, bittre 
Seufzer und sternklare Sehnsucht. 
Plötzlich senkt er die Stimme sein 
Gesicht wird ganz böse, er schwingt den 
Zeigefinger wie einen Bake: SMan hat 
euch das Wahlrecht verschlechtert, und 
ihr habt euch das gefallen lassen!' Und 
diese dreitausend Männer werden plötz- 
lich zu heruntergeputzten Schulbuben: 
Sie senken die Köpfe, sie schämen sich. 
Schweigen. Doch da wirft der Alte das 
Haupt in den Nacken, Jubel bricht fanfa- 
renhaft aus der Stimme: SDas ist eine 
Scharte, die muß ausgewetzt werden, 
kann ausgewetzt werden! Ich habe Ver- 
trauen zu euch, daß ihr es tut. Wenn ich 
wieder in eure Stadt komme, wird alles 
wieder in Ordnung sein - das weiß ich.' 
Ein einziges leidenschaftliches Ja braust 
auf wie ein vieltausendstimmiger Fahnen- 
eid für die heilige Sache..." 
Ohne Eltern, Wanderjahre, Freund- 
schaft mit Wilhelm Liebknecht 
Ferdinand Lassalles Tat war 1863 der Än- 
stoß zur Gründung des Allgemeinen 
Deutschen Arbeitervereins. Nach einer 
Periode der Resignation, die der geschei- 
terten bürgerlichen Revolution von 1848 
folgte, hat er sich, schnell entschlossen, 
an die Spitze einer bereits bestehenden 
Strömung gesetzt und fortgeschrittenen 
Arbeitern den Wert einer eigenen Partei 
und parlamentarischen Vertretung nahe- 
gebracht. Bebel aber machte aus Ver- 
einen eine Massenpartei, hielt die Partei 
in der Zeit des Sozialistengesetzes zu- 
sammen und führte sie zu ihrer Größe. In 
ihm, dem  bedeutendsten deutschen 
Arbeiterführer überhaupt, personifiziert 
sich bis in die feinsten Nuancen die Ent- 
wicklungsgeschichte der deutschen Ar- 
beiterbewegung. 
Der am 22. Februar 1840 als Sohn des 
Unteroffiziers Johann Gottlob Bebel in 
der trostlosen Kasematte von Köln- 
Deutz Geborene hatte keine erfreuliche 
Jugend. Fünf Jahre war er alt, als sein 
Vater, dreizehn, als seine Mutter starb. 
Von Köln zog die Mutter nach dem Tode 
des zweiten Mannes in ihre Heimat Wetz- 
lar zurück. Dort verlebte August Bebel 
seine Jugendzeit, ging er zur Schule und 
erlernte er das Drechslerhandwerk. 
Auf der Wanderschaft gehörte der 
Drechslergeselle den katholischen Ge- 
sellenvereinen in Freiburg und Salzburg 
an, deren religiöse Toleranz er in seinen 
Lebenserinnerungen hervorhebt. 1860 
schließlich gelangte er nach Leipzig, be- 
teiligte sich dort 1862 an der Gründung 
des Gewerblichen Bildungsvereins und 
vertrat diesen Verein bereits 1863 auf dem 
1. Vereinstag der Arbeiterbildungsvereine 
in Frankfurt am Main. 
Bebel begann seine politische Arbeit als 
radikaler bürgerlicher Demokrat und ent- 
wickelte sich unter dem Einfluß seines 
Freundes Wilhelm Liebknecht Schritt für 
Schritt zum  überzeugten Sozialisten. 
<Aber Sozialist wäre ich auch ohne ihn 
geworden", erläutert er, <denn dazu war 
ich auf dem Wege, als ich ihn kennen- 
lernte." Und fügt hinzu: ~Zweifellos (hat) 
mein Umgang mit Liebknecht meine 
Mauserung zum Sozialisten beschleu- 
nigt..." 
Die mehr als dreißigjährige Freundschaft 
zwischen dem in der Kasematte von Köln- 
Deutz geborenen Unteroffizierssohn Be- 
bel und Wilhelm Liebknecht, dem Revo- 
lutionär von 1848, ist für die deutsche 
Arbeiterbewegung wichtiger gewesen als 
die Zusammenarbeit zwischen Marx und 
Engels. Das tut der unvergleichlichen, 
weltbewegenden Leistung der Schöpfer 
des wissenschaftlichen Sozialismus kei- 
nen Abbruch. Aber die einen befaßten 
sich in London und Manchester vorwie- 
gend mit theoretischen und internationa- 
len Fragen, die anderen bauten unter un- 
vorstellbar schwierigen Verhältnissen 
eine Massenpartel auf und fanden neben- 
bei noch Zeit, Gewerkschaften gründen 
zu helfen. Bebels und Liebknechts 
Lebenswerk wird in der Regel unter- 
bewertet - ganz zu schweigen von Ver- 
suchen in Ost und West, der Opportuni- 
tät halber Geschichte umzuschreiben. 
Bebel hatte nach Mehring alles, was Lieb- 
knecht fehlte: <Ein praktisches Organi- 
sationstalent ersten Ranges, eine intime 
Kenntnis der Arbeiterklasse und eine un- 
vergleichliche Fähigkeit, ihre leisesten 
Pulsschläge mit sicherer Hand abzu- 
tasten." 
Beide waren am 19. August 1866 führend 
an der Gründung der kleinbürgerlich- 
demokratischen und antipreußischen 
Sächsischen Volkspartei beteiligt, die 
sich vor allem auf den damals intelligen- 
testen Teil der deutschen Arbeiterschaft 
stützte: der Sachsens. Wenige Monate 
später schickten die Weber des Wahl- 
kreises Glauchau-Meerane den Sieben- 
undzwanzigjährigen in den Verfassung- 
gebenden Norddeutschen Reichstag. Ein 
Jahr darauf bestätigten sie bei der Wahl 
zum 1. Norddeutschen Reichstag sein 
Mandat. 
In einer Kampfabstimmung wurde Bebel 
1867 auf dem 4. Vereinstag in Gera zum 
Vorsitzenden des Verbandes deutscher 
Arbeitervereine gewählt, der Dachorga- 
nisation der Arbeiterbildungsvereine. 
1869 löste er den Verband unmittelbar 
nach dem Entstehen der Sozialdemokra- 
tischen Arbeiterpartei auf. 
Der Verband deutscher Arbeitervereine 
hatte sich 1863 im Gründungsjahr des 
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins 
gebildet, um eine Arbeiterpartei zu ver- 
hindern. Der gute Kern des Verbandes, 
der sich bereits 1868 auf den 5. Vereins- 
tag zu den Statuten der Internationalen 
Arbeiter-Assoziation, der Ersten Inter- 
nationale, bekannte, ging ebenso wie der 
aus Arbeitern bestehende Stamm der 
Sächsischen Volkspartei in der Sozial- 
demokratischen Arbeiterpartei auf. Der 
Verband deutscher Arbeitervereine hatte 
seinen Zweck als Durchgangsstadium 
der modernen Arbeiterbewegung erfüllt. 
Bebel war einer der ersten, wenn ni 
sogar der erste Abgeordnete, der 
regelmäßigen Volks- und Wählerv 
sammlungen'ausführlich über seine p 
lamentarische Arbeit berichtete. Als i 
das Leipziger Bezirksgericht im Juli 1 
wegen angeblicher Majestätsbeleidigti 
seinen Sitz im Deutschen Reichstag 
sprach, entsandten ihn die Weber a  E 
Glauchau-Meerane in der erforderlich 
Nachwahl mit3000 Stimmen mehralsv, 
her wieder nach Berlin. Dort hatte er s 
bereits in der ersten Sitzungsperic 
einen Namen als Debattenredner 
macht. 
Unter dem Sozialistengesetz 
Auf den Wahlkreis Glauchau-Meera 
folgten Dresden-Altstadt und Hamburf 
Beide wurden erst durch Bebel für 
Sozialdemokratie erobert. Hamburg 1 
gar unter dem Sozialistengesetz, mit d( 
sen Fall 1890 der große Aufschwung c 
Partei einsetzte, die mehr und mehrWa 
ler um sich scharen konnte. 
Die innere Voraussetzung dafür, der 7 
sammenschluß des Allgemeinen Dei 
schen Arbeitervereins (Lassalleaner) r 
der Sozialdemokratischen Arbeiterpar 
(Eisenacher) zur Sozialistischen Arb 
terpartei Deutschlands, vollzog sich 1 
in Gotha. Vorher allerdings schaffte si 
der Allgemeine Deutsche Arbeiterver( 
das Haupthindernis in Gestalt sein 
autoritären Präsidenten Johann Bapt 
von Schweitzer vom Halse. 
Nach dem Fall des Sozialistengesetz 
änderte die Partei ihren Namen in Sozi 
demokratische Partei Deutschlands. B 
bei übernahm zunächst die Funktion d 
Kassierers, wurde aber 1892, auf d( 
Parteitag in Berlin, zusammen mit Peý 
Singer, einer der beiden gleichberechti 
ten Parteivorsitzenden. 
Musterstatut für Gewerkschaften 
Den im Schatten der beiden zerstrittent 
sozialdemokratischen Parteien entsta 
denen Gewerkschaften galt Bebels beso 
deres Interesse. 1868, kurz bevor sich d 
straff zentralisierten Gewerkschaften d 
Lassalleaner auf dem Allgemeinen De 
schen Arbeiterkongreß in Berlin kons 
tuierten, hatte der von ihm und Lie 
knecht geführte Verband deutscher A 
beitervereine als erster deutscher Arb' 
terkongreß die Gründung von Gewer 
schaften beschlossen. Bebel selbst arbq 
tete das Musterstatut aus und trat 
zahlreichen Gründungsversammlung- 
auf. 
Als 1875 mit dem Tischler Theodor Y( 
der wohl fähigste Kopf der jung, 
Gewerkschaften starb, sollte Bebel se 
Nachfolger als Redakteur des gewer 
schaftlichen Zentralorgans <Die Unio 
werden. Aber er lehnte ab: <Ich konr' 
unmöglich neben meinem Geschäft u 
meiner Tätigkeit für die Partei auch noF 
dauernd gewerkschaftlich tätig sein..." 


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