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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 15, Nr. 9 (September 15, 1962)

Angermann, Gerd
Kämpfer im dunkeln,   p. 11


Page 11

Joch ein paar Moneten gab es keine Diktato- 
en, keine Regierungschefa, keine Parteiführer 
nd keine Generaldirektoren mehr. Alle hatten 
hren Abschied eingereicht. Die Leitung der 
lationen und der Betriebe lag in den Händen 
on Kollegien, wo alle gleiche Rechte und 
leiche Befugnisse hatten und in denen jedes 
ltglied stets darauf bedacht war, nur ja nicht 
en anderen zu übertrumpfen. Zur selben Zeit 
erteilten die Reichen überstürzt die ange- 
äuften Milliarden unter Arme und wohltätige 
tiftungen. 
s kam zu grotesken Paradoxen. So fürchtete 
.B. der argentinische Präsident Hermosino 
eine Wiederwahl und verleumdete sich dar- 
ufhin derartig, daß er wegen Verhöhnung 
es Staatspräsidenten verurtelt werden muß- 
e, und inder kommunistischen,~Unitä" in Rom 
rachien ein Leitartikel aus der Feder des Ge- 
erlsekretärs, der den Zusammenbruch der 
ommunistischen Partei Italiens beschrieb. 
bwohl diese Immer noch außerordentlich 
eistungsfähig war. Andererseits ließ sich der 
chwergewichtsmeister Vasko Boloto den 
Aalart-BazIllus einimpfen, denn auch kräftige 
;esundhet galt als gefährliches Zeichen der 
lacht 
n den internationalen und privaten Streitig- 
alten gab jeder dem Gegner Recht, versuchte 
eder auf seiten der Hlflosen,'der Schwäche- 
en, der Armen zu stehen. Der Krater Koper- 
ikus auf dem Mond wurde ehrlich zwischen 
merikanern und Russen geteilt. Die Kapitall- 
ten gaben ihreAktien an dieArbeiter, baten sie, 
lese doch ja zu behalten. In wenigen Tagen 
onnte man zu einem befriedigenden Abschluß 
er Abrüstungsverhandlungen kommen, und 
ie alte Reixerve der Atombomben wurde in 
er Nähe des Saturne zur Explosion gebracht 
aum sechs Monate dauerte es, und jede Kon- 
iktsgefahr wurde gebannt Was sage ich, 
onflikt: Jeder Streit, Haß, jede Polemik und 
eindseligkeit verschwanden. Dadurch, daß der 
fVettiauf nach der Macht und der Vorherr- 
chaft aufgehört hatte, herrschte automatisch 
rieden und Gerechtigkeit, denn sowie ein Ehr- 
eiziger die Lektion des Jahres 10 vergaß 
nd versuchte, sein Haupt über das der ende- 
en zu erheben, erreichte ihn die unsichtbare 
ense um Mitternacht an einem Dienstag. 
)le wöchentlichen <Hinrichtungen" hörten 
itte Oktober auf. Sie waren nicht mehr nötig. 
lerzig wohlausgesuchte Herzinfarkte hatten 
enügt die Dinge auf der Erde zu ordnen. 
chon die letzten Opfer waren Figuren zweiten 
enges gewesen, doch hatte der Weltmarkt 
ben nichts Besseres zu bieten gehabt Nur 
er greise de Gaulle wurde nach wie vor ge- 
chont 
Aus dem italienischen von Ingrid Parig) 
Der Mann im Sessel nickte und fuhr sich über 
das Kinn: .ist es wirklich ds alltn?" 
<Nur das", gab der andere zur Antwort, <nur 
das, aber es genügt" 
~Sie ändern nichts damit" 
Der Stehende ging um den niedrigen Tisch 
herum, und für einen Augenblick fiel die Sonne 
auf sein stilles Geit 
~Es genügt, daß ich meinen Weg gehe", sagte 
er fest 
<Ich dachte bis zuletzt, es sei Ihnen nicht 
ernst damit", meinte der im Sessel nach eini- 
gem Oberlegen. 
wandte seinem Vorgesetzten das Gesicht zu. 
~Doch das Ist Ihre Sache." 
<Meine Sache?" wiederholte der Chef unge- 
duldig. Die Worte kamen fast scharf aus dem 
Mund über der leuchtenden Krawatte. ,Wie 
lange sind Sie jetzt bei mir Abteilungsleiter?" 
Der andere rechnete nach. <Fast sechs Jahre", 
sagte er dann. 
<Ja", nickte der In seinem Sessel, und man 
merkte ihm an, daß er die Antwort ohnehin 
gewußt hatte. ~Und Sie glauben. daß Sie so 
schnell eine neue Stellung finden?" 
.Ich werde etwas finden", erklärte der andere 
mit Zuversicht 
~Er wird gehen", unterrichtete er ihn. ~Und 
halten können wir ihn nicht." 
~Ja", sagte der Betriebsleiter und zuckte mit 
den Schultern, <gerade jetzt, wo wir Ihn so gut 
gebrauchen könnten." 
,Das habe ich auch gedacht aber es hilft nun 
nichts", entgegnete der Chef und erhob sich 
von seinem Platz. 
.Es hilft nichts", wiederholte er noch einmal. 
Dabei sah er aus dem Fenster. Für einen 
Augenblick verdeckte seine breite Gestalt die 
einfallenden Sonnenstrahlen. Und da be- 
merkte man den Staub auch nicht so, der auf 
und nieder tanzte. 
Kämpfer im dunkeln 
U berait werden Spione ausgehoben. Unsere 
Polizei hat alle Hände voll zu tun. Ehraame 
Ehepaare entpuppen sich als subversive Ele- 
mente. Sekretärinnen, hochgeschätzt von 
ihren Chefs, werden ertappt, wie sie geheime 
Schriftstücke im Lippenstiffuteri aus dem 
Betrieb schmuggeln. Redliche Putzfrauen 
handhaben die Kleinbildkamera flinker als den 
Bohnerbesen. Und wer schlägt nicht die Hände 
zusammen über den alten Rentner, der die 
Steuermarke am Hals seines unschuldigen 
Hündletns zur 0bermittlung verräterischer 
Botschaften benutztet 
Unsere AbwehrkrMe arbeiten Tag und Nacht, 
hier einem Spion die Maske vom Gesicht rei- 
ßend, dort gleich einen ganzen Ring aushe- 
band. Aber wie oft treten sie auch aus dem 
Kleiderschrank und das Nest ist leer. 
Wir lesen in der Zeitung immer nur von den 
glücklich zu Ende gebrachten Unternehmun- 
gen. Schon diese lassen uns den kalten 
Schweiß der Angst auf die Stirn treten. Von 
den Schattenfällen jedoch, lesen wir nichts. 
Das sind alle die Fälle von Spionage, von 
denen man auf Grund einer schwierigen Pro- 
zentrechnung lediglich weiß, daß es sie geben 
muß. Aber niemand hat eine Ahnung: wer, wo 
und wie? 
Um so höher sind daher der Mut und der selbst- 
lose Bürgersinn jener vier ungenannten, auf 
alle Fälle aber jugendlichen Einwohner eines 
Ortes in der Nähe von Pforzheim zu veran- 
schlagen, die sich zu einer ~Intemationien 
Geheimorganisation" zusammengeschlossen 
haben, weiche laut Satzung <für das Wohl und 
die Sicherheit des Staates sorgen und russi- 
sche Spione vernichten" sollte. Selbstredend 
handelte es sich dabei um die Spione, die bis- 
her weder dem Verlassungsschutz noch der 
Polizei bekannt sind, um die Schattenspione 
eben, welche ja gerade die Gefährlichsten 
sind. 
Schon der Name ~Internationale Geheim- 
organisation" weist deutlich darauf hin, daß 
die vier nicht In überholtem nationalem Den- 
ken befangen waren, sondern Größeres im 
Auge hatten, daß ihr Schutz nicht einem ein- 
zelnen Staat, sondern Europa, ja dem gesam- 
ten Abendland gelten sollte. Es sind Jungen, 
die wir zu unseren Besten zählen müssen: den 
Finger am Pulsschig der Zeit und Ihre besten 
Jahre nicht in dolcevitaler Langeweile vertrö- 
delnd, wie leider so viele. Aber sie rücken spä- 
ter in führende Stellungen auf, werden Richter 
und Staatsanwälte, während unsere vier vor 
denselben landeten. 
Und warum? Nur weil zwei von ihnen, Im All- 
tagsieben tarnten sie sich geschickt als Bäk- 
keriehrlinge, ,Ladengeschäfte geplündert" 
und dabei für 6000 Mark <Beute gemacht" ha- 
ben, wie der Staatsanwalt das auszudrücken 
beliebte. Sah dieser Mann denn wirklich nicht 
tiefer? Begriff er denn nicht, daß 6000 Mark im 
kostspieligen Kampf gegen Spione nicht mehr 
als ein Tropfen auf den heißen Stein sind? Wie 
oft muß sich der Kämpfer im dunkeln, getarnt 
durch eine Brille oder einen falschen Bart, mit 
seinen ahnungslosen Gegnern an eine Bar- 
theke setzen und ihnen dolt die Würmer aus 
der Nase ziehen. Ja, kennt der Herr Staate- 
anwalt denn wirklich nicht unsere enorm hohen 
Getränkepreise, insbesondere in Nschtiokalen ? 
Oder es gilt eine kleine Reise zu machen, was 
auch nicht billig ist Oder man muß einem 
wankelmütigen Splonenliebchen mit einem 
kleinen Geschenk die Zunge lösen. Selbst 
falsche Brillanten kosten Geld, Herr Staats- 
anwalti Und schon die Unkosten für die not- 
wendigsten Dinge, ohne die kein Kämpfer ge- 
gen die Dunkelmänner unserer Zeit auskommt 
Allein ein handlicher Revolver reißt ja bekannt- 
lich ein tüchtiges Loch in die Brieftaschel 
Dafür nun all die Mühen, vom aufreibenden 
Doppelleben tagsüber bis zu den enervieren- 
den, aber unumgänglich notwendigen Gehor- 
samsproben, weiche die vier nächtlicherweile 
robbend und kriechend auf einer mit Schaf- 
dreck bedeckten Pforzheimer Wiese ablegten, 
all das dafür, daß sie jetzt im Kittchen sitzen. 
In einem westlichen Gefängnis. Hinter abend- 
ländischen Mauern ! Der Osten wird sich wie- 
der einmal ins Fäustchen lachen. 
Gerd Angermamn 


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