University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
The History Collection

Page View

Aufwärts
Jahrgang 15, Nr. 7 (July 15, 1962)

Cato
Politisches Theater bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen,   p. 12 and 13


Page 12 and 13

So soll es sein im Theater, und so ist es, wenn 
einer Stücke schreiben kann und wenn Regis- 
seur und Schauspieler sich ehrlich darum be- 
mühen. Daß ihr Bemühen allein es aber nicht 
schaffen kann, wenn das Stock nichts taugt, 
das haben wir in ~Zeit der Schuldlosen" von 
Siegfried Lenz erlebt. Auch das will ein Lehr- 
stück sein, es ist aber keins, es ist allenfalls 
ein Lehrgespräch. Und es ist nicht einmal ein 
gescheites, klärendes Gespräch, sondern ein 
langweiliges und unfruchtbares. Dabei wäre es 
das Thema der braven Bürger, die durch 
Nichtstun und weil ihnen ihre Bequemlichkei- 
ten und ihr Geschäft wichtiger sind als alles 
andere, schuldig werden, schon wert, daß einer 
es anfaßte. Nur darf er es nicht so machen wie 
Siegfried Lenz, der sich selbst ad absurdum 
führt. Ausgefallener und konstruierter konnte 
die Fabel ja kaum sein: Irgendein Gouverneur 
setzt irgendwelche ordentlichen Bürger ins 
Gefängnis, damit sie einen Terroristen, der 
ein Attentat versuchte, so oder so welch 
machen. Natürlich werden sie erst ungeduldig 
und dann böse auf den Kerl, für dessen ~Ober- 
zeugung" sie mit leiden müssen. Und natürlich 
sagen die Leute im Parkett entweder: ~ist ja 
eigentlich auch ein bißchen viel verlangt, - für 
so einen Attentäter, so einen Verbrecher" 
Oder aber sie fragen: <Wer hat denn nun 
eigentlich den Attentäter umgebracht?", und 
nehmen die Geschichte als eine unbefriedi- 
gende Krimlnalstory, weil man ja, wer es war, 
nicht erfährt. Ober die sonstigen Schwächen 
des Stückes, das eigentlich nur aus Schwä- 
chen besteht, laßt uns aus Gründen der Nach- 
sicht schweigen. Die Lehre, die man aus 
dieser Aufführung ziehen mußte, heißt: Poli- 
tisches Theater muß nicht bloß auch, es muß 
erst recht gutes Theater sein. Wer nicht den 
Griff für die Szene hat, wer nicht Menschen 
hinzustellen vermag, der bringt es bei noch so 
guten Absichten nur in Verruf. 
D arf es denn das geben? Das ist die alte, 
immer aufs neue gestellte Frage der 
lebensfremden Schulmeister, der pralinen- 
verzehrenden - und also auf eine dazu pas- 
sende Kunst erpichten - rundlichen Damen, 
vor allem aber: der Leute, die kein gutes Ge- 
wissen haben. Ihnen allen ist zu antworten: 
Es darf nicht nur, es muß politisches Theater 
geben. Weil es nämlich auf der Bühne um den 
Menschen und um menschliches Schicksal 
geht, und weil die Politik nun einmal dieses 
Schicksal mit macht Heute mehr macht, als je 
zuvor. Darum brauchen wir die Gegenüber- 
stellung mit diesem Schicksal - zum Zwecke 
der Besinnung, des Nachdenkens, der Selbst- 
prüfung, des Lernens. 
Oder haben wir etwa in ~Andorra" nichts ge- 
lernt? Was wir Älteren - sofern wir nicht zu 
den Lernunfähigen gehörten - in den bösen 
Jahren vor und während des Dritten Reiches 
von der Geschichte eingepaukt bekommen 
haben, das wurde euch, den Achtzehn-, den 
Zwanzig-, den Fünfundzwanzigjährigen, von 
Max Frisch in einem Kurzlehrgang von knapp 
rel Stunden dargeboten. Habt ihr die Lehre 
lisses ausgezeichneten Lehrstücks begriffen? 
enn, dann wißt ihr jetzt, wozu die Menschen 
en Juden brauchen. Sie brauchen ihn - in 
uten Zeiten -, um ihre Almosen-Humanität, 
hre herablassende Vorurteilslosigkeit demon- 
trieren zu können. Sie brauchen ihn als Kon- 
rast, vor dem ihre eingeborenen, im Blute lie- 
enden Tugenden um so heller leuchten. Sie 
rauchen ihn als Objekt, an dem sie ihre zu- 
ackende und zuschlagende andorranische 
oder germanische) Männlichkeit beweisen 
können. Sie brauchen ihn als Alibi, wenn sie 
ob ihrer Dummheit und Faulheit versagen. Und 
sie brauchen ihn als Sündenbock, wenn Hetze, 
Haß und blinder Wahn sie in die Katastrophe 
rennen ließen. Glaubt es uns, die wir das Vor- 
spiel dieses Dramas auf dem Weittheater mit- 
erleben mußten: Für jeden dieser Kerle In dem 
Stück, für den Soldaten, den Tischlermeister, 
den Gastwirt, hat es Hunderttausende von 
Belegexemplaren in der wirklichen Weit ge- 
geben. Auch für den Akademiker, der kein 
Examen bestand, weil überall Juden saßen; 
13 
auch für den Priester, der nicht Zeugnis legte, 
als es darauf ankam, auch für den Lehrer, der 
feige war. 
Sie alle brauchten den Juden. Sie hätten statt 
seiner auch einen anderen Andersseienden 
nehmen können, aber der Jude eignete sich 
wohl am besten. Und wen werden sie morgen 
nehmen, wo es bei uns nun doch kaum noch 
Juden gibt? Vielleicht die ,Verzichtpolitiker", 
gegen die ja schon ganz munter gehetzt wird? 
Oder die Juden in Amerika, von denen man 
bereits in Leserbriefen lesen kann, sie seien 
schuld an antideutschen Strömungen? 
Meint ihr nicht, dieses <Andorra" sei zur 
rechten Zeit geschrieben und mit gutem Grund 
in Recklinghausen aufgeführt worden? Zudem 
war es die erste wirklich festspielwürdige Auf- 
führung dieses Jahres. Da stimmte doch alles 
bei den Gästen vom Berliner Schiller-Theater, 
jede Besetzung, jeder Schritt, jeder Satz. 
Großartig, wie Fritz Kortner mit denen gear- 
beitet hat! Da war keine aufdringliche, besser- 
wisserische Regieidee, aber da war Regie, da 
spürte man die Hand eines Regisseurs, der 
genau erfaßt hatte, wie jede Szene sich darzu- 
bieten hatte, jede Rolle gespielt werden wollte. 
Und in den Rollen sah man Schauspieler, 
solche von der leider immer seltener werden- 
den Art die noch Rollen spielen können und 
den Ehrgeiz haben, darzutun, daß ihre Leistung 
dieselbesaubere Präzision, die gleiche selbst- 
lose Hingabe und genau auch die dauernde 
gespannte Aufmerksamkeit verlangt wie die 
des Mannes am Steuergerät oder am hoch- 
empfindlichen Automaten. Man hätte ihnen 
allen hinterher herzlich die Hand drücken 
mögen, dem Klaus Kammer für seinen Andri, 
der Heidemari Theobaldi für ihre Barblln, dem 
Helmut Wildt für den Soldaten, dem Martin 
Held für seinen Lehrer, dem Fritz Ttllmann für 
den Doktor und allen anderen auch. Keinen 
hätte man auszulassen brauchen. Dank dieser 
Schauspieler und dank dieser Inszenierung, 
wohinein auch Hansheinrich Palitzschs Büh- 
nenbild gehört, sahen wir ein Stück, verfolgten 
wir ein Schicksal, und erst hintennach oder in 
Denkpausen zwischendurch kam uns die Lehre, 
die drinsteckt, zum Bewußtsein. 
Der, dessen hundertsten Geburtstag Wir midt 
dem letzten Stück der diesjährgen Festspiele 
gefeiert haben, Gerhart Hauptmann, der hat 
das gekonnt. ~Die Weber", erschienen zwei 
Jahre nach dem Fall des Sozialistengesetzes, 
waren eine Tat. Man hat dieses Stück nicht 
totreden und nicht totschweigen können, da- 
mals nicht und später nicht, eben weil es ein 
Stück, weil es eine dramatische Aussage von 
größter Kraft ist. Heute hat es den Rang eines 
Dokumentes gewonnen. Als solches hat Hans 
Schalls es inszeniert. War es nicht ein erschüt- 
terndes und ein beweiskräftiges Dokument? 
Beweiskräftig auch für die Rolle der Gewerk- 
schaften, die im Europäischen Gespräch die- 
ses Jahres diskutiert wurde? 
Da standen diese Weber, grau wie die Par- 
chentpacken, die sie schleppten, und bettelten 
und jammerten um ein paar Almosenpfennige. 
Und dann züngelte die Flamme der Auflehnung 
empor und fraß weiter und wurde zur Feuers- 
brunst. Das vollzog sich mit der Gewalt und 
Gesetzlichkeit eines Naturereignisses in einer 
Folge von Szenen, die auf das Wesentliche re- 
duziert waren und im Bild wie im Spiel gerade 
deswegen so überzeugend wirkten, weil nir- 
gendwo ein Wirkenwollen zu spüren war. 
Schalle hat vor Jahren zuerst in Köln und dann 
in Düsseldorf die Weber inszeniert und hat da- 
mals alle Requisiten weggelassen. Diesmal 
war da, was das Leben der Weber bestimmte, 
die Parchentpacken und der ungefüge Web- 
stuhl. Und wenn der Vorhang zu war, ging das 
Geräusch des Webstuhls, ging das monotone 
Weberlied weiter. Nur eine Bühne, an der es, 
trotz allem, noch ein Ensemble gibt, kann eine 
Aufführung von dieser ungewöhnlichen Höhe 
zustandebringen. Die Bochumer kamen nach 
dem Ende nur geschlossen auf die Bühne, 
wollten also nur als Ensemble gewürdigt wer- 
den. Darum sei auch hier nur dem Ensemble, 
diesem großartigen Ensemble, im ganzen aufs 
wärmste gedankt. 
CMo 


Go up to Top of Page