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Jahrgang 15, Nr. 12 (December 15, 1962)

Kästner, Erich
Auf diesem nicht gewöhnlichen Wege...,   p. 24


Page 24

nplatte mit 
verlangte 
<Für Tante Olga", erläuterte Arthur. 
<Ich kann Ihnen so eine Platte als Geschenk 
nur empfehlen", sage das Frä ulein. ,Treten 
Sie bitte näher. Eine mittelgroße Platte kann 
zweieinhalb Minuten besprochen werden und 
ist sechshundertmal spielbar. Hier sind zwei 
Mikrophone. Stellen Sie sich bitte nebeneinan- 
der, der Herr links, die Dame rechts. Es kostet 
zehn Mark. Wir können gleich anfangen." 
.Aber was sollen wir denn sagen?" fragte 
Arthur verlegen. 
<Viel Glück, Gesundheit, langes Leben. Sie 
könnten leider nicht kommen", schlug das 
Fräulein vor. 
<Einen Vorzug hat diese Art Glück zu wün- 
schen schon", sagte Püppchen, <man braucht 
der alten Schraube dabei nicht ins Gesicht zu 
sehen." 
<Es ist deine Tante, nicht meine", konstatierte 
Arthur. Das Fräulein war im Nebenzimmer ver- 
schwunden. Das Ehepaar stand vor dem Mikro- 
phon und wünschte der fernen Tante alles Gute 
und Schöne. 
Am Heiligen Abend erschien Tante Olga bei 
Bürgermeister Gruber. Man hieß sie willkom- 
men. Der Salon war voller Menschen. Tante 
Olga begrüßte die Anwesenden und erzählte 
dann, sie habe von Püppchen aus Berlin eine 
Grammophonplatte geschickt bekommen. Und 
auf ihr Päckchen zeigend, das sie vorsichtig 
hielt, sagte sie:<Beste Frau Bürgermeister, Sie 
haben doch einen Plattenspieler, und ich habe 
keinen. Meine Nichte und Ihr Mann haben näm- 
lich selber die Platte besprochen, schreiben 
sie. Was es so alles gibt. Und das möchte ich 
nun gern mal hören. -." 
autierdem sind wir etwas knapp m1 
pat, sind die zwei Minuten nicht balc 
soll ich der alten Schachtel denn n< 
*.kschkech ... Sie soll uns, ehe a 
Geld ersickt, eInen Tausender sc 
ksss ... Liebe Tante, hoffentlich ve 
den Heiligen Abend im Kreise von lieben B 
kannten. Es ist komisch, wenn man so bedeni 
daß wir hier ins Mikrophon reden, und ihr kön 
es da drüben hören. Die Platte Ist fünf- b 
sechshundertmal spielbar und kostet .. 
kschschk... Nicht doch den Preis sagen, dý 
geht sie einen Dreck an ... kschksch ... H 
fentlich hat sie das nicht gehört... kschksch. 
Ach wo, was man leise spricht, kommt nic 
auf die Platte. Verflucht, ist die Zeit noch nic 
bald um? . . . kss . .. Hat sie überhaupt e 
Grammophon? Nächste Weihnachten komm( 
wir bestimmt zu dir hinüber. Wir freuen ur 
schon jetzt darauf, dein liebes altes Gesic 
endlich wiederzusehen ... hahaha .. kss.. 
Lach nicht so dämlich, Arthur... 
Tante Olga, die bis dahin wie gelähmt dagese 
sen hatte, stand auf, riß die Platte vom Plattef 
spieler herunter und warf sie wütend aufs Pa 
kett. Bürgermeisters und die anderen Her 
schatten saßen bedrückt herum. Ein paar jung 
Leute kicherten. Frau Doktor Riemer wollte d 
arme Tante trösten. 
<Lassen Sie mich in Ruhel" schrie Tante Ol£ 
und suchte ihren Hut. 
~Wo wollen Sie denn hin?" rief der Bürge 
meister. <Bleiben Sie hier, was wollen Sie der 
jetzt zu Hause?" 
<Mein Testament umstoßen", erklärte d 
Tante und schmiß die Tür zu. 
t 9so*,   c iÖ.11 geLvä  s ie  &" *eat  l 


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