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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 15, Nr. 4 (April 15, 1962)

Bronska-Pampuch, Wanda
Das Klima in Polen ist anders,   pp. 16-17


Page 16

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ilinismus) berich- 
in, Marek Hlasko, 
Mund. Nun wurde die Abrechnung mit der 
Stalin-Ära für beendet erklärt, Bücher, die sie 
fortsetzten, fielen der Zensur zum Opfer, und 
die vielen Zwanzigjährigen, die in Hlaskos Fuß- 
stapfen zu treten versuchten, mußten Ihre für 
nihilistisch erklärten Erzählungen aus den Ver- 
lagen zurückziehen. Aber die Bestseller der 
nachfolgenden Jahre wurden dadurch um kei- 
nen Deut kommunistischer. 
Die Romantrilogie <Kolumbus, Jahrgang 1910" 
von Roman Bratny zum Beispiel, die in kurzer 
Zeit sechs Auflagen erlebte, kann weder in der 
Sowjetunion noch in der Ostzone herauskom- 
men. Sie behandelt den nichtkommunlstischen 
Warschauer Aufstand von 1944. Vor dem Okto- 
ber 196 durfte dieser drei Monate währende 
heldenhafte Kampf gegen die Nazibesetzung, 
in dem die Blüte der polnischen Jugend ihren 
Tod fand, öffentlich nicht erwähnt werden. Kein 
Wunder: Die sowjetischen ,Freunde" standen 
damals jenseits der Weichsel und befreiten die 
polnische Hauptstadt erst, als die Deutschen 
scne ,-ýuistanu von iu - ~n -y-, -,  i 
rund 20000, In Warschau 1944 200000-, wur 
wieder gegenwärtig. Von Kommunisten ist 
dem Buche nicht die Rede. Der Widersta 
gegen Hitler wird so gezeigt, wie er wirkli 
war: heldenhaft, verworren und ohne wirks- 
Hilfe von außen. 
Ein anderes Buch, <Asche und Diamant", v( 
Jerzy Andrzejewskt, warerstmalig1947erechi 
nen, dann verboten und wurde 1959, just 
sein Autor seinen Austritt aus der Partei 
klärte, mit seiner Teilnahme verfilmt. Es wuri 
das größte künstlerische Ereignis des Jahri 
190. Alle Zeitungen und Zeitschriften disk 
tierten lebhaft über den Film, und selbstvý 
ständlich rissen sich die Polen das nunme 
wieder neu aufgelegte Buch Andrzejewsk 
ebenso wie spätere Romane und Erzählunge 
von ihm aus der Hand, ,Asche und Diamant 
ist der Roman eines einzigen Tages, des a 
sten Tages nach Kriegsende, des Tages Nu 
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beherrscht. Die vereinigten Anstrengungen 
zweier Männer verhinderten eine nationale 
Tragödie: die des nach vier Jahren Stalin- 
schen Gefängnisses wiedergekehrten Partei- 
sekretärs und die des aus der Isolierung ent- 
lassenen Kardinals Wyschinski. 
Ein Jahr darauf war in Moskau die Tauwetter- 
periode von neuem Frost abgelöst, Gomulka 
hatte Po Prostu verboten, die Zensur war wie- 
der schärfer geworden und die Arbeiterräte in 
den Betrieben entmachtet Fast schien sich die 
ungarische Kirchhofsruhe auch auf Polen aus- 
breiten zu wollen. 
Fast, aber der Schein trog. Noch ehe die 
Partelführung auch die zweite aufrührerische 
(revisionistlsche) Zeitung <Nowa Kultura" 
ihrer Redaktion beraubte, gelang es dem Blatt 
im September 1957, die erbarmungsloseste Ab- 
rechnung mit dem von Stailn geprägten und 
von seinen Nachfolgern nicht überwundenen 
kommunistischen Denken zu veröffentlichen - 
die Essyfolge ,Verantwortung und Geschich- 
te" des jungen Philosophen Leszek Kola- 
kowski; bekannte und angesehene Schrift- 
steler traten aus der Partei aus, andere zogen 
sich zurück, obwohl sie in der Partei blieben. 
Die Intelligenz nahm jene kritisch reservierte 
Haltung ein, die sie bis heute beibehielt und die 
es der polnischen Parteiführung unmöglich 
macht, Ihre Diktatur über das Geistesleben In 
dem Ausmaß auszuüben, wie sie möchte. 
Dichter und Schriftstellergenießen in Polen seit 
alters her eine weitaus größere Autorität als in 
anderen Ländern. In Jahrzehnten der Teilung 
Polens übten sie so etwas wie eine Ersatzherr- 
schaft im Land aus, bildeten den Gegenpol zu 
der von Fremden ausgeübten politischen 
Macht, und das Volk scharte sich um sie (wie 
um die katholische Kirche). Als Symbol der 
nationalen Volksverbundenheit und des natio- 
nalen Widerstands erhielten sie eine Aura. die 
auch dann nicht erlosch, als das polnische 
Staatswesen wiedererstand und eine neue In- 
telligenz entstand. Der Einfluß. den Schrift- 
steller und Künstler heute in Polen besitzen, 
ist häuflg entscheidender als offizielle Be- 
schlüsse gewählter Staatsorgane. Die Partei- 
funktionäre wissen das, ja, sie unterliegen der 
allgemeinen Einstellung zu dieser Elite der 
Gesellschaft ebenfalls, und so kann man sie 
verzweifelt um die Anerkennung führender 
Schriftsteller ringen sehen, deren Kritik sie 
fürchten, selbst dann, wenn sie nur aus einem 
lässig im Cafdhaus hingeworferfen Satz :<- 
steht. 
Das Cafdhaus der Literaten! In welchem kom- 
munistischen Staat wäre es noch von einer sol- 
chen Bedeutung wie in Polen? Gomulka liebt 


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