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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 8, Nr. 7 (March 31, 1955)

Wiebe, Philipp
Bill Warren's Besuch,   p. 6


Page 6

<Und diese Bemerkung durfte Karola nicht machen?" 
Günter lachte: <Jedenfalls nicht in diesem Bekanntenkreis, 
wie sich am nächsten Tag herausstellte, denn da kam einer 
von der deutschen Polizei, der Karola verhaftete. Sie ver- 
langte, zu Wasilij gebracht zu werden, was man auch tat, 
und nun geschah etwas Merkwürdiges: Wasilij, der sowje- 
tische Politoffizier, hörte sich Karolas Darstellung des 
Falles in völliger Ruhe und Zigaretten rauchend an. Sie 
versuchte gar nicht erst zu lügen, sie wiederholte ihre 
gefährliche Bemerkung Wort für Wort. Dann schwiegen 
beide eine Zeitlang. Und plötzlich lächelte Wasilij kaum 
merklich und sagte leise in seinem harten Deutsch: 
»Karola, ich würdige sowohl das Kompliment, das Sie mir 
da gemacht haben, als auch den für Sie sehr gefährlichen 
Vorwurf. Leider hebt das Kompliment den Vorwurf nicht 
auf. Wenn es nach Ihren Landsleuten ginge, die Sie denun- 
ziert haben, kämen Sie jetzt für etliche Jahre in ein Ge- 
fängnis. Da es aber in erster Linie nach mir geht (hier 
lächelte er etwas stärker), werde ich Sie heute abend an 
die westliche Grenze bringen. Wenn Sie drüben sind, 
können Sie - wie ich weiß - alles Negative über uns 
Russen äußern. Es liegt an Ihnen, auch ein wenig Positives 
zu erzählen.« Und als er sah, daß Karola vor Dankbarkeit
Tränen in den Augen hatte, fügte er noch hinzu: »Bei 
Ihrem guten Aussehen, Karola, werden Sie sicherlich bald 
eine Existenz gefunden haben.« Dann, nach diesem schülch- 
ternen Kompliment, verbeugte sich Wasilij gälant. - 
Karola behauptet manchmral, Waslij, der junge Polit- 
offizier, habe sie geliebt, und ich bin sicher, daß diese 
Behauptung richtig ist." 
Als Günter den Schlüssel in seine Etagentür stecken 
Bill, auch nicht so breit. 
BilI Warren blickte wieder, zu Karola, und ihre Augen 
trafen sich für einen Augenblick. Günter lachte leicht auf: 
<Na, habt ihr euch genug gemustert?' fragte er. 
,Ja», sagte Bill..Ich finde, du hast dir da eine bildschöne 
Frau ausgesuchtl" 
,Wußte, daß sie dir gefallen würde«, sagte Günter.
,Nun hört aber mal aufl" rief Karola mit gespielter Empö-
rung.<Komme mir vor wie eine Sklavin, die verkauft 
werden soll. Fehlt nur noch, daß du Bill aufforderst, meine 
Muskeln zu prüfen.» 
.Ist noch gar nicht so lange her, daß mein Großvater so 
etwas bei jungen Negerinnen wirklich tat*, lachte Bill. 
,Ja, eure Qualifikation zur »re-education« habt ihr Ameri- 
kaner gerade im richtigen Augenblick erlangt. Hundert 
Jahre früher, und ihr hättet uns gegen Dollars in alle Welt 
verscheuert.' 
.Karola nichtl' rief Bill, <die hätte ich für mich behalten.
Darauf kannst du dich verlasseni» 
<Und einen Monat später hätte sich euer Verhältnis ge-
ändert. Dann hätte sich Karola für deine Muskeln inter- 
essiert, und du wärest froh und glücklich gewesen, wenn 
du ihr hättest dienen könnenlu 
.Ist er nicht unverschämtl» rief Karola lachend.<Sag nur, 
Ich tyrannisiere dichl" 
<Und wenn schon», sagte Bill amüsiert, <und wenn dem 
auch so wäre, Günter, Ich möchte wetten, das wäre die
einzig erträgliche Tyrannei der Weltl" 
Günter goß die Gläser wieder voll, und sie tranken sich in
bester Stimmung zu. Dann rannte Karola mit dem Ausruf 
.Ich habe einen Mordshunger!" in die Küche, und Bill 
sagte nach einer kleinen Pause: <Ein großartiges Mädchen, 
Bill zündete sich eine Zigarette an, stieß den Rauch aus 
und sagte: <Sie sind fabelhaft, Karola. Nicht nur technisch, 
davon verstehe ich nicht viel, ich meine die Motive. Ich 
wünschte, diese Reportage würde in jeder Zeitung Deutsch- 
lands publiziert. Notwendig wäre das, glaube ich.» 
Bill war sehr erstaunt, als Karola Günter um den Hals 
fiel und Jubelnd rief: <Hast du das gehört, Liebster Bill 
Warren findet es notwendig. Ist das nicht wundervolll" 
,Hattet ihr denn etwas anderes erwartet?" fragte Bill. 
Günter nickte lächelnd: <Ja. Wir haben dir unrecht getan. 
Wir hatten geglaubt, du stündest auf seiten derer, die 
unsere Milltarisierung befürworten." 
.Ja", fiel Karola ein, <wir dachten, Sie seien umgekippt 
wie so viele Amerikaner, die hier erst so eifrig den Anti- 
militarismus gepredigt haben und heute empört sind, daß 
die Remilitarisierung in unserem Volke keine Begeisterung 
erweckt." 
.Oh, ich gehöre nicht zu diesen, sagte Bill Warren..Im 
Gegenteil. Ich kam hierher.. ." Und Bill Warren erzählte 
von seinen Befürchtungen, die ihn bis jetzt begleitet hatten. 
Er sei so froh, daß Günter offenbar wie er eine Wieder- 
aufrüstung ablehne. 
.Aber natürlich tue ich das, Billi" rief Günter.<Und nicht
nur ich bin dagegen, sondern unzählige deutsche Men- 
schen. Du hättest die Demonstrationen gegen die Wieder- 
aufrüstung sehen sollen!" 
.Dann war unsere vielgeschmähte »re-education« doch 
nicht ganz fruchtlos', sagte Bill. <Ich kann euch ver- 
sichern, daß auch das amerikanische Volk das Dilemma 
eurer Lage erkannt hat. Weite Bevölkerungskreise wissen, 
wie wichtig für euer Land die Wiedervereinigung ist, sie 
<Vor kurzem", sagte Günter, vor kurzem hat unser 
Nobelpreisträger Professor Hahn verlangt, daß die Groß-
mächte verhandeln sollen, auch wenn ihre Ideologien ver- 
schieden sind. Er, der es wissen muß, hat vor den Folgen 
der Wasserstoffbombe gewarnt.» 
,Ich weiß', sagte Bill Warren..Ich kenne die Folgen der 
Atom- und Wasserstoffbomben genau. Habe nicht um- 
sonst acht Jahre dieser Forschung gedient. Heute bereue 
ich es. Und alle Wissenschaftler, denen es so geht wie 
mir, warnen vor den Folgen. Sie erklären, im Falle eines 
ýreges sei jegliche Art von Militär völlig sinnlos. Denn
gegen eine Atombombe hat die stärkste Armee nicht die 
geringste Chance. Aber keiner hört auf sie. Diese Dumm- 


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