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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 5, Nr. 12 (June 12, 1952)

Im Westen nichts Neues,   p. [4]


Page [4]

RSte 
ben. Was Sensationeles. Was Verrücktes. wir 
müssen unbedingt Aufsehen auf dem Zeitung- 
markt erregen. Unsere Auflage ist bedrohlich ge- 
sunken. Wir stehen kurz vor dem Eingehen. Ich 
bin ruiniert! Ein armerMann«» Herr Kleefisdh 
zog ein Taschentuch aus der Tasche und sdneuzte 
sich umständlich die Nase. 
<Ich habe Hansemann gesagt«, fuhr er wieder 
fort. .»Sie sind doch ein alter Routinier. Sie müs- 
sen uns eine aufregende Geschichte schreiben, 
damit wir wieder hochkommen.« - »Wie wär's 
ss sind nur die ver- 
stätigung rülpste er 
-n Sie sich lieber um 
ianl" schimpfte der 
n man sich um seine 
nan ist drucfertig'. 
m eine neue Uber- 
ue Uberschrlft? Hat 
lm« nicht gefallen? 
ngsvoll" -    .Ver- 
ebe mir erlaubt, ihn 
Mörder trinkt keine 
- was?» Der Chef- 
ab. »Buttermilch", 
ermilch. Zum Wohl- 
mit einer Liebesgeschichte?« meinte Hansemann. 
»Ich bitte Sie«, hab' ich gesagt, »Herr Hansemann, 
in Ihrem Alter?« --»Ha!« sagte der, »wenn ich 
auch schon 84 auf dem Buckel habe, ich bin noch 
so rüstig wie irgendeiner.« - »Ja, wie machen Sie 
das denn? hab' ich ihn gefragt.« - »Ja«, sagte er, 
»ich habe immer jeden.Morgen ein Ei gegessen. 
Das würde Ihnen übrigens auch gut tun! Sie wür- 
den vor allem viel ruhiger werden. Viel aus- 
geglichener. Sie wären besser in Form. Und auf 
Ihre Zeitung würde sich das ja auch auswirken. 
Probieren Sie's ruhig mal.«» 
Eiz TistenfuI fiel - 
.Und jetzt essen Sie jeden Morgen Eier?» seufzte 
Holzauge mitleidsvoll. - .Oöööhhhrrrp«, rülpste
der Chefredakteur bejahend, lange und trauer- 
voll. »Zum   Wohlsein»-, flüsterte  Holzauge. 
.Das  fünftemal gerülpst, dachte  er,  <ein 
schlechtes Zeichl*n. -<Und ich kann     sie 
doch gar nicht vertragen!» schrie der Chefredak- 
teur auf.Wenn ih könnte, wie ich wollte, würde 
ich das ganze Volk ans Eieressen bringen! War- 
um soll es denen besser gehen als mir?» - .Laßt 
uns sein ein einig Volk von Rülpern», grinste 
Holzauge.-<Wenn ich könnte . ..», sagte der Chef 
noch einmal. Dann sagten beide eine ganze Weile 
nichts. Man hörte nur das alberne Kichern der 
Tippmädchen aus dem Büro nebenan. 
sein! tifügte er noch hinzu, denn der Lnereaaa- 
teur hatte soeben zum drittenmal gerülpst.»Eine 
Bemerkung im Vertrauen, Herr Kleeflsch, ich 
würde keine Eier mehr essen, wenn mir danach 
immer nach Rülpsen zumute wäre.' -  <Zum Teu- 
fel, ich habe doch die Eier verschrieben bekom- 
menl« -  <Meine ganz unmaßgebliche Meinung, 
Herr Kleefisch, ich würde einmal zu einem ande- 
ren Doktor gehen.» -- Doktorl Doktor!» schrie 
der Boß, .ich bin doch bei gar keinem Doktor ge- 
wesep!» 
Die Serelbld mms 
.Kein Doktor? Wer hat Ihnen denn die Eier ver- 
schrieben?» Holzauge malte vor Erstaunen ein 
Fragezeichen auf ein Foto von Ingrid Bergman, 
genau über der Stupsnase, so daß es ässäh, als 
hinge sie an einem Fleischerhaken., 
»Ich will Ihnen mal etwas im Vertrauen sagen', 
seufzte der Chefedakteur und machte sich den 
Kragenknopf auf. Es war sehr warm. Fräulein 
Mauer-Blum  spitzte die Ohren. Das .im  Ver- 
trauen' machte sie neugierig. Sie wollte sich 
gerade noch die Brille diskret am Unterrockzipfel 
polieren, da sagte Herr Kleefisch: <Ach, Prollein 
MauerBlum, gehen Sie doch mal zur Fotoabtei- 
lung. Ob das Titelfoto schon fertig ist. Und den 
Busen von der Silvana Mangano möchte ide gern 
etwas höher montiert haben. Und als Bildunter- 
schrift »Bitterer Reiz?»  Mit z und   Frage- 
Tinentabu Sna.,, Inls er *neraae eine»seMusi 
gefangene Fliege tauchte. Herr Kleefisch stierte 
Holzauge mit weitaufgerissenen Augen an. 
»Eierf» schrie Holzauge außer sich..Jal - Eierl 
Eier! Unsere Rettung! Eier! Ich habe eine Idee! 
Die Idee! Eier retten  unsl Warten Sie!» Er 
stürmte zur Tür. Riß sie auf, daß Fräulein Mauer-
Blum längelang in die Chefredaktion hineinfiel 
Sie hatte vor der Tür gestanden und gelauscht. 
<Das kommt davon», sagte der Chefredakteur und 
fing sich eine neue Fliege. Als Holzauge in die 
Redaktion   zurückgestürmt  kam,   sammelte 
Mathilde Mauer-Blum immer noch die Scherben 
ihrer Brille auf.»Sehen Sie hier!» Holzauge legte 
seinem Chef ein Buch auf den Schreibtisch.Die- 
ses Buch ist ein französisches Buch. Mit Bildern -" 
<Frollein Mauer-Blum«, unterbrach der Chefredak- 
teur,<wollen Sie bitte den Raum verlasen. Wir 
haben hier ein französisches Buch. Mit Bildern.» 
- Ich kann ja sowieso nichts sehen», zischte die 
Sekretärin und zog die Nase hoch, weil ihr 
Taschentuch schon ganz naß von Tränen war. Sie 
ging aber doch. Die beiden Männer vertieften 
sich in das Buch, dessen Autor behauptete, wenn 
man Bier äße, die neun Tage angebrütet seien, 
könne man sich durch die Hormone ständig ver- 
jüngen und ein biblisches Alter erreichen <Das 
ist. es», sagte Holzauge, <jeder Mensch möchte 
nicht gern sterben. So lange leben wie irgend- 
möglich. Wenn wir jetzt eine tolle Sache aus dein 
Neuntageel machen, wüste UbersGhrift und alles, 
dann  wird das Volk laufen und Eierkuren 
machen.' - <Und wieder unsere Zeitung kau- 
fenl', frohlockte der Chefredakteur.<In der näch- 
sten Nummer dann direkt ein paar begeisterte 
Leserbriefe...» -  .Die kann Fräulein Honig 
schreiben, die macht so was immer prima 
-  Und dann ...*-   Und dann...* 
Ein FzWebhat Bedene 
So überstürzten sich die beiden mit Vorschligen, 
und nach einer halben Stunde war das Gerüst für 
die neue Sensation fertig. Aber ich habe da doch 
hohes Alter. Indische Stämme, die von diese 
Beeren lebten, sollten Männer von 140 Jahren i 
ihrem Altestenrat haben. Unddann hat sich alte 
auf Lukutate   gestürzt. Arterienverkalkungr 
wurden geheilt, Kahlköpfe neu behaart. Und wd 
sonst noch alles in den begeisterten Lese. 
zuschriften stand. Auf einmal ist es ganz still  
worden um die Beeren. Irgendeiner hatte herat 
gekriegt, daß die Lukutate gar nichts anderes w 
als halbverschimmeltes Pflaumenmus.» 
Same    de Labmplah 
.Quatsch',  winkte  Holzauge   ab,  .Weiber 
geschwätz! Was wissen Sie, was alles geglat 
wird. Die Neuntageeier sind prima.' 
Telefone klingelten. Chefredakteure gaben Ai 
träge. Artikelschreiber schrieben Artikel. Ro, 
tionsmaschinen  rasten. Käufer kauften. Lese 
lasen. Die Sensation fraß alle. Alle fraßen (; 
Sensation. Die Jagd ging los. Hennen briltete, 
Einen Tag. Zwei. Drei. Vier. Sieben. Acht. Nets 
Lebensgierige zahlten Schandpreise. Vertilgt 
verdorbene Eier. Die Brüter strahlten. Ihre Kon 
ten kletterten. Das Neuntageei der letzte Schr 
Die große Mode! Die neue Weltanschauung! lD 
Existentialismus ist tot! Sartre an den Laternen 
pfahll Es lebe der Trephonismus! Es lebe da 
Neuntageeil 
Du   Huhnt mindem  hlzey      Auge 
.Prost, Herr Kleefisch', sagte Holzauge, und 
dann gluckste der Schnaps in seinen Bauch. Und 
noch einer. Und noch eine Flasche..Wir han's 
ja!» jubelte der Chefredakteur besäuselt und gss 
Schnaps ins Tintenfaß..Die Eier«, er war auf e. 
standen und versuchte, schwankend eine Schreib. 
tischrede zu halten..Die Eier waren das größte 
- hup - Geschäft meines Lebens. Haha! Auflage 
unserer Zeitung um hunderttausend gestiegen 
In Worten: einhunderttausend! Auf Ihr spezielles 
Herr Holzauge! Sie haben uns was Feines aus- 
gebrütet, altes Holzaugel Fein. Sehr fein. Brüder- 
lein fein ..., fing er sdnapssellg an zu singen 
und wollte sogar mit Fräulein Mauer-Blue tein 
zen. Die kicherte in einem fort: .Herr Holzaugs 
hat ein Ei gebrütet. Neuntageei! Hat neun Ta.s 
ein Ei gebrütet!» - .Die ist aber blau', dacht 
Holzauge und malte mit Fräulein Mauer-Bluse 
Lippenstift sein neues Wappen auf die Tischdecke 
Ein  Huhn mit einem   riesengroßen hölzerner 
Auge auf einem hohlen Ei und rundherum eine 
runde Neun. 
.Prost*, sagte der Chefredakteur, denn er hatte 
gerülpst..Diesmal war's aber nicht von Eiern' 
sagte er.<Vielleicht doch«, wollte Holzauge sagen 
aber dazu war er schon viel zu besoffen. 
so meine Bedenken», sagte Fräulein Mauer-Blum, 
die sich inzwischen wieder hereingeschlichen 
hatte. Immer an der Wand lang. Denn die Brille 
war ganz kaputt, Die beiden Redakteure sahen 
sie erstaunt an.Meinen Sie denn wirklich«, zwei- 
felte sie, <das würde einer glauben?» Da lachten 
die zwei, daß die Kurzsichtige zusammenzuckte 
wie ein Kaninchen unterm Gewitter.<Haben Sie 
eine Ahnungl Sie glauben gar nicht, was alles ge- 
glaubt wird. Nehmen Sie nur mal die Schlank- 
heitsrezepte. Das ist doch ein genau so großer 
Blödsinn.» - .Ja, aber, wenn das einmal raus- 
kommt, daß das alles Schwindel ist? Ich weiß 
noch, 1927 wurde auch so ein Verjüngungsmittel 
IM WESTEN NICHTS NEUES 
Kopf unterm Arm umherzulaufen, das war den 
Burggeistern zu Ritter Kunos Zeiten vorbehalten. 
Aber die hatten damals wenigstens noch einen 
Kopf, den sie unterm Arm tragen konnten. Aber 
was' ist mit uns? Wir brauchen uns nur ein paar 
alltägliche Sprichwörter anzuhören: man hat uns 
»den Kopf verdreht', wir haben <den Kopf ver- 
dreht», man  will uns   <einen Kopf kleiner 
machen', zumindest <sitzt uns der Kopf nicht mehr 
allzu fest auf dem Hals', Vorausgesetzt, daß wir 
noch einen 
haen... 
SdIaufenster 
orateur eines 
er begnadeten 
egrund der gei- 
etan. Des Men- 
waren Schau- 
Attributen der 
her eines ver- 
besaßen sie - 
bekommst du dafür bis Weihnachten oder auch bis 
nächstes Jahr Ostern gesagt, was du zu meinen 
hast. Jeden Tag. Für nur zehn Pfennig oder zwan- 
zig. Was du zu meinen hast, um ein sogenannter 
moderner Mensch zu sein. Im Schaufenster jenes 
großen Kölner Kaufhauses war er zu besichtigen. 
Jacke, Hose, Hemd, nach letzter Mode. Und an 
Stelle des Kopfes einen Strauß Zeitungen. Der 
Schaufensterdekorateur war ein Philosoph. Des- 
halb wurden seine Zeitungen-statt-Kopf-Figuren 
auch nach drei Tagen aus dem Schaufenster ent- 
fernt. 
Schade. Künstlerpech sozusagen. Aber so etwas 
kann einem passieren, -wenn man'noch einen 
Kopf auf dem Hals hat uhd keine Zeitungen. 
ý unterm Brückenbogen, der sich 
iner Zeitung zudeckt... 
sicher, der ein .zugelaufenesä Huhn 
7ät... Der Zigeuner, der vor seinem 
sitzt und seine zigmal geflickte Geige 
nenhimmel schluchzen läßt... Der 
erer, für den ein Haus ein Käfig Ist, 
Landstraße die einzig mögliche Woh- 
bunten, zerlumpten Figuren der 
ichter und Sänger. Farbige Sonnen- 
Romantik der Landstraße. Aber Bil- 
cheiterhaufen. 
A.,». RAut-undU,. 
von Bemtn und 
wird. Ein Gesetz 
dem verwahrloste 
Willen in Helmen 
cht werden können. 
ist ein böses Wort. 
kratzer, Paläste, Landhäuser, Stadtvillen. Aber 
die Familie aus dem Bunker (sieben auf einem 
Zimmer) denkt das Gegenteil von mir. Ich habe 
immerhin eine eigene Wasserleitung. 
Ein böses Wort, dieses »verwahrlost'. Genau so 
böse wie das »gegen den eigenen Willen». Es ist 
mir klar, die, die das Gesetz machen wollen, haben 
auch nicht unrecht. Was heutzutage auf der 
Straße liegt, in Kellerlöchern wohnt und von 
anderer Leute Lebensmittel lebt, sind nur noch 
selten Romantiker und fernsüchtige Wandervögel. 
Was mit <verwahrlost» gemeint ist, kann ich mir 
auch so ungefähr denken. Und trotzdem'- <gegen 
den eigenen Willen* bleibt ein böses Wort, und 
»verwahrlost» ist auch noch längst nicht klr 
genug. Man müßte Ausschüsse, Unterausschüsse 
und Komitees einsetzen. Zur Klärung der Be- 
griffe. Dann wäre es schön, wenn einer bei den 
Ausschußsitzungen eine wirklich gute Idee hätte. 
Zum Beispiel so etwas: Das Gesetz über die 
zwangsweise Einweisung gegen den eigenen Wil- 
len zerreißen und in den Papierkorb schmeißen 
und statt dessen ein Gesetz schaffen, nach dem es 
keine Verwahrlosung mehr geben kann. Da <s 
sich jedoch um einen deutschen Ausschuß handeln 
wird, besteht die Aussicht, daß sich der Ausscheti 
für neue Ideen nicht zuständig erklären wird. 
Vorausgesetzt, daß er neue Ideen .hätte ... 
EINE ORIGINELLE BUCHERECKE 
Die Braunschweiger Gewerkschaftsjugend führte 
eine Reihe von Veranstaltungen durch, in denen 
sie ihre Aufgaben und Ziele auf verschiedene 
Weise darlegte. 
An fünf Gruppenabenden hatten Erwachsene Ge- 
legenheit, die Jugendarbeit des DGB kennen- 
zulernen. 
Höhepunkt der DGB-Jugendarbeit war eine 
Jugendausstellung. Die vielseitige Schau ver- 
mittelte einen großartigen Uberblick über die 
gewerkschaftliche Jugendarbeit. 
Eine originelle Bücherecke stellte den Kampf 
gegen Schund- und Schmutzliteratur dar. In einer 
Ecke eine mit billigen Schmökern und Magazinen 
gefüllte Mülltonne (siehe Bild), auf einem Tisch 
auserwähltes Schrifttum, das für weniges Geld zu 
haben ist. 
Daneben in Modellen und Schaubildern die 
Sommerlagerpläne, Jugendprobleme, Fragen der 
Lehrlingsausbildung, der Leistungssteigerung und 
andere  gegenwartsnahe Angelegenheiten   der 
schaffenden Jugend.. Daneben eine Schau von 
Lehrlingsarbeiten.            Foto: Otio Hoppe 
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