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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 4, Nr. 18 (September 8, 1951)

tt
Paul Gauguin 1848-1903,   p. 11 PDF (796.8 KB)


Page 11


rechtigkeit ein, um sein Gest"ndnis ent-
gegenzunehmen, und der arme Mensch
glaubte sich in einem Augenblick j"h auf-
schimmernder Hoffnung gerettet.
,Der wird mich verstehen', sagte er sich in
seiner arglosen Einfalt. Die Entt"uschung
blieb nicht aus.
.Wo hast du den Schmuck versteckt?'
schnauzte ihn der W"chter des Gesetzes an.
Giovanni versuchte in seinem drolligen, mit
den im Lande aufgeschnappten Brocken
untermischten Kauderwelsch den wirklichen
Hergang der Sache zu berichten. Er w¸þte
von nichts, man h"tte ihm die H"nde ge-
bunden und ihn unter der Anklage eines
nichtbegangenen Diebstahls hierhergebracht.
Aber solche Beteuerungen waren dem Herrn
Amtmann nichts Neues. äAlle Diebe sagen
dasselbe', entgegnete er, ävor den Richtern
wird man schon sehen. Morgen werden Sie
nach Gualmare gef¸hrt, wo man sie ab-
urteilen wird.'
Giovanni gab alles verloren...
Als er allein geblieben war, sank er in der
Einsamkeit seiner Zelle in die Knie und zog
zwischen den Falten seines Hemdes ein
bronzenes Medaillon hervor, das er unter
Tr"nen k¸þte... Dann... was dann ge-
schehen war, weiþ man nicht. Sicher ist
nur, daþ ihn der W"rter, als er ihm bei An-
bruch der Nacht Brot und Wasser in den
Kerker brachte, in festen Schlaf versunken
glaubte.
äHe, Giovanni!' schrie er und stieþ ihn mit
dem Fuþ an.
Da sich der Mensch nicht r¸hrte, leuchtete
er mit der Laterne hin. Und da erkannte er,
daþ jener tot war. Das Schlimmste aber ist,
daþ man am selben Tage, an dem Giovanni
begraben wurde, den Schmuck unter einem
M–belst¸ck fand...
Mitunter erlaubt sich das Schicksal solche
Schelmenstreiche. Sie haben schon mehr als
einem Giovanni das Leben gekostet.
Sie sollten nicht soviel
schimpfen
äDie Erwachsenen sollten nicht alles so
tragisch nehmen. Sie verderben uns das
ganze Leben. Sonst schimpfen sie ¸ber alles.
Aber wenn man ihnen einmal richtig grob
die Meinung sagen will, dann k¸mmern sie
sich ¸berhaupt nicht um einen. Wenn sie
etwas tun, z. B. einen L–ffel Suppe ver-
sch¸tten oder fluchen, dann ist es nicht so
wichtig. Wenn wir es aber tun, dann krie-
gen wir einen Anschnauzer, nachher eine
Tracht Pr¸gel und am Sonntag keine Rou-
lade. Scheinheilig sind manche Erwachsene.
Ich w¸nsche sie mir anders, als sie sind.
Wenn wir sie gr¸þen, sind wir Luft f¸r
sie, tun wir es aber nicht, so sind wir un-
h–fliche Bengel. Wenn wir uns nicht be-
nehmen k–nnen, haben wir es von ihnen,
aber das wissen sie nicht.'
.Die Erwachsenen sollten daran denken,
daþ sie auch einmal Kinder waren. Die
Erwachsenen sind manchmal schlimmer als
die Kinder, und gerade dann sollten sie
denken, daþ die Kinder die Welt eben ganz
anders ansehen als sie. Die Erwachsenen
sollten nicht alles so tragisch nehmen. Was
wir Kinder als Streiche jetzt machen, haben
die Erwachsenen als Kinder ebenso getrie-
ben. Daran sollten sie immer denken. Die
M¸tter sollten sich nicht in jeden Dreck,
den die Kinder untereinander ausfechten,
einmischen. Andere wieder sollten sich um
ihre eigenen Angelegenheiten k¸mmern und
nicht um die unseren. Die Erwachsenen sind
oft sehr hochn"sig. Sie sollten nicht soviel
schimpfen.'
PAUL
GAUGUIN
1848-1903
In  Paris  heiratet der
franz–sische  Bankmann
Paul Gauguin die D"nin
Mette Gad. Man schreibt
das Jahr 1873, und die
Trauung ist ohne Sen-
sationen, wie tausend
andere b¸rgerlich, gl¸ck-
lich. Er verdient gut und
wird es in Bankgesch"f-
ten sicher zu etwas
bringen. Ein Jahr sp"-
ter beginnt Gauguin zu
zeichnen, genau, akku-
rat, naturalistisch - am
Feierabend, so neben-
her. Bald greift er auch
zum Pinsel und malt
nach der damaligen, noch
sehr  umstrittenen  Art
r    J-l  -------u--L-- .  nm
duftiges, leichtes Portr"t
seiner Frau entsteht in typischem Zeitgeschmack.
So flieþt das Leben dahin in den Bahnen des
Alltags; Kinder werden geboren, im Beruf geht's
aufw"rts - bis er eben diesen Beruf pl–tzlich
aufgibt und sich ganz der Kunst widmet. Seine
Frau und die b¸rgerliche Welt k–nnen seinen
Schritt nicht verstehen, er soll doch bis zu 40000
Franken im Jahr verdient haben, hat also doch
alles, was er braucht. Aber Gauguin haþt die
Zivilisation: In Europa bereitet sich f¸r das
kommende Geschlecht eine furchtbare Zeit vor:
die Herrschaft des Goldes. Alles ist verfault, die
Menschen und die Kunst ... .  Fort aus diesem
Europal Er verl"þt seine
Frau und seine f¸nf Kin-
der, f"hrt zuerst nach
Martinique, dann in die     VOM     IMPRE
S¸dsee, nach Tahiti. Ein-
mal wird er die Familie
nachholen.  Auch   hier     ZUM     EXPRE
st–þt er auf B¸rokratie
und europ"ische Zivili-
sation  -    und   nun
k"mpft er f¸r das Recht der ausgebeuteten Ein-
geborenen mit der gleichen Leidenschaft, mit der
sich schon seine Vorfahren eingesetzt hatten f¸r
die Arbeiter, f¸r soziale Ideen - in Frankreich
und England.
Das Leben der Primitiven ist urw¸chsig, einfach,
soweit es nicht schon durch europ"ische Einfl¸sse
angekr"nkelt ist. Gauguin, der Sohn des christ-
lichen Abendlandes, der jedoch keiner Kirche an-
geh–rt, hat f¸r dies einfache Leben Verst"ndnis
und ein echtes Gef¸hl. Einfach, urw¸chsig ist auch
die Landschaft, und kr"ftig sind die Farben. In
Gauguins k¸nstlerischem Werk entsteht ein neuer
Abschnitt. äIch begann, an allerlei Studien und
Zeichnungen zu arbeiten. Aber die Landschaft
blendete mich, verwirrte mich mit ihren heftigen,
reinen Farben. Unsicher, wie ich noch nie gewe-
sen war, stand ich da und tastete vorw"rts. Und
AREAREA
s
s
dabei war es doch so einfach, zu malen, was ich
sah - ohne viel Uberlegung ein Rot, ein Blau
auf die Leinwand zu setzen. - Goldene K–rper
in den B"chen entz¸ckten midi durch ihre
Formen. - Warum z–gerte ich, all dies Gold,
diese strahlende Sonne auf meine Leinwand ein-
zufangen? - Alter europ"ischer Schlendrian,
typische Furcht geschw"chter Rassen vor dem
Starken, Unbedingtenl' Aber bald malt er wirk-
lich das brennende Rot, das Orange, das klare
Blau, das saftige Gr¸n und die einfachen Formen,
manchmal durch feste Umrisse noch mehr her-
vorgehoben, noch intensiver, noch konzentrierter:
Gem"lde, die wir heute
zxpressionistisch nennen.
e s I  NISM U s  S     Vergessen ist die impres-
S ION 1´ SM U 5        sionistische Welt, ¸ber-
wunden die "uþerliche
Manier der Pariser Jahre.
t S 10ON I S MU¸ S     W"hrend Gauguin aber
mit seinen fr¸heren Bil-
dern im Offiziellen Salon,
in Frankreichs repr"sen-
tativer Jahresschau, Beifall geerntet hatte, will
das Publikum von seiner jetzigen Kunst nichts
wissen. Verstehen diese Menschen denn nichts?'
klagt der Maler. Sind meine Bilder zu einfach
f¸r diese viel zu geistigen und raffinierten
Pariser?... Da man meine tahitische    Kunst
unverst"ndlich findet, werde ich versuchen, sie
zu erkl"ren: Ich habe die Vorstellung einer
¸berm"þig reichen, wilden Natur geben wollen,
einer tropischen Sonne, die alles ringsum in
Flammen setzt. Es ist ein Leben in freier Natur,
aber dabei ist es doch intim. In den B¸schen, an
schattigen Fluþufern fl¸stern die Frauen wie in
einem ungeheuern Palast, den die Natur selbst
mit allen Reicht¸mern Tahitis geschm¸ckt hat. So
entstehen diese fabelhaften Farben, der flam-
mende und doch abgekl"rte, lautlose Ton der
Luft. Aber das alles existiert nicht?
Doch, es existiert! Eben-
so wie die liefe, die
Gr–þe und das Myste-
rium Tahitis, wenn man
das alles auf einer Lein-
wand   ausdr¸cken will.'
Nun, Gauguin hat das
Leben in der S¸dsee ein-
fangen und ausdr¸cken
k–nnen mit heiþem Her-
zen  und   -   f¸r  die
Kunstgeschichte, in die
er sich mit diesen Ge-
m"lden    eingeschrieben
hat, in neuer Schau. -tt
Selbstbildnis
mit gelbem Kruzifix.


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