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The History Collection

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Jahrgang 4, Nr. 22 (November 1, 1951)

Die Sphinx schweigt,   pp. 2-[3]


Page 2


IESH
S C HWE             I   G T~1  y
Abenteuerliche Geschichte Ÿgyptens - Ali
der Tabakh"ndler - 89 Millionen Schulden
Das ist kein Gewitter, das aus einem hei-
teren Himmel kommt und nun Nahost ¸ber-
schwemmnt. In Nahost gibt es keinen hei-
teren Himmel in der Politik. Hat es nie
gegeben. Die moderne Geschichte Ÿgyptens
ist eine der abenteuerlichsten der Welt.
Man h"tte die Sphinx im Sande lassen sol-
len. Aber jetzt steht die Sphinx vor den
Pyramiden, hochauf gerichtet und drohend
auf den Nil blickend. Die britischen Fall-
schirmj"ger stellen diesem gigantischen Ge-
sch–pf, halb L–we, halb Weib, gegen¸ber nur
Fl–he in der M"hne dar. Und diese M"hne
hat die Sphinx jetzt gesch¸ttelt, daþ der
Staub aufgewirbelt wurde von Europa bis
Amerika, von Asien bis Australien.
Sie hat viel mitangesehen. Sie blinzelte ver-
schlafen, als Napoleon 1798 in Marabout
landete und Kairo pl¸nderte.
Ein Tbabkh"ndler
Als ein Tabakh"ndler aus Mazedonien, der
mit siebenundvierzig Jahren noch nicht
schreiben konnte, sich zum Vizek–nig
machte, da hat sie sich endlich allen Sand
aus den Augen gerieben. Ÿgypten wurde
wach. Europa drehte den Kopf, und seitdem
hat es seine Augen nicht mehr vom Phara-
onenland loslassen k–nnen.
Die T¸rken, denen Ÿgypten geh–rte seit
dem 16. Jahrhundert, hatten mit den Fran-
zosen gegen England gek"mpft. Nach dem
Frieden von Amiens verlieþen 1802 England
und Frankreich Ÿgypten. Die T¸rken blieben.
Die Situation war ideal f¸r Leute, die weder
lesen noch schreiben konnten und sich den
Teufel darum scherten. Die alte Herrschaft
war mit den Tr¸mmern Kairos zusammen-
gebrochen. Die neue war noch nicht stark.
Die breite Masse sah auf den Sand, die
Pyramiden, den Nil und tr"umte weiter von
den Pharaonen.
Mohammed Ali konnte zwar weder lesen
noch schreiben, aber er war H"ndler gewesen.
Er sah ein groþes Gesch"ft. Das Gesch"ft
seines Lebens. Das Gesch"ft des Jahrhun-
derts. Er war H"ndler, ihm galt der pers–n-
Auis System
Das ist Mohammed Alis Kapital. Und damit
arbeitet er. Er verstaatlicht den ganzen
"gyptischen Bodenbesitz. Er wird sein Be-
sitz. Er befiehlt, was angebaut wird, er ver-
kauft die Waren weiter. Auch als Pascha
ist er noch H"ndler. Oder jetzt erst recht.
Sein Regierungsb¸ro wird Handelskontor.
Die Arbeitsl–hne stiegen um das Vierfache,
die Preise fast gar nicht. Er schuf ein Schul-
wesen. Es entstand ein ungeheurer Apparat
von Volks-, h–heren, Berufs- und tech-
nischen Schulen. Leider nur auf dem Papier.
Aber er hat eine Menge getan. Man kann
Agypten - uraltes Land, In dem sich noch heute die Jahrhunderte begegnen:
Moderne
britische Milit"rlastwagen - von "gyptischen Polizisten in uralter Uniform
kontrolliert.
Agypten - das Land der Klassenunter-
schiede wie kaum irgendwo. Eine kleine
Schicht lebt gut und reichlich. Der Rest putzt
Ihnen die Schuhe - theoretisch und praktisch.
liche Erfolg. Er war H"ndler, er kannte kein
Gewissen.
Er wurde Arnautengeneral unter dem t¸r-
kischen Gouverneur. Seine Wege waren
dunkel, aber er kam weiter. Ein paar Men-
schenleben geh–rten zu den Gesch"ftsun-
kosten. Als ein neuer Statthalter Mohammed
absetzen will, wiegelt er ganz Kairo auf.
Er ist Herr im Land. Da schmeiþt der Sul-
tan in Saloniki die Wasserpfeife in die Ecke.
Das geht ihm ¸ber den Turban. Er jagt ein
paar tausend Mann nach Ÿgypten. ,Den
Mohammed tot oder lebendig', hat er ge-
br¸llt. Aber die tausend Mann schieþen
nicht. Auch ein Kapudan Pascha, ein Heer-
f¸hrer, tut f¸r viertausend Beutel Gold man-
ches, was er nicht tun sollte. Der Sultan
l"þt sich geknickt die Wasserpfeife wieder
bringen und macht 1806 den Empork–mm-
ling zum Vizek–nig.
nicht alles aufz"hlen. Ÿgypten sieht in ihm
den groþen Mann. Auch heute noch. Sein
weniger guter Einfluþ reicht ebenfalls bis
auf den heutigen Tag. Durch sein System
hat Ÿgypten die ersten Schritte zum Kapi-
talismus getan. Seine Spekulationen lieþen
das l"ndliche und industrielle Proletariat
entstehen. Seine Sklavenkriege legten den
Grund zur Sudanfrage. Mit seinem Tod brach
sein System zusammen. Sein Enkel Abbas
war zu sehr orientalischer Despot, um das
wirtschaftliche Werk seines Groþvaters ver-
stehen zu k–nnen.
Der Fellache soll bezahlen
Dessen Nachfolger Said sah in Ÿgypten eine
Gelegenheit, seine ungeheure Lebenslust
austoben zu lassen. Er bezahlte f¸r einen
einzigen Wohnraum zehn Millionen Gold-
franken. Er watete mit seinen Paschas nach


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