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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 4, Nr. 6 (March 24, 1951)

H. T.
Drei Jahre auf dem falschen Weg,   p. 2


Page 2


Richtig gesehen
In diesen Tagen haben wir die beiden Auf-
w"rts-Jahrg"nge 1949 und 1950 durchgesehen
und nochmals nachgelesen, was wir im Laufe
dieser Zeit zur Wirtschaftspolitik des Bundes-
wirtschaftsministers Prof. Erhard geschrie-
ben haben. Wir k–nnen sagen, daþ wir keine
Zeile zur¸ckzunehmen brauchen und die
Entwicklung durchaus richtig gesehen haben.
denn jetzt ist der Minister an dem Punkt
angekommen, wo er seine Politik gescheitert
sieht, und er muþ zur Verh¸tung einer Wirt-
schaftskatastrophe Maþnahmen vorschlagen.
die nach gewerkschaftlicher Auffassung am
Anfang   seiner  T"tigkeit  h"tten  stehen
m¸ssen. Zwar unterscheiden sich die gewerk-
schaftlichen Vorschl"ge in ihrer Umfassen-
heit und Grunds"tzlichkeit von denen des
Ministers, der heute nicht mehr darum
herumkommt, Teile davon anwenden zu
wollen.
Die ãschwebende Jungfrau"
Drei Jahre steuert dieser Mann die deutsche
Wirtschaftspolitik, und w"hrend seiner Amts-
zeit hat sich eine kleine Oberschicht mit
Kapital und G¸tern erheblich bereichert,
w"hrend die breite Masse t"glich "rmer
wurde.
Von Anfang erlebt
Wir alle haben es seit den Monaten nach
der W"hrungsreform miterlebt, wie komfor-
table Gesch"ftsh"user, Kinos, Bars, Privat-
h"user wie Pilze aus der Erde schossen, wie
ein kleiner Teil des Volkes in Luxus und
Eleganz schwelgte und wie ein Teil der
Industrie auf Grund der riesigen Gewinne
innerhalb kurzer Zeit in der Lage war, ihre
Fabriken auf das modernste neu aufzu-
bauen, w"hrend die Grundstoffindustrien
Kohle, Stahl und Eisen nicht ¸ber die n–tigen
Geldmittel zur Modernisierung und zum
Wiederaufbau ihrer Betriebsst"tten ver-
fugten.
Die Bereicherung eines Teiles der deutschen
Wirtschaft konnte nur erfolgen, indem man
den konsumnahen Industrien und dem
Handel die Preise freigab, die, den groþen
Bedarf des Volkes ausnutzend, die Preise
laufend steigen lieþen, so daþ die Arbeiter,
Angestellten und Beamten in ihrer Beun-
ruhigung jeden freien Groschen zum Kaut
verwendeten, daþ der Artikel, der in dieser
Woche 18 Mark kostete, in der n"chsten
Woche schon um 50 Pfennig oder 1 Mark
teurer war.
Vergessen wir in diesem Zusammenhang
nicht, daþ f¸r die hohen Einkommen eine
erhebliche Steuersenkung erfolgte und f¸gen
wir als kleines Beispiel hinzu, daþ in einem
kontrollierten Zeitraum in Nordrhein-West-
falen von 41 000 zugelassenen Personenkraft-
wagen allein 29 000 auf den Handel ent-
fielen.
Das Volk soli Opfer bringen
Nun, da die Steuerkunst des Ministers ver-
sagt und seine Politik in den wirtschaftlichen
Wirrwarr gef¸hrt hat, soll das arbeitende
Volk die Last und die Kosten f¸r den
Schiffbruch des Ministers zahlen. Der Rie-
men soll enger geschnallt werden, und die
breite Masse soll erheblichen Einschr"nkun-
gen unterworfen werden. Der Minister will
Prof. Erhard: Wenn ich nur wuþte, wie
idi sie wieder runter bekommne.'
Zeichinung: Mussil
die Folgen seiner Politik auf die Ver-
braucherschaft abschieben, die Kreise also,
die ¸berhaupt nicht in der Lage waren, den
f¸r sie unbedingt notwendigen Verbrauch
zu entwickeln, da der Durchschnitt ihres Ein-
kommens weit unter dem Notwendigen liegt.
Was sagen die Gewerkschaften?
Um die gef"hrlichen Engp"sse in der Pro-
duktivit"t der Grundstoffindustrieii und in
der Energiewirtschaft zu beseitigen und um
wirksame Wege zur Vollbesch"ftigung zu
finden, zur Belebung des sozialen Woh-
nungsbaues und um die Durchf¸hrung aller
entscheidenden Investitionsaufgaben zu er-
m–glichen, schl"gt der DGB in seinem Wirt-
schaftsprogramm  eine  Investitionslenkung
f¸r zwei Jahre vor. Hierzu sollen die Ab-
sch–pfungen und Gewinne der gewerblichen
Wirtschaft in ein festes Investitionsprogramm
gelenkt werden.
Zum Ausgleich der Auþenhandelsbilanz sieht
der Vorschlag der Gewerkschaften import-
beschr"nkende Maþnahmen, vor allem f¸r
nicht lebensnotwendige G¸ter, sowie eine
starke Exportf–rdei-ung vor. Im Interesse
der deutschen Auþenwirtschaft und zur Pro-
duktionssicherung der Bundesrepublik wird
eine umfassende Rohstofflenkung als not-
wendig angesehen.
Die Gewerkschaften fordern dar¸ber hinaus
klare preisgesetzliche Vorschriften, die eine
wirksame Preis¸berwachung und eine Be-
seitigung  vielfach  ¸bersetzter  Handels-
spannen erm–glichen. Die gewerkschaftliche
Lohnpolitik wird st"rker als bisher eine ge-
rechte Verteilung des Sozialprodukts er-
streben. Im Zusammenwirken von Preis-
und Lohnpolitik soll nach dem Wirtschafts-
programm des DGB die Sicherung des Real-
lohnes erreicht werden. Die Gewerkschaften
lehnen Konsumbeschr"nkungen und Zwangs-
sparen in jeder Form ab. Der DGB h"lt auch
die l"ngst f"llige Neuordnung der Renten,
Unterst¸tzungen und Pensionen nach den
gleichen Gesichtspunkten f¸r dringend not-
wendig.
Die gewerkschaftlichen Vorschl"ge befassen
sich ferner eingehend mit allen Fragen des
sozialen Wohnungsbaues, des Mietproblems,
der Agrarpolitik, der –ffentlichen Finanzen
und Steuern und der Geld- und Kredit-
Politik.
Muþ der Minister gehen?
Wenn Maurer und Architekten H"user ohne
genaue Pl"ne bauen, so kann man sich
ohne weiteres vorstellen, wie die H"user
ausschauen w¸rden, und es ist vollst"ndig
klar, daþ sich Mautrer und Architekt einen
anderen Beruf suchen m¸þten, sie w"ren
zum H"userbau nicht geeignet. Auch die
Volkswirtschaft eines Landes kann ohne
feste Pl"ne und Zielsetzungen nicht gestaltet
werden. W"hrend dreier Jahre ist das in
Deutschland von dem verantwortlichen Mann
vers"umt worden. Muþ sich nun ein
Minister auch nach einem anderen Beruf
umsehen, wenn er f¸r seine Aufgabe unge-
eignet ist? Ja, er muþ abtreten.
Regierungen m¸ssen den Mut aufbringen,
sich von Ministern zu trennen, die ihrer
Aufgabe nicht gewachsen sind. Denn nur so
kann das Vertrauen des Volkes zum Parla-
ment gehoben werden.                Hi. T.
GEFAHR FÐRB DIE MITBESTMMUG
Wenn nicht alles tauscht, wird die end-
g¸ltige parlamentarische Regelung zur Frage
einer Mitbestimmung in den Grundstoff-
industrien bis nach Ostern zur¸ckgestellt
werden. Das ist eine herbe Entt"uschung f¸r
alle diejenigen, die geglaubt haben, daþ die
vor rund einem Monat getroffenen direkten
Vereinbarungen der beiden Seiten in k¸rze-
ster Zeit, so wie es vorgesehen war, auch
durch das Parlament verabschiedet werden
w¸rden.
Es ist sehr fraglich, ob sich die Gewerk-
schaften damit abfinden werden, entt"uscht
zu sein. In der n"chsten Woche wird der
Vorstand der IG Bergbau sich mit der neuen
Lage befassen. Es ist nicht ausgeschlossen,
daþ er dann wieder den Status als gegeben
ansieht, der am Beginn der Verhandlungen
zwischen den Sozialpartnern noch zu Leb-
zeiten Hans B–cklers bestand. Es w"re ein
verh"ngnisvoller Irrtum zu glauben, daþ
nun wieder aufgehoben oder wesentlich ab-
geschw"cht werden k–nnte, was damals das
Ergebnis z"her und langwieriger Verhand-
lungen gewesen ist.
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