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The History Collection

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Jahrgang 4, Nr. 4 (February 24, 1951)

Fern gesehen,   pp. 4-5 PDF (1.6 MB)


Page 4


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G E S E H E N
Mechanisierte Massenunterholtung
Wer heute nach l"ngerer Abwesenheit wie-
der nach Amerika reist, wird eine entschei-
dende Umwandlung seit seinem letzten Be-
such dr¸ben im privaten Leben des durch-
sdinittlichen B¸rgers der Vereinigten Staaten
feststellen k–nnen. Wesentlich st"rker als
das Kino oder der Rundfunk hat das Fern-
sehen, dieses letztgeborene Kind der mecha-
nisierten Massenunterhaltung, die Freizeit
des einzelnen beeinfluþt. Ist es verwunder-
lidc, daþ man weniger ausgeht und –fter die
Abende zu Hause verbringt, wenn man sich
im Lehnstuhl, mit der Pfeife im Mund und
den Pantoffeln an den F¸þen, kostenlos vor
dem eigenen Fernsehempf"nger unterhalten
lassen kann?
Kaugummi und Damenringk–mpfe
Die ,Television' oder, wie man gew–hnlich
in den Staaten sagt, das  video', enth"lt
Gutes und Schlechtes zugleich. Leider muþ
der europ"ische Besucher bald feststellen,
daþ das Schlechte in den amerikanischen
Fernsehsendungen bei weitem ¸berwiegt.
Die 107 Fernsehsender, die privaten Erwerbs-
gesellschaften geh–ren und deren Programme
von mehr als 10 Millionen Empfangsger"ten
aufgenommen werden, strahlen ¸berwiegend
reine Reklamesendungen aus, die von den
Produzenten von Coca-Cola oder von Kau-
gummi bezahlt werden.
Damenringk"mpfe,   Sch–nheitswettbewerbe,
Gruselgeschichten mit Mord und Totschlag
und Dauertanzvorf¸hrungen sind t"gliches
Brot auf dem Bildschirm des Fernsehger"ts
der USA. Welch ung¸nstigen Einfluþ diese
Sendungen besonders auf die heranwach-
sende Jugend aus¸ben, braucht wohl nicht
weiter auseinandergesetzt zu werden.
Keine Maschinenst¸rmer
Diese amerikanische Entwicklung des Fern-
sehens - die man ¸brigens auch jenseits
des Atlantiks nicht widerspruchslos hin-
nimmt und gegen die man besonders in Uni-
versit"tskreisen heftig Sturm l"uft -m¸þte
uns in Europa als Lehre dienen. Es w"re
sinnlos, etwa nun ganz die Einf¸hrung des
Fernsehens bei uns ablehnen zu wollen. Wir
sind keine Maschinenst¸rmer, die den tech-
r
Aufnahme im Fernseh-Studio Paris. Die Menschen, die daheim vor ihrem Fernsehemp-
l"nger sitzen, ahnen nichts von dem Auigebot an Personal und komplizierten
Apparaturen.
nischen Fortschritt verneinen und die so-
genannten guten alten Zeiten' herbei-
sehnen. Gerade die jungen Menschen haben
einen unver"uþerbaren Anspruch darauf, daþ
alle technischen Hilfsmittel im Dienste der
kulturellen Bereicherung des einzelnen ein-
gesetzt werden. Worauf es allein ankommt,
ist, daf¸r zu sorgen, daþ der moderne Zauber-
lehrling das Bestm–gliche im Allgemeininter-
esse hergibt.
Europ"ische L–sung
Das Fernsehen hat drei Hauptaufgaben zu
erf¸llen: es soll unterhalten, belehren und
informieren.
Im unterhaltenden Teil soll das Fernsehen
m–glichst die Spitzenleistungen ber¸cksich-
tigen und auf das verzichten, was ein jeder
im Theater, Konzertsaal oder Kino seines
Wohnortes sehen oder h–ren kann. Die kul-
turellen Werte des einen Volkes dem an-
deren nahezubringen, das ist eine der wich-
tigsten Aufgaben der Television.
Im belehrenden Teil kommt es ebenfalls dar-
auf an, das gew–hnlich schwer Zug"ngliche
dem einzelnen bildhaft vorzuf¸hren. Welche
riesigen Aufgaben das Fernsehen ganz be-
sonders im Unterrichtswesen zu erf¸llen hat,
ist leicht zu erkennen.
Die informierenden Fernsehsendungen sollen
den einzelnen zum direkten Zuschauer des
Weltgeschehens machen. Je weiter der Rah-
men gespannt ist, aus dem das Fernseh-
programm seine Stoffe sch–pft, um so besser
ei-f¸llt es seine wirkliche Aufgabe der Auf-
kl"rung und kulturellen Bereicherung. Nur
ein gemeinsames europ"isches Fernsehpro-
gramm kann all diesen Forderungen gerecht
werden.
Aber auch aus rein wirtschaftlichen Erw"gun-
gen heraus ergibt sich die Notwendigkeit
eines ¸bernationalen Fernsehnetzes. Die
Kosten eines hochwertigen Fernsehprogram-
mes sind so erheblich (der NWDR rechnet
mit einer Ausgabe von 500 DNM je Sende-
minute), daþ kein einziges Land unseres
Kontinents allein die Unterhaltung eines
solchen Programms bestreiten kann.
Es ergibt sich also sowohl aus kulturpoliti-
schen als auch finanziellen Gr¸nden die Not-
wendigkeit der europ"ischen L–sung des Fern-
sehproblems. Doch kann eine solche L–sung
nur gefunden werden, wenn sich die euro-
p"ischen L"nder zu der Annahme einer
gemeinsamen Fernsehtechnik bereitfinden.
Denn anders wie beim Rundfunk kann ein
Fernsehempfangsger"t im Prinzip nur eine
bestimmte Sendeart aufnehmen.
Liebste Freundet
Wir haben herzlich gern Eure Zeitschrift und noch
willkommener Euren Brief vom 30. vorigen Monats
empfangen. Indem wir Euch f¸r die aufrichtigen und
br¸derlichen Ausf¸hrungen, die sich auf uns beziehen,
danken und Euch die unfehlbre Solidarit"t, die Ihr
unserem lieben Verwandten Gino Luccetti so gern
f¸hlen lieþet und beweist, hoch anrechnen, empfangt
unseren  herzlichsten  Dank  f¸r  Euer  groþmutiges
Handeln.
Eurer Jugend, die in diesem besonderen Augenblick so
Hiel f¸r das Wohl der Menschheit und f¸r die Zukunft
einer Gesellschaft von Freien, die auf den Dreiklang
Friede, Gerechtigkeit, Freiheit abgestimmt ist, arbeitet.
unsern Beifall und unseren Ansporn. M–gen sie als
wsillkommiene Anregung dienen, durchzuhalten und Ver-
trauen in den begonnenen Kampf zu haben.
Mit diesem Wunsche erwarten wir Euren h–chstwill-
kommenen Besuch hier bei uns, der uns starken und
uns die gemeinsamen kiteale und Gef¸hle f¸r die st"n-
,iige Arbeit zur Eroberung eines neuen Zeitalters des
Wohlergehens und der sozialen Gleichheit best"-
tigen wird.
Seid von unserer ganzen Familie herzlich umarmt.
F¸r die Familie Gino Luccetti der Bruder Andrea.
Avenza, via Sotto Avenza.
"Wenn Sie vorankommen wollen,
mussen Sie sich von der Gewerkschaft distanzieren.'
Ein t¸chtiger Gewerkschafter ist immer bestrebt, ein
guter Fachmann und ein selbst"ndig denken ler Staats-
burger zu werden. Es ist deshalb nicht verwunderlich,
daþ gerade die strebsamsten jungen Menschen auch
,lie eifrigsten Besucher der Schulungsst"tten der Ge-
werkschaften sind. Es gef"llt aber anscheinend einigen
Unternehmern nicht recht, daþ junge Menschen sidc
eine eigene Urteilsf"higkeit aneignen. Wie soll man
es sonst verstehen k–nnen, daþ ein hiesiger Unter-
nehmer obigen Ausspruch einem Mitarbeiter gegen-
uber tat. Der Unternehmer hatte selbst bereits fest-
gestellt, daþ in dem jungen Mann ein groþer Wis-
sensdurst und eine m"chtige Lernbegierde brannten,
und er erkl"rte sich auch bereit, diese Energien zu
unterst¸tzen und zu f–rdern. Als der Unternehmer
jedoch erfuhr, daþ sich der Kollege auch an den
Schulungseinrichtungen der Gewerkschaften beteiligte,
wurde das Wohlwollen pl–tzlich geringer. W a r u mn
w o h 1 7 Es kann nicht geleugnet werden, daþ an den
Gewerkschaftsschulen manches gelehrt wird, was r¸ck-
schrittlich denkenden Unternehmern nicht gef"llt. Der
gr–þte Wert wird hier auf die Formung und Bildung
eines echten Staats- und Wirtschaftsb¸rgers gelegt.
Dieser neue Arbeitnehmertyp wird sich mit allen
Mitteln f¸r die volle Gleichberechtigung des Arbeit-
nehiners in der Wirtschaft und Gesellschaft einsetzen.
Es ist die volle Uberzeugung der Gewerkschaften, daþ
ein solcher Mensch honere Leistungen vollbringt als
der  Untertan'.
wer durch die Schle der Gewerkschaft geht, wird
auch, wenn er es zu etwas gebracht hat, seine Her-
kunft nicht verleugnen. Er wird als vorgesetzter nicht
nach oben gr¸þen und nach unten treten. Ihm ist es
zum Bewuþtsein gekommen, daþ nur aus einer har-
monischen   Zusammenarbeit   aller  Wohlstand  und
menschenw¸rdiges Leben erbl¸hen k–nnen. Solche Men-
schen sind den hiesigeii Unternehmern aber nicht
genehm. Bei ihnen fallt die tlache Propaganda gegen
das Mitbestimmungsrecht wie sie gerade hier be-
trieben wirut, nicht auf fruchtbaren Boden. Es kann
auch nicht geleugnet werden, daþ die fuhrenden Per-
s–nlichkeiten, die aus der Arbeitnehnierschaft hervor-
gingen, wirklich fahig waren, das Ganze zu sehen,
was man von den ¸brigen St"nden leider nicht be-
haupten kann. Sonst waren die heutigen Ausw¸chse
in Wirtschaftsleben unm–glich.      W. Wachtendonk
Liebe Kollegen
seit zwei Jahren erhalte ich durch meinen Freund Fritz
Braun, Jugendsekret"r im Hauptvorstand der Deut-
schen Eisenbahnergewerkschaft, Frankfurt. den ãAuf-
warts' zugeschickt. Es freut mich sehr, feststellen zu
k–nnen, daþ mit dieser Zeitschrift die deutsche Jugend
eile Wegleitung zu neuem gewerkschaftlichen und vor
allem demokratischen Denken besitzt. von allen, mir
bekannten gewerkschaftlichen Jugendzeitschriften er-
L ES ER S CH R EIB EN:


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