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Jahrgang 4, Nr. 8 (April 21, 1951)

Antonio
Almeria, Juan,   p. 6


Page 6


JUAN ALMERIA
A N T O N I 0
Es sind kaum zwanzig Kilometer von unse-
rem Tal in Andalusien bis zu den K¸sten
des Mittell"ndischen Meeres. Trotzdem fehlt
es unserer Landschaft an Wasser. Weniger
im Tal, wo die Orangen- und Zitronenhaine
stehen, als auf den H"ngen, wo auf fast
mannshohen Reben die Trauben bl¸hen,
wachsen und reifen. Mit Sonne sind wir
reichlich gesegnet. Der Regen aber bleibt
uns viele Monate fern. Oft lassen sich die
Tage, an denen es im Laufe eines Jahres
regnet, an den zehn Fingern unserer H"nde
abz"hlen. Und es gibt Jahre, wo eine Hand
gen¸gt.
Wasser ist Gold f¸r unsere Landschaft. Um
Wasser drehen sich die Gespr"che des Tages
seit Jahrzehnten, ja seit Jahrhunderten. In
dieser Zeit gab es vielerlei Ideen und Pro-
jekte, um Wasser herbeizuschaffen. Doch sie
waren entweder nicht durchf¸hrbar oder es
mangelte an Geld, um sie zu verwirklichen.
Doch war es eines Tages so weit. Nach
langen Planungen und noch l"ngeren Ver-
handlungen wurde mit dem Bau eines
Wasserwerkes, das Wasser in die Wein-
berge pumpen sollte, begonnen. Ausl"nder
- Deutsche und Italiener -- ¸bernahmen
den Bau und die Montagen. Viele aus unse-
rem Tal und den umliegenden H–hen waren
als Maurer und Hilfskr"fte mit dabei.
Darunter auch Antonio. Ein Mann von bald
f¸nfzig Jahren, der schon etwas von del
Welt gesehen hatte. Er war die K¸ste her-
untergereist, hatte einige Jahre in Barce-
lona gearbeitet und war ¸ber Paris bis nach
Italien gekommen.
Antonio, der den Maurern vorstand, war
auf der Baustelle mehr als ein Vorarbeiter
oder Meister. Er war eigentlich der Mittel-
punkt, das Zentrum, das M"dchen f¸r alles.
Bei ihm liefen alle F"den zusammen. Da er
italienisch sprach, war er der Mittler zwi-
schen den ausl"ndischen Ingenieuren und
Monteuren und den spanischen Arbeitern.
\Iehr noch! Oft muþte er zur nahen K¸sten-
stadt.reiten, um f¸r die schnelle Herbei-
schaffung irgendeines Materials zu sorgen.
Antonio nutzte diese Stellung nie aus. Er
war ein spanischer Arbeiter, einfach, be-
scheiden und selbstbewuþt.
So sehr Antonio immer bem¸ht war, alle
Spannungen auszugleichen, so war er es
doch, der die einzige ernsthafte Spannung
auf der Baustelle heraufbeschwor.
Es ging darum, daþ Antonio vom 1. Mai
sprach und fragte, ob die Ausl"nder an die-
sem Tage arbeiten w¸rden. Die Ingenieure
lachten und meinten, was die Spanier denn
schon vom 1. Mai w¸þten oder damit zu tun
h"tten. Dazu noch in dieser Gegend, fern
jeder Industrie und jeder Groþstadt. Und im
¸brigen sei der Bau des Wasserwerks an
feste Termine gebunden, und kein Tag
Arbeit k–nne vers"umt werden.
.Denken eure Monteure und die Arbeiter in
euren L"ndern auch so?' sagte ihnen An-
tonio und ging.
Nun war es so. Unsere Leute wuþten tat-
s"chlich kaum etwas vom 1. Mai, und nur
wer irgendwie mal drauþen gewesen war,
hatte eine Ahnung davon. Antonio wuþte aber
mehr. Er hatte Maikundgebungen erlebt.
Spanier sind als Masse schwer zu erfassen.
Sie sind Einzelg"nger. Sie sind bescheiden,
schnell gekr"nkt, doch mutig und stolz, wenn
er sich als einzelner gegen etwas wendet.
Was tat Antonio? Er sprach mit den Leuten
auf der Baustelle. Einzeln und in Gruppen
und sagte ihnen, was der 1. Mai den Arbei-
tern in der Welt bedeute. Ich glaube, das
meiste von dem, was Antonio sagte, wurde
nicht verstanden. Doch eines kapierten alle.
Daþ Spanier nichts von diesem Tag w¸þten
oder nichts damit zu tun h"tten, war eine
Beleidigung. Da f¸hlte sich jeder in seiner
pers–nlichen Ehre angegriffen.
So kam der 1. Mai. Es war ein Mittwoch. Das
Bild dieses Morgens war wirr und unruhig.
Es war nicht das ¸bliche Gehen zur Baustelle
wie an anderen Tagen. Es waren wenige.
die kamen. Ein Teil fehlte. Die gekommen
waren, standen beisammen, sprachen mitein-
ander und wuþten nicht, was sie anfangen
sollten. Sie f¸hlterg sich nicht wohl in ihrer
Haut. Irgendwie waren sie sich noch nicht
klar. Sie suchten eine Entscheidung. Einige
entfernten sich. Immer mehr gingen. Die
immer gr–þer werdende Zahl derer, die
gleiches taten, gab auch den letzten den Mut
zu gehen.
Antonio war nicht gekommen.
Am Nachmittag kamen Frauen und Kinder
und auch einige der Arbeiter. Sie wollten
sehen, wie nicht gearbeitet wurde.
Am Donnerstagmorgen nahmen alle mit
innerer Spannung und Unruhe die Arbeit auf.
Denn irgend etwas muþte geschehen. Die
Spannung lieþ im Laufe des Tages immer
mehr nach, denn bis zum Nachmittag ge-
schah nichts. Kurz vor Feierabend war es
so weit. In wenigen Sekunden war es rund.
Antonio war entlassen..
Freitagmorgen. Antonio war nicht da. Die
M"nner standen beisammen. Keiner arbeitete.
Sie sprachen miteinander. Sie waren sich
klar, hier war Unrecht geschehen. Jeder
dr¸ckte es mit anderen Worten aus. Jeder
wollte etwas anderes dagegen unternehmen.
Und jeder h"tte getan, was er vorschlug,
gleich um die Folgen. Doch jeder hatte einen
besseren Vorschlag. Und keiner arbeitete.
Die Ingenieure wollten es. Aber dreiþig,
vierzig Stimmen st¸rmten mit ihrer Meinung
gleichzeitig auf sie ein. Es gab keinen Wort-
f¸hrer und auch keine Verst"ndigung.
Die Frauen kamen und brachten das Essen.
Man aþ. Blieb sitzen. Die Frauen auch.
Und keiner arbeitete.
Wieder kamen die Ingenieure und sprachen
vom Arbeiten. Aus dem Gewirr der Stim-
men war nur ein Wort klar verst"ndlich -
Antonio!
Dann ritt ein deutscher Monteur auf einer
Mula (Maulesel) die sechs Meilen nach
Alhama. Kam wieder zur¸ck mit Antonio.
Die M"nner standen wortlos auf und gingen
an ihre Arbeit. Antonio auch. Die Frauen
machten sich auf den Heimweg.
Das ist ¸ber dreiþig Jahre her. Das Pump-
werk wurde damals reibungslos beendet und
pumpt nun unentwegt das Wasser in die
Weinberge.
Aber immer spricht man in unserem Tale
noch von jenem denkw¸rdigen Maitag und
ist stolz, als w"re es erst gestern geschehen.
Sonntagsvergn¸gen der S¸dfranzosen. Sie spielen mit dem Stier.
T–ten...? Es wird kein
Blut vergossen, den Stieren in Frankreich geht es besser als ihren Br¸dern
in Spanien.
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