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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 3, Nr. 4 (February 25, 1950)

"Offene Tür",   p. 15 PDF (795.1 KB)


Page 15


"OFFENE TOR'"
.Der besonders groþe Kreis der erwerbslosen Jugend
erfordert die Bereitstellung von Heimen w"hrend der
Wintermonate f¸r die erwerbslosen Jugendlichen, in
denen sie ihre aufgezwungenen Muþestunden sinnvoll
verbringen k–nnen.
Die im Jugendring zusammengefaþten Jugendgruppen
bitten die Stadtverwaltung sowie das Arbeitsamt,
unverz¸glich geeignete R"umlichkeiten f¸r die erwerbs-
lose Jugend zur Verf¸gung zu stellen, in denen neben
s¸chern und Zeitschriften geeignete Spiele zur Unter-
haltung bereitstehen.
Die Jugendgruppen erkl"ren sich bereit, von ihrer
Seite Helfer f¸r die Betreuung der erwerbslosen
Jugend wahrend der Offnungszeiten des Heims zu
stellen. Sie halten es ferner f¸r zw-eckm"þig, durch
Kurzvortr"ge geeigneter Referenten die erwerbslose
Jugend mit den verschiedensten Fragen des taglichen
Lebens vertraut zu machen und hierf¸r auch geeignete
Lehrkrafte der –rtlichen Berufsschulen heranzuziehen.*
So lautete ein Antrag der Jugendabteilung des
Deutschen Gewerkschafts-Bundes, Kreisausschuþ
Wilhelmshaven, an den Jugendring der Stadt
Wilhelmshaven, der nach einer entsprechenden
Begr¸ndung durch unseren Vertreter im Jugend-
ring einstimmig angenommen und an die Stadt-
verwaltung weitergeleitet wurde.
Im Jugendausschuþ des Rates der Stadt, dem
wiederum ein Vertreter der Gewerkschaftsjugend
angeh–rt, wurde darauf beschlossen, in zwei
Heimen eine Lese- und W"rmehalle f¸r die
erwerbslose Jugend Wilhelmshavens einzurichten.
Das Jugendamt wurde mit der Ausgestaltung det
R"ume beauftragt.
Trotz der ¸beraus schlechten Wirtschaftslage der
Stadt Wilhelmshaven - auf zwei Erwerbst"tige
kommt ein Erwerbsloser - wurden erhebliche
Mittel f¸r die Anschaffung neuer Unterhaltungs-
spiele, B¸cher, Zeitschriften, Rundfunkger"te so-
wie f¸r die Ausschm¸ckung (Tischdecken usw.)
verausgabt und konnten somit die R"ume so ge-
schmackvoll hergerichtet werden, daþ sich jeder
darin wohlf¸hlen kann.
Als Offene T¸r' konnten beide R"ume, die
r"umlich weit getrennt liegen, der erwerbslosen
Jugend in einer kleinen Feierstunde ¸bergeben
werden, und es hat sich gezeigt, daþ es notwen-
dig war, solche Einrichtungen zu schaffen. Wenn
audh zun"chst die Offnungszeiten nur auf die
Zeit von 9 bis 14 Uhr festgelegt waren, so hat
sich doch schon jetzt die Notwendigkeit ergeben,
diese bis mindestens 18 Uhr auszudehnen, da die
Jugend von diesen Einrichtungen regen Gebrauch
macht.
Wir nehmen an, mit dieser Einrichtung auch den
Jugendabteilungen im ¸brigen Bereich unserer
Bundesrepublik einen Weg gezeigt zu haben, w-ie
sie praktisch der erwerbslosen Jugend helfen
k–nnen, die ihr aufgezwungenen Muþestunden
sinnvoll zu verbringen, zumal hier die Gelegen-
heit gegeben ist, in Kurzvortr"gen die erwerbs-
lose Jugend mit dem Ideengut der Gewerkschaft
vertraut zu machen.
Abschlieþend m–chten wir bemerken, daþ eines
der Heime das Heim der Gewerkschaftsjugend
Wilhelmshaven ist, das zwar Eigentum der Stadt
Wilhelmshaven ist, aber unserer Jugendabteilung
f¸r ihre Arbeit zur Verf¸gung gestellt wurde.
Was will die Jugend?
Was fanden wir denn vor, die wir aus jahrelanger
bitterer Gefangenschaft zuruckkehrten? - Korruption.
Vertr–stungen. einen ¸berorganisierten Verwaltungs-
apparat, der sehr wenig oder gar kein Verst"ndnis
f¸r die N–te der Heimkehrer aufbrachte. Wer das
Gluck hatte, an seinen alten Arbeitsplatz zur¸ck zu
k–nnen, fand dort Leute vor, die inzwischen die besten
Posten besetzt hatten.
Das Gunstgeschrei der Parteien wirkte nur wie ein
schlecht verh¸lltes Buhlen um die Stimme der Jugend
bei den Wahlen. Es weckte nicht das politische Inter-
esse, sondern im Gegenteil, die schlechte Erinnerung
an die Vorg"nge der Vergangenheit wurde deutlich
wach. Und die Jugend wurde zu der an und f¸r sich
falschen Einstellung gleichsam getrieben: Wir bet"ti-
gen uns ¸berhaupt nicht mehr mit Folitik, wir wollen
nichts mehr davon wissen.
Wie sie aus dieser gef"hrlichen Lethargie wieder her-
auszureiþen izt? Die Jugend will geworben und ¸ber--
zeugt werden, sie will, daþ man sich um sie k¸mmert.
Sie will nicht erst irgend etwas leisten m¸ssen, son-
dern sie will, daþ die Regierung eine Politik betreibt
die aufw"rts fuhrt und in der Lage ist, der Jugend
neue Lebensm–glichkeiten zu erschlieþen. Sie mochte
den Eindruck gewinnen, daþ man es einmal wirklich
ehrlich meint und nicht nur Vorwande sucht, erneut
den noch verbliebenen Rest auf irgendwelchen Schlacht-
feldern zu opfern. Wenn die neuerstandene Bundes-
regierung eine Politik betreibt, aus der auch die
Jugend erkennen kann, es geht aufw"rts, wird sie
ihr Vertrauen gewinnen und eines Tages sagen kon-
nen: Die tugend macht wieder mit.
Rudi Baehrens, Radevormwald.
Nimmt man uns wirklich ernst?
Ich darf darauf hinweisen, daþ wir heute als Gewerk-
schaftsjugend einen erbitterten Kampf fuhren m¸ssen
um die Rechtsstellung der Betriebsjugendausschusse.
Diese Jugendvertretung in den Betrieben, der Keim-
zelle der Gewerkschaften und somit der Gewerk-
schaftsjugend. konnte durch unerm¸dlichen Fleiþ von
Ins ins Leben gerufen werden. Viele "ltere Kollegen
haben uns bei dieser Arbeit mit Rat und Tat zur Seite
gestanden. Nachdem   wir aber dazu ¸bergingen, im
Rahmen des Betriebsrategesetzes die Rechtsstellung
des Betriebsjugendausschusses zu erlangen. lieþ man
uns allein. Es ist uns allen bekannt, daþ die Gewerk-
schaftsjugend mit Unterst¸tzung der Jugendverb"nde
verschiedentlich  die  zust"ndigen  Stellen  zur  An-
erkennung dieser unserer Forderung angegangen hat.
Das Resultat kennen wir. Warum erf¸llt man unsere
Forderung nicht? Bevor wir jedoch m. E. das Parla-
ment als Organ der Gesetzgebung verantwortlich
machen, muþ die Frage aufgeworfen werden: Geht die
Gewerkschaft als solche ¸berhaupt mit unserer Forde-
rung einig? Zur Beantwortung dieser Frage gen¸gt
uns nicht eine theoretische Bejahung, sondern die tat-
s"chliche Mitarbeit an der Verwirklichung m–chten wir
gerne feststellen k–nnen. Da sieht es aber leider nicht
sehr rosig aus. Man m–chte manchmal meinen, daþ
man unsere Arbeit als Spielerei auffaþt. Wir m–chten
nicht nur einmal erw"hnt werden, wenn es gerade so
paþt, sondern wir wollen mitarbeiten. Wie der "ltere
Gewerkschafter seine sch–nste und ehrenvollste T"tig-
keit in der Mitarbeit im Betriebsrat sieht, so viel
bedeutet es auch dem jungen Gewerkschafter. im
Betriebsjugendausschuþ mitzuarbeiten.
So, wie um die Rechtsstellung des Betriebsrates ge-
kampft wurde und wird, so muþ auch um die Rechts-
stellung des Betriebsjugendausschusses gek"mpft wer-
den. Daþ unsere "lteren Kollegen diesen Kampf nicht
immer so ernsthaft fuhren, ist der V orwurf, den wir
erheben m¸ssen.      Matth. Weiþenfels, Wiesbaden.
Diskutiert ¸ber das Derufsausbildungsgesetz!
Bei einem Unterdusschuþ der Arbeitsminister der
westdeutschen Lander in Bonn liegen 39 Gesetzent-
wurfe auf arbeits- und sozialpolitischem Gebiet vor.
unter denen sich auch das Gesetz zum Schutz der Ju-
gjend und das Berufsausbildungsgesetz befinden. Der
Bundesvorstand der Gewerkschaften hat ebenfalls einen
Entwurf  zu  einem   Berufsausbildungsgesetz  fertig-
gestellt und allen Ortsvereinen zugeleitet. Es w"re
nun auþerst wertvoll, wenn dieser Entwurf ¸berall im
Lande diskutiert wurde, und zwar nicht nur mit den
Gewerkschaftskollegen, sondern mit allen beteiligten
und interessierten Stellen, z. B. Arbeitsamt, Berufs-
beratung, Berufsschule, Industrie- und Handelskammer,
Jiigendverbanden und Parteien, um mit unseren Vor-
schlagen an die Offentlichkeit zu treten und unsere
Fo-rderungen weiten Kreisen bekanntzugeben,
Bei einer derartigen Aussprache in Velbert konnten
beispielsweise die Vertreter der Industrie- und Han-
telskammer, der Berufsschule und des Arbeitsamtes
nicht verstehen, daþ in der Berufsausbildung eine
,Organische Anderung eintreten m¸sse, ,wo sich doch
bisher alles so gut abgewickelt hat'. Der Berufs-
berater hingegen stimmte mit unseren Forderungen, die
Berufsausbildung den ver"nderten Verh"ltnissen gegen-
uber fr¸her anzupassen und neue Organe zu schaffen,
in denen nicht mehr die Arbeitgeber allein tonan-
uebend sind, sondern neben ihnen, gleichberechtigt.
die  Arbeitnehmer  (vertreten  durch  die  Gewerk-
schatten), ¸berein.
Wenn in allen Orten "hnliche Aussprachen herbei-
gefuhrt w¸rden, w"re es m–glich, aus ihren Ergeb-
nissen dem Bundesvorstand brauchbare Vorschl"ge zu
machen.                           Helmut Demski,
Lieber Aufw"rts 1
Die Betriebsjugendgruppe Buckau R. Wolf A.-G. in
Grevenbroich will es nicht vers"umen, Dir zu danken
f¸r so manches, das Du uns f¸r den Beruf oder als
Unterhaltung geboten hast. Voller Stolz konnen wir
heute auf die Tatsache schauen, daþ von unseren
70 Lehrlingen 65 den Aufwarts halten und vor
allen Dingen auch lesen. Einen Wunsch aber haben
wir an Dich: vielleicht ist es Dir m–glich, ein Fach
f¸r die Facharbeiterpr¸fung etwas n"her zu beleuch-
ten, und zwar Gemeinschaftskunde'.
Wie bitter es sich racht. daþ man bisher 50 und 60
Schulkinder in eine Klasse zusammenpferchte und daþ
der Staat fur alles andere eher Geld hergibt als f¸r
die so dringend notwendigen Schulen, sieht man aus
den Aufs"tzen, die die zu Ostern einzustellenden
Lehrlinge bei der letzten Eignungspr¸fung geschrieben
haben. Nachstehend ein Beispiel:
Warum erlerne ich einen Beruf?
Ich werde Ostern 1950 aus der Schule kommen. Ich
habe mir vorgenommen, Schlosser zu werden. Diesen
Beruf habe ich mir schon vor einigen Jahren aus-
erwahlt Ich erlerne ein Beruf, damit ich etwas Geld
verdiene und etwas zu essen habe. Wenn sp"ter
verheirahtet w"r und hatte kein Beruf gelernt, dann
w¸rden iieine Kinder verhungern. Auþerdem   w¸rde
ich Knecht bei einem Bauer werden. Dann wurde ich
mehr Kleider serschle þen als Geld verdienen.
Du siehst, lieber Aufw"rts, welch groþe Aufgabe
wir haben, wenn    wir die Jungen zu brauchbaren
Gliedern unserer Gemeinschaft machen wollen, und wir
hoffen sehr, daþ Du uns dabei hilfst.
Wiese, Jugendspiecher und Betriebsobmann.
Neuntes Schuljahr?
Eine Antusort aus der Schweiz
Seit mehr als 15 Jahren besteht in der Schweiz das
neunte Schuljahr. Es wurde 1932 durch Bundeserlaþ
eingef¸hrt, und zwar haupts"chlich aus gesundheit-
lichen und beruflichen Gr¸nden.
Die Zahl der Schweizer Familien, die in einer reichen
Kinderschar das Mittel zum Verdienst sah, war ziem-
lich groþ. Um der Kinderarbeit kr"ftig entgegen-
zuwirken, muþte die Schulzeit verl"ngert werden.
Diese Vierzehnj"hrigen, die nicht viel mehr als lesen,
schreiben und rechnen konnten. deren k–rperliche
Entwicklung ebenfalls noch nicht abgeschlossen war.
erwiesen sich n"mlich nach wenigen Jahren untauglich
zur Erlernung eines regelrechten Berufs.
els 1932 das neue Berufsausbildungsgesetz erlassen
wurde, kam zur gleichen Zeit die Verl"ngerune der
Schulzeit bis zum 16. Lebensjahr. Die Anforderungen
der heutigen Fachausbildung sind sehr hoch und k–n-
nen nur von k–rperlich und geistig entwickelten
Menschen ¸berhaupt geleistet werden. Das neunte
Schuljahr schuf einen Ubergang zwischen der eigent-
lichen Schulbildtung und der Berufsausbildung. F¸r die
Madchen als Frauenarbeitsjahr, das sie in entsprechen-
den Schulen mit allen weiblichen Berufen naher be-
kannt machte und dabei auch auf den sp"teren Beruf
als Hausfrau und Mutter R¸cksicht nahm; f¸r die
Jungen wurde das letzte Schuljahr zum Berufsfin-
dungsjahr ausgebaut, <las ihnen in besonderen Lehr-
g"ngen und in verschiedenen Fachschulen Einblick in
die ihnen offenstehenden Berufe gew"hrt. Damit ist
ein Fehlgriff bei der Entscheidung zum Lehrberuf fast
vermieden, w"hrend fr¸her, bei den noch unreifen,
unentschlossenen Vierzehnj"hrigen solche Fehlgriffe
sehr h"ufig waren. In dieses neunte Schuljahr fallen auch
die Berufseignungspr¸fungen, denen sich besonders
Unentschlossene unterziehen.
Was nun die finanzielle Seite anbetrifft, so ist eine
h–here Belastung der Eltern nicht zu bestreiten. Diese
wird aber bei weitem gutgemacht durch die h–here
Leistungsf"higkeit der Jugendlichen ab dem 16. Le-
bensjahr. Unsere Statistiken belegen, klar, daþ der
Gesundheitszustand sich durch diese Maþnahme der-
artig gehoben hat, daþ eigentlich keine Versp"tung
im Vergleich zu fr¸her eintritt, weil die Lehrlinge
gesundheitlich fester sind und weniger Arbeitstage
ausfallen. Andererseits ziehen auch die Arbeitgeber
den lfjahrigen Lehrling vor, da er besser arbeitet
und eine leichtere Auffassungsgabe besitzt.
Trotz des materiellen Opfers m¸ssen wir in der
Schweiz das neunte Schuljahr im Interesse der heran-
wachsenden Generation gutheiþen, dies um so mehr,
als unsere ganze Produktion von der beruflichen
Qualit"t unserer Facharbeiter abh"ngt. Die Erh–hung
der Gemeindesteuern zur Durchfuhrung des neunten
Schuljahres ist darum auch seinerzeit widerstandslos
angenommen worden, und dies war ein Beitrag zum
sozialen Frieden.           Carmen Leu, Lausanne.
Herausgeber: Deutscher Gewerkschafts-Bund. Verlag:
Bund-Verlag GmbH., Koln, Breite Straþe 70, Telefon
5 86 41. Schriftleitung: Hans Treppte, K–ln, Pressehaus,
Ruf 5 86 41. Fernschreiber: 038 562. Verlagsleitung: Heinz
Decker, Georg Reuter. Erscheint alle 14 Tage. Bezugs-
preis vierteljahrlich 85 Pfg. zuzuglich 18 Pfg. Zustell-
geb¸hr. Bestellung bei allen Post"mtern und Jugend-
funktion"ren. Unverlangt eingesandten Manuskripten
muþ   R¸ckporto  beigefugt werden.   Druck: K–lner
Pressedruck GmbH., K–ln, Pressehaus, Breite Straþe 70.
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