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Jahrgang 3, Nr. 4 (February 25, 1950)

Johi
Aus der Kulisse gesehen,   p. 14


Page 14


Aus der Kulisse ger
Es ist kaum zu glauben, aber knapp zwei
Stunden  nach  den  m–rderischen  Schluþ-
k"mpfen des äHannoverschen Sechstage-
rennens" drehen in der Halle der Nationen
die Helden der rasenden N"chte den ersten
Walzer. Die Beine, die sechs Tage und N"chte
uneim¸dlich die Kurbel getreten haben,
schwingen im Walzer- und Samhba-Schritt.
Wieder sechs Stunden sp"ter sitzen wir im
Fr¸hst¸cksraum des Hotels Regina und mit
in unserer Runde Kilian, Schorn, Rigoni,
Terruzzi, Roth, Pellenaers und Middelkamp.
Wie kommt es, daþ diese Leute, die doch
todm¸de sein m¸ssen, die eine Woche lang
fast ohne Schlaf sind, nicht im Bett liegen?
Nun, die Sache ist die: ihre Nerven sind
noch in Aufruhr. Erst in der n"chsten Nacht
wird der ¸berangestrengte K–rper sein Recht
verlangen.
Ihr k–nnt euch --- wenn ihr nicht einen Blick
hinter die Kulisse derartiger Rennen ge-
worfen habt -¸berhaupt kein richtiges Bild
davon machen, was so ein Rennen ¸berhaupt
verlangt.
Vor allem braucht jede Mannschaft einen
erfahrenen Chefbetreuer, dem ein t¸chtiger
Mechaniker und zwei L"ufer zur Seite stehen,
Und w"hrend die L"ufer den mannigfaltigen
W¸nschen der "Renners' gerecht zu werden
versuchen, ¸berpr¸ft der Mechaniker die
R"der. Ihr meint, das w"re eine Kleinigkeit?
Grundfalsch! Wiþt ihr, daþ ein Bahnreifen
f¸r die kurzen und steilen Holzbahnen extra
angefertigt wird? Daþ ein solcher Reifen mit
8 at¸ aufgepumpt wird, damit der gewaltige
Druck in den Steilkurven aufgefangen wird?
Uberlegt euch, von der guten Beschaffenheit
der R"der h"ngen das Leben und die Gesund-
heit der Fahrer ab., Es ist so, gerade schein-
bar kleine Dinge entscheiden oft den Aus-
gang solcher Rennen. Da ist z. B. die Renn-
hose. Sechs St¸ck nimmt der Fahrer mit.
Warum? Weil bei solch langen Rennen das
Ges"þ leicht durchscheuert. Ist nun die Hose
nicht sauber, so ist es selbstverst"ndlich, daþ
sich die wundien Stellen entz¸nden. Schwere
Furunkulosen sind die Folge. Also, die Hose
muþ peinlichst sauber sein. Und da der
Ges"þteil aus Wildleder besteht, so wird die
Hose mit Ather gereinigt. Uberhaupt frische
Trikots, frische Socken --- und zwar m–g-
lichst oft - sind unerl"þlich.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Ern"h-
rungsfrage. Der Kr"fteverbrauch der Fahrer
ist enorm, also ist kr"ftige Nahrung wichtig.
LInd man gibt dem Fahrer, w. as er gerade will.
Was er gerade will! Schnell und leicht ge-
sagl Aber der Mann auf dem Rade ist ein
Nervenb¸ndel. Er ist launisch, will immer
ausgerechnet das, was gerade nicht da ist.
Jetzt Kaffee, dann Tee mit Zucker, dann Tee
ohne. Im n"chsten Augenblick unbedingt
Obstsalat, weil jemand sagte: "Das ist das
einzig richtige." Drei Minuten spatei ver-
langt er gr¸ne Bohnen mit Gulasch und
erkl"rt, wenn serviert wird: Nein, ein Filet-
steak w"re besser.' Und alle Wunsche wer-
den nach M–glichkeit erf¸llt, denn ist erst
der Appetit weg, so ist auch der Fahrer bald
von der Bahn.
Unvorstellbare Mengen Eier werden aufge-
schlagen. Der eine will ganze rohe Eier mit
Portwein, der andere will nur die Eidotter mit
sehr viel Zucker und Rotwein. Es gibt Fah-
rer, die nie Kartoffeln essen, weil sie be-
haupten, nach ihrem Genuþ w¸rden sie tr"ge.
Andere wollen zwei, drei Kartoffeln und
kauen nur aus dem Fleisch den Satt heraus.
Ein besonderes Kapitel ist der Aberglaube.
Sie, diese Leute, die st"ndig ihre gesunden
Knochen aufs Spiel setzen ... sie alle sind
wie die Kinder. Piet van Kempen, einer der
gr–þten Sechstagefahrer aller Zeiten, fuhr
nur, wenn seine Frau - das Finnchen'
auf dem Dach seiner Koje saþ. Ging Finn-
chen auch nur einen Moment weg, so war
Piet einfach nicht auts Rad zu kriegen.
Streifen wir euch einmal kurz die Fahr-
technik. Wenn ihr meint, daþ hier die rohe
Kraft allein entscheidet, dann seid ihr schwe:
auf dem Holzweg. Das Ansteuern der Kurven,
das Hindurchwinden durchs Feld verlangt
vor allem Mut und viel Geschicklichkeit.
Die Kerle m¸ssen die reinsten Akrobaten
sein. Kraft in cien Beinen? Ohne die geht s
sowieso nicht. Aber auch kr"ftige Arme zum
Steuern, ein starkes Herz, eine gesunde
Lunge und vor allem ein klarer Kopf sind
unbedingt n–tig.
, Kuhler Kopf und warm angezogen    wer
kennt nicht diesen Ausdruck? Die Rennfahrei
wissen, Verlust an K–rperw"rme bedeutet
Steifwerden der Glieder. Also auf dem R¸icken
groþe Klebepflaster und vorn im Trikot
Zeitungen. Zeitungen w"rmen mehr als alles
andere und haben den Vorteil, leicht zu sein.
Und noch etwas. Man kann.sie vorher lesen.
Das tun sie auch, diese z"hen Burschen, denn
trotz und alledem - und wenn auch Leute,
die keine Ahnung haben, das Gegenteil be-
haupten -, auch der bestbezahlte Sechs.
tagefahrer ist vor allen Dingen ehrgeizig.
Es geht ihm nicht nur um das Geld.  l.;i,
In Osterreich wurde Fuþballspiel in den
Lehrplan der Schulen aufgenommen. Vom
dritten Schuljahr an wird Fuþball ge-
spielt.
Marseille, eine groþe Hafenstadt Frank-
reichs, verf¸gte ¸ber eine sehr gute Fuþ-
ballmannschaft, die aber in den letzten
Monaten immer schlechter spielte, da von
der Vereinsleitung sehr viele gute Spie-
ler an andere Vereine abgegeben wur-
den. Die B¸rger von Marseille waren
nicht bereit, ihr gutes Eintrittsgeld f¸r
schlechte Leistungen zu zahlen, und sie
traten in einen -- Zuschauerstreik.
Finnlands Weltrekordl"ufer Viljo Heino
war 14 Tage in Brasilien, um an einem
Lauf ¸ber 7 Kilometer in San Paulo teil-
zunehmen. Als Sieger unter 2000 Teil-
nehmern beendete Heino den Lauf. Er
erhielt als Ehrenpreis eine Goldmedaille.
Doch das war noch nicht alles. An An-
denken und Sonderpreisen erhielt er unter
anderem noch: einen Kupon englischen
Anzugstoff, ein Eþservice von 64 Teilen,
eine Filmkamera, einen Reisewecker,
einen Karton mit Str¸mpfen, und noch
eine groþe Zahl kleinerer Geschenke.
Diese Reise hat sich gelohnt.
äLaþ ihn mir!' rief der Linksauþen Mit-
duell beim Ligaspiel Liverpool --New-
castle, als ein Flankenball in Torn"he
kam. Ungehindert bombte' er ins geg-
nerische Tor. Der Schiedsrichter hatte
aber f¸r dieses  M"tzchen" kein Ver-
st"ndnis. Nach seiner Meinung war die
gegnerische Abwehr durch diesen Zwi-
schenruf irritiert worden.
Ein Gericht verurteilte zwei Sportfana-
tiker', die bei einem Fuþballspiel in
Uedam (Kreis Kleve) einen Schiedsrichter
so miþhandelten, daþ eine Krankenhaus-
behandlung notwendig wurde, zu 1 h4 Jah-
ren -bzw. zu sechs Wochen Gef"ngnis.
Tragik
Los Angeles 1932. Olympische Spiele.
Tag der Entscheidung im Diskuswurf.
Reihum schleudert ädie Weltelite dieser
Disziplin in den strahlend blauen Himmel.
Laborde    48,47. Donogan   47,05. An-
derson - 49,48.
,Es wirft Noel, Frankreich', k¸ndet der
Lautsprecher. Und Noel, der H¸ne mit
den breit ausladenden Schultern, schwingt,
kreist, wirbelt, wirft ... ein einzigartiger
Wurf! Eine Handbreite vor der 50-m-
Marke kommt die Scheibe nieder. Beifall
dr–hnt auf, aber --- aber die Kampfrich-
ter haben den Wurf nicht verfolgt. Sie
hatten sich durch ein anderes Schauspiel
ablenken lassen, in dem gleichfalls um
die Entscheidung gerungen wurde: dem
unerh–rt dramatischen Stabhochsprung-
duell Miller USA -- Nishida Japan.
Eine Handbreite vor der 50 - m - Marke,
das war olympischer Sieg und neuer
olympischer Rekord - und w"re es
geblieben!
Denn kein anderer wartete mit einem
Wurf solcher Weite    auf.  So   aber
k¸ndete der Ansager durch den Laut-
sprecher:
"Noels Wurf ung¸ltig, da ihn die Kampf-
richter nicht sahen."
So kam der sympathische Franzose um
den olympischen Sieg, um eine olym-
pische Medaille ¸berhaupt, er vermochte
an seine annullierte Leistung nicht an-
zukn¸pfen.
Was verst"ndlich ist.
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