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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 3, Nr. 3 (February 11, 1950)

Grisar, Erich
Kohlen vor der Haustür,   p. 10


Page 10


ERICH GRISAR
Ehe der kahle Wilhelm gestern abend auf
Nachtschicht gegangen war, hatte ihm seine
Frau noch. nachgerufen: ãSieh zu, daþ du
morgen fr¸h gleich nach Hause kommst. Du
weiþt, wir kriegen Kohlen!'
Ja, is gut, hatte Wilhelm noch gesagt, aber
heute morgen hatte er an alles andere ge-
dacht als daran, daþ er zu Hause Kohlen
einschlagen sollte, und war mit Jupp H¸l-
dopp gegangen, der ihm schon lange mal
die fette ãSurge' zeigen wollte, die er sich
herangem"stet hatte. Nun, daþ Jupp auþer-
dem eine gute Quelle f¸r scharfe Getr"nke
wuþte, das konnte er bezeugen. Echter Dop-
pelkorn. Da hatten sie denn beide erst mal
einen Ordentlichen genommen.
Sp"ter war dann noch Hannes Schulte r¸ber-
gekommen, und sie hatten zusammen Kar-
ten gespielt. Und weil Hannes dauernd ver-
lor, hatte der auch noch einen ausgegeben,
und so war es gl¸cklich zwei Uhr vorbei.
als Wilhelm endlich nach Hause ging. Und
um sechs Uhr muþte er wieder auf Schicht
sein. Da w¸rde es mit dem Schlafen wohl
nicht mehr viel werden. Na, drei kurze
St¸ndchen w¸rden wohl noch dransitzen,
und das war mehr als nichts.
Er ging etwas schneller, als er aber in die
H¸ttenstraþe einbog, in der er wohnte, sah
er vor seinem Hause einen schwarzen Koh-
lenhaufen liegen. Au, verdammt! Daran hatte
er nicht mehr gedacht, daþ er heute Kohlen
einschlagen sollte.
Dann besah er sich die Kohlen genauer.
Weiþ der Deubel, brummte er vor sich hin,
was die Alte auf einmal f¸r Flitzen im
Kopp hat. Das sind doch die reinen Schmiede-
kohlen. Die nimmt sie doch sonst gar nicht.
Er wollte sie deswegen noch fragen, aber
als er in seine Wohnung kam, war seine
Frau einkaufen gegangen.
So nahm er sich also eine Schaufel und zwei
Eimer und machte sich daran, die Kohlen
in den Keller zu tragen. Das war. das Un-
angenehme an Willems Wohnung, daþ er
die Kellerfenster nach hinten hatte und so
die Kohlen nicht gleich von der Straþe aus
in den Keller werfen konnte. Aber das
machte ja nichts. So ein Kasten Kohlen, das
sind genau 85 Eimer, das hatte er mehr als
einmal ausprobiert. Wenn er den letzten
Eimer mit nach oben nahm, daþ seine Frau
gleich etwas zu brennen hatte, muþte er
mit den beiden Eimern genau 42mal in den
Keller. Das dauerte dreiviertel Stunden.
Als Willem mit seiner Arbeit fertig war,
wusch er sich die H"nde, aþ die Erbsen-
suppe, die seine Frau f¸r ihn warmgestellt
hatte, und legte sich ins Bett. Viel Schlaf
w¸rde er ja nicht mehr bekommen, aber
immerhin, etwas ist mehr als gar nichts,
dachte er, und da hatte er das erste Brett
schon anges"gt.
Viel weiter kam er jedoch nicht; denn keine
f¸nf Minuten sp"ter h–rte er genau vor
seiner Kammert¸r einen lauten L"rm. Seine
Frau muþte zur¸ckgekommen sein und
zankte sich nun mit der Nachbarin herum.
Das ging Willem ja nichts an. Wenn sich
die beiden zankten, w¸rden sie sich wohl
auch wieder vertragen. Aber er wollte
schlafen.
Also stand er auf, zog sich die Hose an, und
indem er einen Arm durch die Hosentr"ger
streifte, damit er die Hose nicht verlor,
steckte er den Kopf durch die Kammert¸r.
Was ist denn los da drauþen, brummte er.
Wir sollen M¸llers Kohlen geklaut haben,
sagte Willems Frau.
Kohlen, sagte Willem. Ich versteh immer
nur Kohlen. Wir brauchen andrer Leute
Kohlen nicht, wir haben selber Kohlen.
Eben erst neu gekriegt. Da steht noch ein
ganzer Eimer voll. Dabei zeigte er auf den
Eimer, den er mit nach oben genommen
hatte.
Aber das sind doch unsere Kohlen, sagte
Frau M¸ller.
Einen Augenblick mal, sagte Willem, dem
etwas d"mmerte. Dann wandte er sich an
seine Frau: Hast du nicht heute Kohlen be-
stellt?
Ja, gewiþ, sagte sie, aber weil du alter
Saufsack nicht gekommen bist, habe ich
dem Kohlenbauer gesagt, er soll sie erst
morgen bringen.
Verdammt nochmal, st–hnte Willem und
setzte sich. Dann waren das ja Ihre Kohlen,
die ich reingeschlagen habe, sagte er dann
zu Frau M¸ller.
Nat¸rlich waren sie das.
Aber warum haben Sie das denn nicht gleich
gesagt? fragte Willem nun.
Ich war bloþ weg, unseren Jungen holen,
daþ er sie reinschlagen sollte, Und als ich
zur¸ckkam, waren die Kohlen weg.
So war das, sagte Willem. Na, tr–sten Sie
sich. Wir kriegen morgen auch Kohlen.
Sie schickten den Lehrjungen eine Raspel
holen, da sagte Geselle Schl¸ter, der groþ
und dick war, zu dem Gehilfen Kr¸ll, dem
an L"nge und Breite etwas fehlte: ãDann
nehmen wir am besten Holzschrauben mit
Vierkantkopf, um die Bretter an die Kant-
h–lzer festzumachen.'
.Das ist nicht n–tig, gew–hnliche Holz-
schrauben tun dieselben Dienste.'
.Das ist mir aber nicht sicher genug.'
,Warum nicht? Schraube ist Schraube, ob
mit kantigem oder mit rundem Kopf.'
Dann kriegen Sie eben unsere, und alles
ist in Ordnung.
Ne, das gibt es ja gar nicht, hob Frau M¸l-
ler nun ihre Stimme wieder. Die dicken
Brocken, die ihr in euerm Ofen brennt,
brennen bei mir nicht. Ich habe extra Nuþ
vier bestellt, und die will ich haben.
Nun, Willem war ein friedlicher Mann. Da-
f¸r war er bekannt. Also gut, sagte er
darum. Sie kriegen Ihre Nuþ vier wieder,
und schon machte er sich daran, die Kohlen,
die er vor einer Stunde erst im Schweiþe
seines Angesichtes in den Keller getragen
hatte, wieder nach oben zu schaffen. Aber
das ist doch nicht n–tig, meinte Frau M¸l-
ler, die mit heruntergekommen war und
ihren Keller aufschloþ. Bringen Sie die~Koh-
len doch gleich in meinen Keller, das ist
doch einfacher.
Einfacher ja, dachte Willem, aber er hatte
keine Lust, die Sache so einfach zu machen.
Dann h"tte die Nachbarsche ja das Rein-
tragen gespart, und das sah er denn doch
nicht ein. Zum Schlafen kam er ja sowieso
nicht mehr. So trug er denn die 84 Eimer
wieder die Treppe hinauf und kippte sie
genau an den Platz, an dem sie gelegen
hatten.
Als er damit fertig war, war es Zeit, nach
Schicht zu gehen. M¸de, wie er war, packte
er seine Butterbrote ein, die ihm seine Frau
gemacht hatte, und machte sich auf den
Weg zur H¸tte. Als die T¸r hinter ihm zu-
schlug, h–rte er seine Frau noch sagen:
Komm aber fr¸h nach Hause, Willem, du
weiþt, wir kriegen Kohlen.
Zeichnungen: Josef Herif
äDie .dicken K–pfe ziehen aber die Bretter
besser an -!'
,Im Gegenteil, das Vierkant zermurkst beim
Anziehen die Bretter und reiþt sie auf  i
ãDie kr"ftigen Schraubenk–pfe -- Men-
schenskind! -- reiþen aber niemals ab, wenn
einmal eine geh–rige Last dagegen dr¸ckt!'
Kr¸ll schlug sich knallend auf die Schenkel,
guckte sich sprachlos nach einem Menschen
um, der seine Meinung als richtig bezeugen
k–nne, und da keiner da war, schrie er:
.Die K–pfe halten die Bretter nicht, das
<Z-,::-
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