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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 2, Nr. 20 (September 24, 1949)

E.
Etwas über Johann Sebastian Bach,   p. 11


Page 11


EIN SCHULAUFSATZ
DER KRIEG
Der Krieg (Bellum) ist jener Zustand, in
welchem zwei oder mehrere V–lker es
gegeneinander probieren. Man kennt ihn
schon seit den "ltesten Zeiten, und weil er
so oft in der Bibel vorkommt, heiþt man
ihn heilig.
Im alten Rom wurde der Tempel geschlos-
sen, wenn es anging, weil der Gott Janus
vielleicht nichts davon wissen wollte.
Das ist ein l"cherlicher Aberglaube und
durch das Christentum abgeschafft, welches
die Kirchen deswegen nicht schlieþt.
Wenn es im Altertum einen Krieg gab, zer-
kriegten sich auch die G–tter. Die einen
halfen den einen, und die anderen halfen
den anderen. Man sieht das schon im
Homer.
Die G–tter setzten sich auf die H¸gel und
schauten zu. Wenn sie dann zornig wurden,
hauten sie sich auf die K–pfe.
Das heiþt, die Alten glaubten das. Man
muþ dar¸ber lachen, weil es so kindlich
ist, daþ es verschiedene Gottheiten gibt,
welche sich zerkriegen.
Heute glauben die Menschen nur an einen
Gott, und wenn es angeht, beten sie, daþ
er ihnen hilft.
Auf beiden Seiten sagen die Priester, daþ
er zu ihnen steht, welches aber nicht m–g-
lich ist, weil es doch zwei sind.
Man sieht es erst hinterdrein. Wer verliert,
sagt dann, daþ er bloþ gepr¸ft worden ist.
Wenn der Krieg angegangen ist, spielt die
Musik. Die Menschen singen dann auf der
Straþe und weinen.
Man heiþt dies die Nationalhymne.
Bei jedem Volk schaut dann der K–nig
zum Fenster hinaus, wodurch die Begei-
sterung dann noch gr–þer wird. Dann geht
es los. Es beginnt der eigentliche Teil des
Krieges, welchen man Schlacht nennt.
Sie f"ngt mit einem Gebet an, dann wird
geschossen, und es werden die Leute umge-
bracht. Wenn es vorbei ist, reitet der K–nig
umher und schaut, wie viele tot sind.
Alle sagen, daþ es traurig ist, daþ so etwas
sein muþ. Aber die, welche gesund bleiben,
tr–sten sich, weil es doch der sch–nste Tod
ist. Nach der Schlacht werden wieder
fromme Lieder gesungen, was schon –fter
gemalt worden ist. Die Gefallenen werden
in Massengr"ber gelegt, wo sie ruhen, bis
die Professoren sie ausgraben lassen. Dann
kommen ihre Uniformen in ein Museum;
meistens sind aber nur die Kn–pfe ¸brig.
Die Gegend, wo die Menschen umgebracht
worden sind, heiþt man das Feld der Ehre.
Wenn es genug ist, ziehen die Sieger heim,
¸berall ist eine groþe Freude, daþ der Krieg
vorbei ist, und alle Menschen gehen in die
Kirche, um Gott daf¸r zu danken.
Wenn einer denkt, daþ es noch gescheiter
w"re, wenn man gar nicht angefangen
h"tte, so ist er ein Sozialdemokrat und wird
eingesperrt. Dann kommt der Friede, in wel-
-chem der Mensch verk¸mmert, wie Schiller
sagt, weil sie kein Geld kriegen und nicht
verdienen k–nnen. Manche erhalten eine
Drehorgel, mit der sie patriotische Lieder
spielen, welche die Jugend begeistern, daþ
sie auch einmal recht fest zuhauen, wenn
es losgeht.
Alle, welche im Krieg waren, bekommen
runde Medaillen, welche klirren, wenn die
Inhaber damit spazierengehen. Viele kriegen
auch den Rheumatismus und werden dann
Pedelle am Gymnasium wie der unsrige.
So hat auch der Krieg sein Gutes und be-
fruchtet alles.         Ludwig Thoma (1905)
d$44 ¸4ft ZJg  .
ETWAS OB8ER
dolIalix       1                1
Sebastia iC
Johann Sebastian Bach, der umfassendste
Geist der abendl"ndischen Musik, starb im
Jahre 1750. Zehn Jahre sp"ter war er ver-
gessen. Niemand kannte mehr etwas von
seinem gewaltigen Werk, mit Ausnahme
von ein paar Sch¸lern und Kantoren, die
sein Andenken weitertrugen. Seine breite,
unabsehbare Wirkung begann erst 80 Jahre
nach seinem Tode, als der junge Felix
Mendelssohn-Bartholdy zum erstenmal wie-
der die Matth"uspassion auff¸hrte. Seitdem
ist Bach eine der groþen M"chte unserer
Musik, nicht nur im Konzertsaal, sondern
auch im Schaffen der Komponisten, die sich
unabl"ssig  mit ihm   auseinandergesetzt
haben und bis heute auseinandersetzen.
Auch als Bach im Verlauf des 19. Jahr-
hunderts allm"hlich bekannt wurde, hat es
noch lange gedauert, bis seine Musik ver-
standen wurde. Vor allem darf man Bach
nicht von den Gewohnten der klassischen
und romantischen Musik aus h–ren. Man
kann sich der Musik Bachs nur n"hern,
wenn man sie aus ihren eigenen Bedingun-
gen heraus versteht.
Den "uþeren Lebensverh"ltnissen nach er-
w"chst das Werk deg th¸ringischen Kantors
auf dem Boden der protestantischen Kirchen-
musik, dem inneren Wesen und Gehalt
nach aber weitet es sich durch seine un-
begreifliche Tiefe und Sch–pferphantasie
zum Uberkonfessionellen. In vielen Arien
ist Bach  durchaus "moderner' Gef¸hls-
musiker, in seinen Fugen dagegen bleibt
er der musikalische Baumeister, der eine
jahrhundertealte Tradition vollendet hat. So
nimmt er in der Musikgeschichte eine
eigenartige Doppelstellung ein: er ist r¸ck-
w"rts gewandt als Erf¸ller und vorw"rts
gerichtet als Wegbereiter. Aber dennoch
ist er nicht zwiesp"ltig, sondern ge-
schlossen und umfassend, wie nur die M"ch-
tigsten in der Kunst.
Die Musik Bachs ist nicht einfach zu ver-
stehen. Von allen groþen deutschen Mei-
stern der Musik ist Bach der am wenigsten
volkst¸mliche, ja, aus dem unfaþbaren
Reichtum seiner Musik ist auch nicht die
kleinste Melodie wirklich ins Volk ge-
drungen. Dieser ganz aus den Gr¸nden
seines Volkes gesandte Wundermann, wie
ihn Richard Wagner genannt hat, besitzt
das h–chste Maþ von Unvolkst¸mlichkeit.
Die Musik Bachs l"þt sich nicht ins Volk
tragen wie ein Rheinlied oder ein M"nner-
chorlied. Bem¸hungen solcher Art sind
t–richt und von allem Anfang an zum
Scheitern verurteilt. Seine Musik vielmehr
setzt jeder Art von Popularisierung sogleich
einen sehr bestimmten Widerstand ent-
gegen. Sie ist von Haus aus nicht darauf
angelegt, wie etwa die Musik H"ndels, in
die Breite zu wirken. Eine Erschlieþung
seiner Kunst kann nur dort einen Sinn
haben, wo der H–rer wirklich um ein Ver-
st"ndnis bem¸ht ist, wo er sich immer und
immer wieder in ernstem Bem¸hen mit
dieser tonlichen Elementarwelt auseinander-
setzt. Eine Ausnahme macht nur die Mat-
th"uspassion, die dank der allj"hrlichen
Auff¸hrungen zu einem regelm"þig wieder-
kehrenden Standwerk des Konzertsaals ge-
worden ist.
Bachs musikalisches Lebenswerk ruht in
den 200 Kirchenkantaten - es ist jener
Teil seines Schaffens, der bisher am wenig-
sten bekannt geworden ist. Was in diesen
Werken an religi–sen Gem¸tswerten und
an Empfindungstiefe tonliche Gestalt an-
genommen hat, das steht in der neueren,
nachmittelalterlichen Musikgeschichte ohne
Vergleich da. Es hat seine guten Gr¸nde,
wenn die besten Kenner der Bachschen
Vokalwerke nicht m¸de werden, auf die
verborgenen Herrlichkeiten d'eser Musik
unabl"ssig  hinzuweisen.  Neben  diesen
kirchlichen Werken hat Bach eine groþe
Zahl von Klavier-, Orgel- und Orchester-
werken geschrieben: h–chste Offenbarungen
der instrumentalen Musik und von einer
fortzeugenden Kraft, die alle Richtungen,
Moden und Meinungen ¸berdauert. Goethe
war einer der ersten, die in der Kunst Bachs
eine der h–chsten Offenbarungen der Kunst
erkannten. "Ich sprach mir-s aus", schrieb
er in einem Brief an Zelter, "als wenn die
ewige Harmonie sich mit sich selbst unter-
hielte, wie sich's etwa in Gottes Busen,
kurz vor der Weltensch–pfung, m–chte zu-
getragen haben.-
Ÿuþerlich hat Bach ein bescheidenes Da-
sein als Organist und Kantor gef¸hrt; er war
in der damaligen Fachwelt zwar ein sehr
angesehener Musiker, aber es gab manchen
heute vergessenen Komponisten, der in
seiner Zeit viel ber¸hmter war als Bach.
Erst die Nachwelt hat die ganze Gr–þe und
Bedeutung Bachs erkannt. "Nicht Bach -
Meer sollte er heiþen", hat Beethoven von
ihm gesagt.                          E.
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FORMET DIE ZEIT!
Sehet - die Zeit, sie steht nicht still,
Wir m¸ssen erkennen, was sie will.
Wir sollen sie formen und gestalten,
Soll'n sie befreien von dunkeln Gewalten.
Auf daþ kein neuer Krieg sie entehre
Und ihr z–gernd erwachend Leben zerst–re.
Das soll unsere heiligste Pflicht stets sein,
Sch–ner soll werden die Zeit - und rein.
Mit aller Kraft wollen wir daran bauen:
Ein Vorbild sein den Schwachen und Lauen.
Nur wenn wir immer dazu bereit,
Verdienen wir eine bessere Zeit.
Kuno Kunz


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