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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 2, Nr. 20 (September 24, 1949)

Köhnsen, Walter
Eine kleine Tragödie aus dem Lande des Lächelns,   p. 10


Page 10


Obgleich Hung-ho mit einem Blick bemerkte,
daþ der Fremde, der die Bar verlieþ, be-
trunken war, und eine dumpfe Ahnung ihn
befiel - Angst vor einem drohenden Unheil,
war er mit seinem hochr"drigen Gef"hrt wie
ein Blitz zur Stelle. Er h"tte auch einen ver-
derbenbringenden Geist - ja den Teufel
selbst - gefahren, um dreiþig Cents oder
vielleicht sogar einen halben Dollar zu ver-
dienen.
Hung-ho war in groþer Bedr"ngnis! Der Tod
seines Onkels, die langwierige Krankheit
seiner Frau und die hungrigen Augen
seiner vielen Kinder waren Tatsachen, die
ihn zwangen, jede sich bietende Verdienst-
m–glichkeit zu ergreifen.
Er war der erste vor dem Fremden, und
Hai-feng und der alte Lin-y¸ zogen unwillig
ihre Wagen zur¸ck. H–flich n–tigte Hung-ho
den Weiþen zum Einsteigen. Als er ihm
dabei behilflich sein wollte, h"tte er fast
einen Fuþtritt geerntet. Hung-ho l"chelte
nur und suchte das Ziel des Masters zu er-
fahren. "Eh... zum Hafen, verd..."- Der
Fluch ging im Get–se eines vor¸berrattern-
den Lastwagens unter. "Der Hafen ist groþ",
-dachte Hung-ho, w"hrend er sich mit seiner
Rikscha - der Fremde in seinem Whisky-
rausch war anscheinend schon eingeschlafen
-durch endlose Autokolonnen und hastende
Fuþg"nger schl"ngelte. Aber mit der Findig-
keit eines Rikscha-Kulis hatte er die Natio-
nalit"t seines Fahrgastes erraten, und sein
Instinkt wies ihm den richtigen Weg.
So zog er sein Gef"hrt durch enge Gassen
.an chinesischen Kneipen und elenden H¸tten,
an Tr–dlerl"den und Wechselstuben vorbei,
Ðber weite Pl"tze, an ¸belriechenden Kan"len
entlang, durch belebte Gesch"ftsstraþen der
Europ"erviertel und an Konsulatsgeb"uden,
Bankpal"sten und Villen vor¸ber.
Eingeh¸llt in graue Staubwolken, wenn
Automobile ihn ¸berholten, oft in einem
Rudel anderer Rikscha-Kulis trabend oder
als einer von ihnen in einer schier endlosen
Reihe wartend und zur Eile dr"ngend -
umgeben vom L"rm dieser ger"uschvollsten
aller Millionenst"dte unter der unbarm-
herzigen, grellen, stechenden Auguslsonne
Schanghais, zog Hung-ho seine Rikscha.
Seine mageren, sehnigen Beine stampften
mechanisch den Asphalt und das Pflaster
der gl¸hendheiþen Straþen. Die Steinkolosse
des Broadways warfen die Hitze hundert-
fach zur¸ck.
Hung-ho war wach! Seinen Augen entging
nichts. Er ¸bersah weder die Verkehrs-
signale noch die Polizisten an den Straþen-
kreuzungen. Hin und wieder fluchte er un-
willig, wenn r¸cksichtslose Verkehrsteil-
nehmer oder verschlafene Fuþg"nger seinen
Zorn erregten.
So durchquerte er den "Bound", passierte
den –ffentlichen Garten und die "Wills-
Bridge". Und damit hatte Hung-ho, schwer-
atmend und ein wenig taumelnd, die Docks
erreicht und hielt vor einem der groþen
Tore. "Dreiþig Cents - vierzig Cents?" Er
setzte die Rikscha ab. Der Fremde, wach
geworden, steigt umst"ndlich aus. "Vierzig
Cents, Master!' Der Weiþe mustert den
kleinen mageren Kerl - dreht sich j"h ab
und geht -! Hung-ho ist einen Augenblick
starr vor Schreck! Dann ist er an der Seite
des Mannes, der ihn prellen will, der ver-
sucht, ihn um seinen sauer verdienten Lohn
zu betr¸gen.
Vorerst noch h–flich, dem¸tig, dann dring-
licher und lauter: "Vierzig Cents, Master,
vierzig Cents!" Er h"lt den Fremden am
Ÿrmel gepackt: "Vierzig Cents!"
Der Weiþe br¸llt ihn an, und Hung-ho,
seiner Not gedenkend und erschauernd bei
der Vorstellung, ohne einen Cent zu seiner
Familie zur¸ckkehren zu m¸ssen, schreit
ebenfalls... Ein Kreis fluchender, drohen-
der Kulis bildet sicl. um die Streitenden.
Arme gehetzte, meist schon schwinds¸chtige
Rikscha-Kulis, wie Hung-ho einer ist, er-
!lreifen sofort f¸r diesen Partei. Und einen
Augenblick sieht es schlecht um den
Witeiþen aus . . .
Pl–tzlich schiebt sich die riesige breit-
schultrige Gestalt eines khakiuniformierten
internationalen Polizisten durch die erregte
Menge. Fl¸che und Schimpfworte ersterben
auf den Lippen, erhobene Arme sinken. Der
braune  vollb"rtige  Singalese hebt den
Gummikn¸ppel und versetzt Hung-ho einen
empfindlichen Hieb. Und w"hrend der fremde
Betr¸ger seines Weges geht, tritt der farbige
H¸ter der Ordnung zu der umgest¸rzten
Rikscha Hung-hos und zieht ein Schild daraus
hervor - die Lizenz mit der Wagennummer,
f¸r die Hung-ho anderntags f¸nf . Dollar
zahlen muþ - wenn er mit seiner Familie
nicht elendig verhungern will.
SEIN SOHN
Der Schauermann und Lukenviz Hein B¸ssen-
sch¸tt hatte seit einiger Zeit ein den Um-
st"nden nach mehr als eigenartiges Sach-
gebiet zum regelm"þigen Fr¸hst¸cksthema
erhoben.
N–, sein Sohn sollte es einmal besser haben
im Leben als er. Gewiþ, man hatte ja sein
Auskommen, und die Arbeit machte auch
Spaþ, aber sein Junge, n–, der sollte es besser
haben, der sollte Kapt"n werden, nix wie
Kapt"n. Nicht auf irgendeinem kleinen
Schlidcrutscher, n–, was Besseres. Irg'endwo
auf einem ganz groþen Kasten. An ihm sollte
das nicht liegen, gewiþ nicht, und was sein
Junge is, na, der w¸rde das schon schaffen.
In allen Abarten wurde dieses Thema w"h-
rend der allt"glichen Fr¸hst¸ckspausen durch-
gekaut. Rein nichts wurde auþer acht ge-
lassen, was wie Steuermannschule und Na-
vigation als unerl"þliche Voraussetzung f¸r
die geplante Kapit"nlaufhahn in Frage kam,
Das alles war aufs beste geregelt, ein-
schlieþlich  Segelschiffszeit  und  Fremd-
sprachen. Und wer bezahlte immer wieder?
Er, der Lukenviz Hein B¸ssensch¸tt. Stolz
und p¸nktlich.
Du muþ aber atuch'n b¸þchen an dich selbst
denken, mahnten ihn wohl ab und zu seine
Arbeitskollegen und wollten es nicht ver-
stehen, daþ ein Vater sich ganz und gar nur
f¸r seinen Sohn aufopfert und sich selbst
nichts g–nnt.
ãLaþ mich man machen", sagte Hein B¸ssen-
sch¸tt dann nur abwehrend und bescheiden
l"chelnd, vaterstolz.
Sein Sohn sollte eben Kapt"n werden, und
damit basta.
Dar¸ber war die Zeit verstrichen, und un-
merklich, wie es so geht im Leben, hatte
diesesAlleinthema wieder anderen Gespr"chs-
stoffen Platz machen m¸ssen.
Wochen, Monate mochte es her sein, da
wallte es dunkel auf in der Erinnerung Klaus
Tietjens, und ruckartig-neuinteressiert fragte
er kauend w"hrend des Fr¸hst¸cks: Du,
Hein, sag doch mal, was macht denn dein
Jung eigentlich, hat er schon sein Steuer-
mannspatent gemacht?"
Hein B¸ssensch¸tt falzte gedankenvoll sein
Butterbrotpapier  zusammen,  stopfte  sich
knurrend, umst"ndlich seinen Br–sel und
sagte dann achselzuckend- "Tscha, da wird
nu nix mehr davon, ich hab' mir das anners
¸berlegt."
"Nanu, auf einmal...?" staunten auch die
weniger Interessierten.
,Tscha, auf einmal, wir haben n"mlich Mal-
l–r gehabt, m¸þt ihr wissen, der Jung...
das is'n Deern geworden.. .!ã  Fritz Bremer
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dh," DIk9ck
Gewaltig hebt sich Dock und Schiff empor,
Die Masten ragen in die stille Luft,
Durch Rost und Algen blickt der Boden vor,
Es riecht wie Tang und Salz, wie Meeresduft
Die groþe Schraube h"ngt wie tot am Heck,
Starr steht das Ruder auf den Klotz gespannt,
Mit K¸beln steigen Maler ¸ber Deck,
Den langen Pinsel in der rechten Hand.
Ger¸ste baumeln an der Bordwand lang,
Gestalten klopfen Rost auf schlankem Steg,
Weit t–nt der Arbeit st"hlerner Gesang,
Und nur das Wasser kluckert still und tr"g.
Am Schornstein krauselt sich der blaue Raudi,
Hell blinkt der Aufbau aus dem Dock heraus,
Matrosen sp¸len mit dem Wasserscdlauct
Den letzten Schmutz von Deck und Ruderhaus.
Arno Haft


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