University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
The History Collection

Page View

Aufwärts
Jahrgang 2, Nr. 21 (October 8, 1949)

H. T.
Aus 7 wird einer,   p. 2


Page 2


SO GEHT DAS NICHT, MEINE HERREN!
AUS 7 WIRD EINER
Alle Gewerkschafter sind eines Willens. Sie
wollen den einheitlichen Deutschen Gewerk-
schaftsbund f¸r die Bundesrepublik. Die
B¸nde in den einzelnen L"ndern und Zonen
haben ihre Aufl–sung beschlossen, falls der
neue Bund auf dem Gr¸ndungskongreþ in
M¸nchen Tatsache wird.
Die Selbstaufl–sung ist in der Gewerk-
schaftsgeschichte etwas Einmaliges, etwas,
was Gewerkschaften niemals freiwillig tun.
Und wenn heute die Gewerkschaftsb¸nde
ihre Aufl–sung beschlieþen, so, um an ihre
Stelle eine neue gr–þere und kraftvollere
Einheit zu setzen. Aus dem Alten soll ein
Neues werden. Dieses Ziel schwebte den
Gewerkschaftern aller Zonen von demTage
an vor, an dem die neue Gewerkschafts-
arbeit begann.
Der M¸nchner Gr¸ndungskongreþ wird die
Grundlage zur k¸nftigen Gewerkschafts-
arbeit geben. Gleichzeitig muþ er den
organisatorischen Bau schaffen, der Schlag-
kraft und St"rke der Gewerkschaften am
besten Ausdruck gibt. Auch nach innen muþ
die Organisation so aufgebaut werden, daþ
klare Richtlinien die Arbeiten auf allen Ge-
bieten vereinfachen. Es muþ so geplant wer-
den, daþ mit den geringsten Mitteln der
gr–þte Erfolg erzielt wird. Es wird sich er-
weisen, daþ neue Wege begangen werden
m¸ssen.
In vielen Fragen gehen die Meinungen aus-
einander. Die Jugend erwartet, daþ der Leit-
faden bei allem Tun und Lassen nur sein
kann, was der Gewerkschaft, dem arbeiten-
den Volke dient. Wir denken hier vor
allem an eine einheitliche Ausrichtung der
Industriegewerkschaften in den Fragen der
Unterst¸tzungen, des Bildungswesens und
der Jugend. Ein Nebeneinander kann der
Gesamtarbeit nicht dienlich sein.
Wir Gewerkschafter sind gegen jeden B¸ro-
kratismus und gegen eine Vielzahl gleich-
artiger Einrichtungen. Wir sind ein fort-
schrittliches Element im Volke. Dieser Fort-
schritt muþ auch im Bau unserer Organi-
sation Ausdruck finden. Der Starke muþ
dem Schwachen beistehen, das verlangt das
Prinzip gewerkschaftlicher Solidarit"t. Nie-
mals darf die Kollegin oder der Kollege in
einer kleinen Organisation das Gef¸hl
haben, weniger zu gelten oder zu sein, als
die, die in einer groþen Industriegewerk-
schaft organisiert sind.
Wer denFortschritt und die Einheit gewerk-
schaftlicher Arbeit will, der muþ geneigt und
bereit sein, auf ein St¸ck Eigenleben zu
verzichten, wenn  dadurch  dem  groþen
Ganzen gedient wird. Was wir heute in
dieser Hinsicht vers"umen, werden wir
morgen oder ¸bermorgen nachholen m¸ssen,
wenn die Entwicklung ¸ber uns hinweg-
schreitet. Gewiþ kann M¸nchen nicht die
Vollendung bringen, doch sollte nicht ver-
s"umt werden, m–glichst weit ans Ziel zu
gelangen.
Der Gr¸ndungskongreþ in M¸nchen sollte
in die Gewerkschaftsgeschichte eingehen,
indem man von ihm sagt, er habe seine
Beschl¸sse mit Mut und Weitblick gefaþt.
Wenn der neue Gewerkschaftsbund gebildet,
werden wir eine Organisation sein, in der
rund 5 Millionen Frauen, M"nner und Ju-
gendliche, Arbeiter, Angestellte und Beamte
organisiert sind. Jeder einzelne sollte stolz
sein, Glied und Tr"ger der groþen Gemein-
schaft schaffender Menschen zu sein. Im
Bewuþtsein dieser Erkenntnis m¸ssen wir
uns verpflichtet f¸hlen, dem Ganzen zu
dienen und unentwegt t"tig zu sein.  H. T.
Der nachstehende Artikel ist als Stellung-
nahme des Zonenjugendsekretariates des
DGB (brit. Besatzungszone) zu dem Problem
zu werten.
Die Arbeitgeberverb"nde von Nordrhein-
Westfalen forderten in einem an die Ver-
waltung f¸r Arbeit gerichteten Schreiben die
Aufhebung der Sonderregelungen f¸r Jugend-
liche zur Teilnahme an Ferienlagern.
Sie berufen sich dabei darauf, daþ diese zu-
s"tzliche Urlaubsregelung haupts"chlich f¸r
die Jugendlichen eingef¸hrt wurde, deren
Gesundheit unter den Auswirkungen des
Bombenkrieges und den nach dem Krieg
vorherrschenden Verh"ltnissen, insbesondere
unter der schlechten Ern"hrungslage, gelitten
hatte. Sie sind nun der Auffassung, daþ
diese Gr¸nde fortgefallen sind. Die Verh"lt-
nisse - besonders die Ern"hrungslage -
seien auch in den stark zerst–rten St"dten
besser geworden. Man k–nne es der Wirt-
schaft nicht mehr zumuten, ohne Notwendig-
keit weiterhin Regelungen aufrechtzuerhal-
ten, die unseren Jugendlichen zugestanden
werden. Sie glauben, dies auch besonders
im Hinblick auf die in der letzten Zeit ge-
troffenen Tarifregelungen sagen zu m¸ssen,
weil hier die Interessen der Jugendlichen in
einem den Notwendigkeiten Rechnung tragen-
den Umfange Ber¸cksichtigung gefunden
haben. Der normale, auf gesetzlicher oder
tariflicher Bestimmung zu gew"hrende Urlaub
reiche aus, um auch in Zukunft die Teil-
nahme an Sommerlagern zu erm–glichen.
Das w¸rde sinngem"þ auch auf den Kreis
Erwachsener zutreffen, die als Lagerf¸hrer
oder Lagerheller bei der Durchf¸hrung der
Jugendlager Verwendung finden.
Uber diese Handlungsweise der Arbeit-
geber sind wir keineswegs erstaunt. Uns
scheint, daþ hier in Nordrhein-Westfalen
ein Exempel aufgezeigt werden soll, das,
wie die Verwaltung f¸r Arbeit auch richtig
dazu bemerkt, sp"ter Ausdehnung auf das
gesamte Gebiet der britischen Zone finden
soll. Wir haben aber dazu noch einiges zu
sagen:
1. Die Herren Arbeitgeber haben sich ge-
t"uscht, wenn sie glauben, daþ es den
Jugendlichen heute in den St"dten wieder
besser gehe. Sie haben dabei bestimmt ¸ber-
sehen, daþ unz"hlige deutsche Menschen
gerade im Westen als Vertriebene oder
Ausgebombte in Notunterk¸nften, wie Kel-
lern oder  wie wir es j¸ngst durch den
Rundfunk erfahren konnten -- im Korn-
k"mmerchen ¸ber dem Pferdestall eine
Flichtlingsfrau, Mutter mit sieben Kindern,
hausen m¸ssen. Wir k–nnten auch eine
ganze Reihe jugendlicher Arbeiter vor-
f¸hren, an denen durchaus nichts von der
Besserung der Verh"ltnisse zu sehen ist.
Uns liegt ein Gutachten des Dozenten an
der K–lner Sporthochschule, Dr. med. habil.
Hans Hoske, vor, der feststellt,
,daþ schon in der Zeit zwischen beiden
Kriegen der gesundheitliche Leistungsstand
der berufst"tigen Jugend ein schlechter war.
Der Mangel an qualitativ hochwertiger Nah-
rung, der schon in Friedenszeiten den Haus-
halt der minderbemittelten Bev–lkerung
kennzeichnete, ist heute ein allgemeiner
Schaden. Ob und wie weit sich die Jugend-
lichen von diesem Mangelschaden erholen
werden, steht noch dahin. Wenn ¸berhaupt,
so ben–tigt dieser Ausgleich viele Jahre.
Deshalb muþ weitsichtig genug voraus-
gesagt werden:   Mangelhaft  entwickelte
Menschen sind nicht nur pers–nlich behindert
und weisen eine berufliche Leistungsminde-
rung auf, sondern ihre Widerstandskraft
gegen Sch"den, wie z. B. die biologische
Kraft  der Wiederherstellung  (Heilkraft)
wird deutlich herabgesetzt.'
Diese schwerwiegenden Gr¸nde werden je-
doch von den Arbeitgebern keinesfalls f¸r
wesentlich erachtet. Ihnen steht die groþe
Arbeitsreservenarmee zur Verf¸gung, in der
jetzt schon die Jugend einen beachtlichen
Faktor bildet. Haben wir doch sch"tzungs-
weise bald 300 000 Jugendliche ohne festes
Berufsziel.
2. Es scheint ein bemerkenswertes Zeichen
in der Entwicklung der neuen deutschen
Demokratie zu sein, daþ Regelungen, deren
Notwendigkeit man sich bisher nicht ver-
schlieþen konnte, nun auf diesem Wege
.demokratisch' wieder aufgehoben werden
sollen. Wir m¸ssen wohl an die Zeit zwi-
schen 1933 und 1945 zur¸ckerinnern. Ohne
Widerspruch haben die Arbeitgeber damals
zugunsten der Jugendlichen Verordnungen
und Anordnungen des Staates geduldet, der
dabei durchaus nicht das Wohl der Jugend
im Sinne hatte. Wir denken dabei an den
.Staatsjugendtag, an ãzus"tzliche Beurlau-
bung zu Wehrert¸chtigungslagern, ,F¸h-
rerlehrg"nge' usw. Damals -ist nie ein
Widerspruch, bzw. ein Antrag um Auf-
hebung mit der Darlegung der Gr¸nde er-
folgt. Sie bejahten diese groBz¸gigen'
Jugendschutzbestimmungen.
3. Den Vorgeschmack dieser demokratischen
Auseinandersetzung erhielten wir schon bei
der Durchf¸hrung des Jugendarbeitsschutz-
gesetzes im Lande Niedersachsen. Die da-
mals als gewerkschaftliche Forderung f¸r
die jungen Menschen dargelegten Erkl"run-
gen gelten auch noch heute als unsere For-
derungen. Wir bleiben dabei, daþ es not-
wendig ist, der berufst"tigen Jugend einen
zus"tzlichen Urlaub zu verschaffen, den sie
gesundheits- und erholungsf–rdernd ver-
bringen kann. Die Erfahrung lehrt immer
wieder, wie wenig der Urlaub in dieserBe-
ziehung ausgenutzt werden kann. Fachleute
sind sich dar¸ber einig, daþ f¸r die gesunde
Entwicklung der Jugend viel mehr erreicht
w¸rde, wenn notwendige Einrichtungen, wie
Jugendherbergen, Erholungsheime, feste La-
gerpl"tze usw., in ausreichendem Maþe vor-
handen w"ren, in denen die Jugendlichen
ohne die Belastung ihres Elternhauses einen
wirklich entspannenden und damit leistunqs-
aufbauenden Urlaub verbringen k–nnten.
Trotz einer allgemeinen Besserung' ver-
m–gen nur sehr wenige Jugendliche einen
Urlaub dieser Art zu verbringen.
4. In dem Schreiben der Arbeitgeber findet
sich weiter noch ein bedauerlicher Irrtum.
Bisher betrafen die neuen tariflichen Ur-
laubsregel.ungen nur die Wirschaftsbereiche
Berglbau und Teile des graphischen Gewerbes.
Der weitaus gr–þte Teil der Jugendlichen
hat gleich uns bisher noch nichts von einer
Besserung der Tarifvertr"ge erfahren, wie
uns die Arbeitgeber hier vormachen wollen.
Im ¸brigen sollten alle Gebiete, die mit der
ersten Berufsregelung der jungen Menschen
in Verbindung stehen, nicht durch Tarifver-
tr"ge, sondern gesetzlich auf einheitlicher
Grundlage gehandhabt werden, und darunter
fallen auch die Urlaubsbestimmungen.
Wir hoffen und erwarten vom Bundesmini-
ster f¸r Arbeit, daþ er unsere Grundforde-
rungen in der Regelung des Arbeitsschutzes
f¸r Jugendliche anerkennt und den jungen
arbeitenden Menschen vor der Ausbeutung
des Unternehmers sch¸tzt. Solange werden
wir mahnend und, wenn es sein muþ, k"mp-
fend, unsere Forderungen vortragen! w. u


Go up to Top of Page