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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 2, Nr. 22 (October 22, 1949)

Tolstoi, Leo
Drei Fragen,   pp. 10-11


Page 10


LEO TOLSTOI
DDREI FRAGEN
Es war einmal ein K–nig. Der glaubte, daþ
ihm alles gl¸cken w¸rde, wenn er nur drei
Dinge w¸þte: Erstens: den richtigen Augen-
blick, wann er jedes Ding beginnen m¸sse,
zweitens: mit welchen Menschen er es halten
d¸rfe und mit welchen nicht, und drittens,
und das war die Hauptsache: welches von
allen seinen Gesch"ften immer das wichtig-
ste w"re. Er dachte lange dar¸ber nach,
konnte es aber selber nicht herausfinden,
und so lieþ er denn in seinem ganzen K–nig-
reich verk¸nden, daþ er demjenigen eine
groþe Belohnung geben werde, der ihm
sagen k–nne, wann man jedwedes Ding zur
Zeit anfangen m¸sse, wie man, ohne sich zu
t"uschen, herausfinden k–nne, welche Men-
schen f¸r einen die allern¸tzlichsten sind
und was f¸r ein Werk das wichtigste sei
von allen.
Kamen all die groþen Gelehrten des Landes
zum K–nige und antworteten ihm, ein jeder
in einer anderen Weise.
Auf die erste Frage antwortete der eine,
um die rechte Zeit f¸r jedwedes Ding zu
wissen, m¸sse man im voraus eine Aufstel-
lung f¸r alle Tage, Monate und Jahre
machen und sich dann streng an das halten,
was man sich f¸r den einzelnen Tag vor-
genommen habe. Nur dann, so sprach er,
kann jedes Ding zur rechten Zeit geschehen.
Ein anderer meinte, im voraus zu be-
stimmen, wann man ein Werk zu tun habe,
sei unm–glich, man solle sich nur nicht un-
n¸tzen T"ndeleien hingeben, sondern immer
aufmerksam verfolgen, was sich ereigne,
und dann das tun, was n–tig sei. Ein dritter
sagte, wie aufmerksam man auch alles, was
sich ereigne, verfolgen m–ge, ein Mensch
allein k–nne niemals mit Sicherheit wissen.
was f¸r den Augenblick zu tun sei, sondern
er m¸sse einen Rat weiser M"nner um sich
haben und nach diesem Rat dann ent-
scheiden, was f¸r den Augenblick unter-
nommen werden solle. Ein vierter wieder-
um behauptete, es g"be aber doch auch
Dinge, um die man nicht erst einen Rat
befragen k–nne, sondern augenblicklich
entscheiden m¸sse, ob man sie sogleich
unternehmen solle oder nicht. Um sich da-
bei aber nicht zu irren, m¸sse man im vor-
aus wissen, was geschehen werde. Dies sei
nur den Wahrsagern bekannt. Und deshalb
m¸sse man, um den richtigen Zeitpunkt f¸r
jedwedes Ding zu erkennen, die Wahrsager
dar¸ber befragen.
Genau so verschieden beantworteten sie
auch des Konigs zweite Frage. Die einen
sagten, die allern¸tzlichsten Menschen f¸r
den K–nig seien seine Helfer, die Staatsleute;
die anderen behaupteten, wichtiger seien
doch wohl die Priester; wieder andere
meinten, die Ÿrzte seien f¸r den K–nig am
n–tigsten; und noch andere sagten. die un-
entbehrlichsten Leute w"ren doch die Sol-
daten.
Auf die dritte Frage, welches Ding am wich-
tigsten sei, antworteten die einen, das wich-
tigste in der ganzen Welt sei die Wissen-
schaft; andere behaupteten, wichtiger sei
doch noch die Kriegskunst; und wieder
andere sagten, allen voran gehe doch die
Gottesverehrung.
Alle Antworten waren verschieden. Des-
halb konnte sich der K–nig mit keiner ein-
verstanden erkl"ren und gab niemand die
versprochene Belohnung. Um aber nun zu-
verl"ssigere Antworten zu erhalten, beschloþ
er, einen Einsiedler dar¸ber zu befragen,
dessen Weisheit im ganzen Lande ber¸hmt
war.
Dieser Einsiedler lebte im Walde, ging nir-
gend hin und nahm nur einfache Leute bei
sich auf. Deshalb zog der K–nig einen
schlichten Rock an, ritt mit seinem Gefolge
nicht ganz bis zur Klause des Einsiedlers
hin, sondern stieg vorher vom Pferde und
begab sich allein zu ihm hin. Als der K–nig
bei dem Einsiedler ankam, grub dieser ge-
rade die Beete vor seiner H¸tte um. Er sah
den K–nig, begr¸þte ihn und grub dann
ruhig weiter. Er war mager und schwach
und keuchte jedesmal schwer, wenn er das
Grabscheit in die Erde stieþ und die kleinen
Schollen umwandte.
Der K–nig trat auf ihn zu und sagte: "Ich
bin zu dir gekommen, weiser Einsiedler, um
dich zu bitten, mir drei Fragen zu beant-
worten: Welche Zeit muþ man wahrnehmen,
damit man sie nicht vers"umt und es nach-
her bereut; welche Menschen sind die aller-
n¸tzlichsten und mit welchen muþ man sich
demnach mehr und mit welchen weniger
abgeben; und was ist das Wichtigste auf
der Welt, was man vor allen Dingen tun
muþ?"
Der Einsiedler h–rte den K–nig an, gab
keine Antwort, sondern spuckte in die
H"nde und fuhr zu graben fort.
,.Du bist ja ganz ersch–pft", sagte der
K–nig. "Gib mir den Spaten, ich werde die
Beete f¸r dich umgraben."
"Ich danke dir-, erwiderte der Einsiedler,
gab den Spaten hin und setzte sich auf die
Erde.
Als der K–nig zwei Beete umgegraben hatte,
hielt er inne und und wiederholte seine
Frage. Der Einsiedler gab keine Antwort,
sondern erhob sich und streckte die H"nde
nach dem Spaten aus.
"Jetzt ruhe du dich aus. gib her...", sagte er.
Aber der K–nig gab ihm den Spaten nicht
zur¸ck, sondern grub weiter. Es verging
eine Stunde, eine zweite, die Sonne fing an,
hinter den B"umen unterzugehen. Da steckte
der K–nig das Grabscheit in die Erde und
sagte: "lch bin zu dir gekommen, weiser
Mann, um eine Antwort auf meine Frage zu
erhalten. Wenn du sie mir nicht geben
kannst, so sage es mir, dann werde ich nach
Hause gehen.'
"Wer kommt denn da angelaufen?- rief der
Einsiedler aus. "Wollen mal sehen, wer
das ist!"
Der K–nig schaute sich um, und wirklich
st¸rzte aus dem Wald ein b"rtiger Mann
heraus. Er hielt sich mit beiden H"nden den
Leib, und unter seinen Fingern quoll Blut
hervor. Beim K–nig angelangt, fiel er zu
Boden, schloþ die Augen und r¸hrte sich
nicht mehr. Nur ein leises St–hnen gab er
noch von sich.
Der Einsiedier und der K–nig rissen dem
Fremden das Kleid auf. Er hatte eine groþe
Wunde im Leib. Der K–nig wusch sie, so
gut er konnte, und verband sie mit seinem
Taschentuch und dem Handtuch des Ein-
siedlers. Aber das Blut war nicht zu stillen,
und so muþte der K–nig den blutgetr"nkten
Verband ein paarmal wieder abnehmen, die
Wunde noch einmal auswaschen und von
neuem verbinden. Als das Blut gestillt war,
kam der Verwundete zu sich und bat um
einen Trunk. Der K–nig brachte ihm frisches
Wasser und gab es ihm zu trinken.
Die Sonne war nun ganz untergegangen,
und es fing an, k¸hl zu werden. Mit Hilfe
des Einsiedlers trug der K–nig den Verwun-
deten in die Klause und legte ihn dort aufs
Bett. Als sie ihn hingelegt hatten, schloþ er
die Augen und wurde ganz still. Auch der
K–nig war von dem Weg und der Arbeit
so m¸de, daþ er sich auf die Schwelle
niedersetzte und in einen so tiefen Schlaf
verfiel, daþ er die ganze kurze Sommernacht
verschlief.
Als er am anderen Morgen erwachte, konnte
er sich lange nicht dar¸ber klar werden. wo
er sich befand und wer der fremde b"rtige
Mann war, der dort auf dem Bett lag und
ihn mit seinen fiebergl"nzenden Augen auf-
merksam ansah.
"Vergib mir", fl¸sterte der b"rtige Mann mit
schwacher Stimme, als er gesehen hatte, daþ
der K–nig aufgewacht war und ihn ansah.
"Aber ich kenne dich doch gar nicht und
weiþ auch nicht, daþ ich dir zu vergeben
h"tte", erwiderte der K–nig.
"Du kennst mich nicht, aber ich kenne dich.
Ich bin dein Feind, der dir Rache geschworen
hatte, weil du meinen Bruder hast hinrichten
lassen und mir mein Hab und Gut genom-
men hast. Ich wuþte, daþ du allein zum
Einsiedler gegangen warst, und hatte be-
schlossen, dich zu t–ten, wenn du zur¸ck-
k"mest. Aber der ganze Tag verging, und
du kamst nicht. Da wagte ich mich aus dem
Hinterhalt hervor, um zu erforschen, wo du
geblieben w"rest, und stieþ auf dein Ge-
folge. Sie erkannten mich und brachtenmir
die Wunde bei. Ich floh. Aber das Blut
str–mte nur so, und ich w"re gestorben,
wenn du mich nicht verbunden h"ttest. Ich
wollte dich totschlagen, du aber hast mir
das Leben gerettet. Jetzt aber, wenn ich am
Leben bleibe und du mich nicht von dir


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