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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 20, Nr. 12 (December 15, 1967)

Hess, R.
Ein Panzer stand im Kerzenschein,   p. 16


Page 16

Kein Kriegsspielzeug 
m Zeichen des Wohlstandes stehen 
viele Familien vor einem Problem. 
Manche Stunde wird der Diskussion 
geopfert, des öfteren gibt es sogar ernste 
Verstimmungen in diesen Familien, und 
der Haussegen hängt schief. Was ist An- 
laß dieser Unruhe? Reicht das Haushalts- 
geld nicht, verbringt der Ehemann zuviel 
Zeit in seinem Skatverein, oder ist der 
neue Hut der Gattin wirklich undiskuta- 
bei? Nichts von alledem trifft zu. Einmal 
im Jahr, und zwar in der Vorweihnachts- 
zeit, kehrt Unfriede in viele Familien dar- 
über ein, was man zu Weihnachten den 
vielen Verwandten und Bekannten schen- 
ken will, sollte oder, nach Meinung der 
Ehefrau, müßte. Es wäre einer eigenen 
Betrachtung wert, wieviel Unfug in die- 
ser Sache heute getan wird. Hier soll da- 
für jedoch kein Platz sein. 
In den Wochen vor Weihnachten besu- 
chen Enkel auffällig oft die Großeltern. 
Nichten und Neffen vergessen Namens- 
und Geburtstage ihrer Onkel und Tanten 
nicht, und im Elternhaus wird manche 
Handreichung durch die Kinder ohne 
Murren vorgenommen. Dieses Verhalten 
der Kinder liegt nicht am Herbstklima, 
sondern in der Zweckbestimmung, sich 
für Weihnachten in gute Erinnerung zu 
bringen. Die Geschenkpakete auf dem 
Gabentisch zeigen nachher, daß man 
richtig investiert hatte. 
Sammelbesteller werden aktiv; Postbo- 
ten schleppen Berge von Versandhaus- 
katalogen; Spielzeugabteilungen erwa- 
chen aus dem Dornröschenschlaf. In 
Buchhandlungen steht man Schlange 
und Pkw werden zu Lieferfahrzeugen. Im 
steinigen Fußmarsch aus der Talsohle 
wirtschaftlicher Flaute ist gegen diese 
saisonbedingte Wirtschaftsankurbelung 
nichts einzuwenden. Aber - was wird 
alles gekauft? Nützliches und Unnützli- 
ches. Manches, das das Wegwerfen 
nicht wert ist. Die Spielzeugschachteln 
in den Kinderzimmern der Bundesbürger 
laufen über. Puppen mit allen mensch- 
lichen Eigenschaften, Raumfahrzeuge, die 
Kuh, die <glückliche" Milch gibt, bis zum 
Miniauto, das Zusammenstöße am lau- 
fenden Band produziert. Auch gegen die- 
sen Unfug soll hier und an dieser Stelle 
nichts gesagt werden. Aber was kaufen 
unsere Väter, Großväter und Urgroßväter 
noch? 
Mit stolzgeschwellter Brust, in Erinne- 
rungen schweigend, an ihre Orden den- 
kend, haben sie fachmännisch in den 
Spielzeugläden ihre Auswahl getroffen. 
Feuerspeiende Panzer, <gegen Osten" 
gerichtete Raketen, naturgetreu aus- 
sehende Maschinenpistolen fanden das 
Wohlwollen der Kaufenden. Ich will nicht 
behaupten, daß die Käufer von solchen 
Spielsachen kriegslüsterne Revanchi- 
sten sind, o nein, es sind schwache 
Konsumenten, die negative Erinnerungen 
aus ihrem Gedächtnis gestrichen und 
nicht bewältigte Erinnerungen dazu ver- 
leitet, solchen Unsinn zu kaufen. Beim 
Anblick eines solchen ~Wertobjektes" 
ist Anlaß genug zum Schwelgen in Er- 
innerungen. Es fällt sehr oft der Satz <da- 
mals, 1916 vor Verdun" oder ~damals, 
1942 in der Kesselschlacht um XY". Der 
Weg zur nationalen Überheblichkeit, zum 
Pauschaurteil über andere Völker und 
zum Pathos falscher Erinnerungen ist 
nicht weit. Wenn man den Erzählungen 
dieser Männer glauben möchte, dann 
waren die Kriege, an denen sie teilnah- 
men, grandiose Schützenfeste, die nur 
zeitweise nicht harmonisch verliefen. 
Psychologisch erklärbar, politisch nicht 
faßbar, wandelt sich die Erinnerung an 
die grausamen Jahre des Krieges mit der 
Zeit Vom <Niemals" bis zum <Es war 
doch ganz schön" brauchte man nicht 
einmal 22 Jahre. Wenn durch diesen 
Wandel auch noch die neue Generation 
betroffen ist, der Spielzeug geschenkt 
wird, das nicht wert ist, produziert zu 
werden, dann ist die Frage nach Sinn 
oder Unsinn schon gestattet. Wenn 
schon unsere Väter und Großväter aus 
den Erlebnissen des Krieges nichts ge- 
lernt zu haben scheinen, dann werden 
wir, die Jüngeren, ihnen zeigen, was wir 
von solchen Geschenken halten. Wir wer- 
den unseren Neffen und Brüdern sagen, 
warum Kriegsspielzeug nicht das richtige 
Geschenk zu Weihnachten ist. Wir, die 
jüngere Generation, brauchen diese Ver- 
gangenheitsbewältigung nicht, falsches 
Pathos und Schützengrabenromantik 
sind uns fremd. Wir wissen, was auf den 
Gabentisch für Kinder und Jugendliche 
gehört. 
Fred Link 


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