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Aufwärts
Jahrgang 19, Nr. 1 (January 15, 1966)

Rosenberg, Ludwig
...denn es wird uns nichts geschenkt,   pp. 2-3


Page 2

Foto: Hans Rudolf 
Ludwig Rosenberg 
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ben, und wer das aus der Sicht der 
Gewerkschaften tun muß, steht immer 
wieder vor der gleichen Frage: Wie 
kann er endlich erreichen, daß Tat- 
sachen als solche allgemein aner- 
kannt werden, daß das Bemühen um 
die Wahrheit nicht zweckbedingten 
und gezielten Lügen weichen muß, 
daß nicht immer wieder die als un- 
wahr entlarvten alten Märchen und 
Greuelgeschichten als sogenannte 
Argumente gegen besseres Wissen 
der Öffentlichkeit <verkauft" werden. 
Nicht umsonst kehrt in unseren Neu- 
jahrsartikeln die Forderung wieder, 
jedem Bürger schon auf der Schul- 
bank das Einmaleins der Wirtschafts- 
politik und Wirtschaftswissenschaft 
beizubringen - weil es dann unmög- 
lich wäre, In beleidigend primitiver 
Aufmachung dem Volke immer den- 
selben Unsinn als wirtschaftspoliti- 
sche Weisheit anzubieten. Man weiß 
offenbar sehr wohl, warum man bis- 
her dieser Forderung nicht entspro- 
chen hat: Dummheit und Unwissen- 
heit sind die besten Verbündeten der 
Gegner sozialer Gerechtigkeit und 
der Verteidiger unberechtigter Privi- 
legien. 
Beschämend 
So mußten wir uns in den vergan- 
genen Jahren und zu dieser Jahres- 
wende wieder gegen die einseitige 
Darstellung wirtschaftlicher Zusam- 
menhänge wenden, gegen die Über- 
treibung des Einflusses von Löhnen 
und Gehältem auf Preisniveau und 
Geldentwertung, gegen  primitive 
Schwarzmalerei und das alberne 
Spiel mit dem Schwarzen Peter der 
Schuld. So müssen wir uns wieder 
gegen die halben Wahrheiten wen- 
den, die die schlimmsten Lügen 
sind, gegen das, was man bewußt 
verschweigt, und das, was man - für 
jeden Wissenden erkennbar - unver- 
antwortlich verdreht und entstellt. 
Gegen Unterstellungen und angeb- 
liche Pläne, die wir niemals vertreten 
haben, gegen Gefahren, die nicht 
existieren, und Behauptungen, die 
nie aufgestellt wurden. 
Es ist beschämend, daß Menschen, 
die in einer Demokratie verantwort- 
lich an führenden Stellen tätig sind, 
sich auf dieses Niveau begeben müs- 
sen, gezwungen von ihren sogenann- 
ten Partnern. Es müßte eigentlich 
Pflicht aller sein, diesen widerlichen 
Teufelskreis zu durchbrechen und 
sich - wenn schon notwendig - um 
jene Dinge zu streiten, die es wirk- 
lich wert sind, diskutiert zu werden. 
Es ist unverantwortlich, dem Volk 
dieses unwürdige und unaufrichtige 
Gezänk als politische und wirtschaft- 
liche Diskussion anzubieten. Wir 
haben alle eine Verantwortung, der 
wir uns nicht entziehen dürfen, und 
das ist die für die Glaubwürdigkeit 
demokratischer Auseinandersetzung. 
Was soll man dazu sagen, wenn man 
so ~argumentiert", wie das immer 
wieder geschieht: Wenn man von 
Versachlichung spricht und ein Sach- 
verständigengutachten nur deshalb 
ablehnt, weil es Irgendwo bestätigt, 
daß die Gewerkschaften sich ver- 
nünftig verhalten haben. Wenn man 
empört das Gutachtergremium des- 
halb ablehnt, weil keine Regierung 
~sich eine solche Kritik gefallen las- 
sen kann" (wie Rechtsanwalt Stein 
vom BDI erklärte). Was soll dann 
wohl die Versachlichung für einen 
Sinn haben, wenn sie nicht auch die 
Regierung kritisieren darf? Wenn 
man bei mehr als einer Million Gast- 
arbeiter und mehr als 600000 offenen 
Stellen die Menschen mit angedroh- 
ten ~Massenentlassungen" graulich 
machen und Lohnforderungen <ab- 
wehren" will? 
Ist das die Versachlichung, die man 
fordert? Ist das die ~Partnerschaft", 
von der man dauernd spricht? Ist dies 
das Verantwortungsbewußtsein, das 
man dauernd bemüht? - Nein, das ist 
erbärmliche, kleinkarierte und un- 
würdige Stimmungsmache - nichts 
sonstl Das ist genau die Art und 
Weise, wie sich der Klassenkämpfer 
mit Ballonmütze den Kapitalisten 
mit Zylinderhut und dicker Zigarre 
vor hundert Jahren vorstellte. Das ist 
finsterste Mottenkiste. 
Warum verschweigt man es - denn 
das sagt man nur in geschlossener 
Gesellschaft, und es erscheint, wenn 
überhaupt, nur auf den Wirtschafts- 
seiten der Fachpresse -, daß einer der 
entscheidenden Gründe der Schwie- 
rigkeiten der Stahlindustrie darin 
liegt, daß unsere ausländischen Kon- 
kurrenten billige amerikanische Koh- 
le oder billiges russisches Öl zur 
Fabrikation einsetzen? Warum wird 
nicht gesagt, daß unsere Investitionen 
im Ausland seit 1961 sich verdoppelt 
haben und daß der Anteil der chemi- 
schen, der Stahl- und der Elektro- 
industrie dabei mehr als die Hälfte 
ausmacht? Warum wird nicht klarge- 
macht, daß in vier Jahren 67 Länder 
auf dem Weltstahlmarkt konkurrieren 
werden gegenüber 51 Ländern heute? 
Warum wird nicht klar - ebenso klar 
wie bei den Löhnen - dargelegt, daß 
das und vieles andere selbstverständ- 
lich zur Verschlechterung auch un- 
serer Konkurrenziage beitragen muß? 
Ungereimtheiten 
Warum wird fast ausschließlich von 
den Löhnen geredet? Warum wird 
nicht sehr viel klarer gesagt, als das 
gelegentlich in einem Nebensatz ge- 
schieht, daß die tatsächlich und frei- 
willig gezahlten Löhne weit höher als 
die Tariflöhne sind, und warum ist 
man nicht bereit, die Spanne zwi- 
schen den Tariflöhnen und den Effek- 
tivlöhnen zugunsten der Tariflöhne 
zu vermindern? 
Warum beschwert man sich lautstark 
über die Steigerung der Einfuhren 
bzw. die Verminderung unseres Ex- 
ports, wenn man sich jahrelang über 
die Exportüberschüsse beklagt hat 
und auch heute noch eine Politik be- 
treibt, die bewußt zu diesen Konse- 
quenzen führt? Wenn die Politik der 
Bundesbank richtig ist, dann sind 
diese und andere Konsequenzen ge- 
wollt. Man kann den Kuchen nicht 
aufessen und ihn gleichzeitig aufbe- 
wahren wollen. 
Unendlich beinahe könnte man diese 
Kette von Ungereimtheiten fortsetzen, 
die mit beneidenswerter Unbeküm- 
mertheit und im Vertrauen auf die 
Dummheit und Unkenntnis der Men- 
schen täglich mit dem Pathos des 
fachkundigen Wirtschaftsfachmanns 
verbreitet werden. 
Wie kann man mit großem Aufwand 
von der Unternehmerinitiative spre- 
chen, wenn dort, wo wirklich Risiko 
in Frage kommt - in Entwicklungs- 
ländern -, die meisten Geschäfte nicht 
ohne Hermes-Garantie, also Verlust- 
deckung durch den Steuerzahler, ge- 
macht werden. Die Kaufleute der 
Hanse, wirkliche Unternehmer, haben 
diese Art von Sozialisierung der Ver- 
luste nicht gekannt. 
Können wir hoffen, daß diese Art von 
~Versachlichung" und diese Form 
von <Partnerschaft im Schwarzen- 
Peter-Spiel" einmal einer vernünfti- 
gen Auseinandersetzung Platz ma- 
chen wird? Schön wär'si - Man soll 
die Hoffnung nicht aufgeben. 
Wir sagen am 1. Januar des Jahres 
1966 erneut allen, die es angeht: 
Die Gewerkschaften waren und sind 
bereit, ihren Teil der Verantwortung 
und der Last an der Erhaltung und 


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