University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
The History Collection

Page View

Aufwärts
Jahrgang 19, Nr. 2 (February 15, 1966)

Zimmermann, Dietmar
Zum Jugendbericht der Bundesregierung,   p. 2


Page 2

LUlll  UUUIJIlUBCllblll-U1UI ZUZ4iJ111U11    i %4@ia 
r Zimmermann 
n der Öffentlichkeit bislang 
VV kaum zur Auseinandersetzung mit 
dem Jugendbericht der Bundesregierung 
gekommen ist - er liegt fast seit einem 
halben Jahr vor -, sci sicherlich nicht 
deshalb, weil allseitig Einverständnis 
herrschte. Das Unbehagen ist vielmehr 
groß. Vor allem gilt das für jenen Ab- 
schnitt, der sich mit der politischen Bil- 
dung und Erziehung der Jugend befaßt. 
Eine in sich geschlossene und umfas- 
sende Auseinandersetzung mit diesem 
Teil des Berichts wird dadurch er- 
schwert, weil es ihm selbst an Einheit- 
lichkeit mangelt. Zahlreiche Formulie- 
rungen sind unklar und mehrdeutig. Die 
Intention wird aber dann erkennbar, 
wenn jene Thesen einer genaueren Prü- 
fung unterzogen werden, die sich auf den 
Begriff der politischen Bildung beziehen. 
Der Bericht stellt zwar fest, daß klare 
Vorstellungen über den Begriff der 
politischen Bildung erst entwickelt wer- 
den müssen. Gleichzeitig gibt er jedoch 
dem Begriff einen Inhalt, mit dem es sich 
auseinanderzusetzen gilt. 
Seit dem 80. Deutschen Katholikentag in 
Stuttgart ist bekannt, daß Bundes- 
minister Heck dem Verhältnis der Jugend 
zum Vaterland, zur Nation und zum 
Staat seine besondere Aufmerksamkeit 
gewidmet hat. Er bedauerte dort; daß 
durch die geschichtlichen Ereignisse der 
letzten Jahrzehnte die Einstellung der 
Jugend zu Werten, wie sie Vaterland 
und Nation darstellten, gestört sei. 
Politische Bildung aber könne sicheben- 
sowenig wie Religion auf die intellektuelle 
Ebene beschränken. Auch emotionale 
Kräfte müßten angesprochen werden.Ob- 
wohl der Meinung des Ministers schon 
in Stuttgart widersprochen worden ist, 
wird der Jugendbericht von dem gleichen 
Grundgedanken getragen. 
Unbewiesene Thesen 
Der Bericht arbeitet mit Thesen, die un- 
bewiesen bleiben und vielfältige An- 
griffsflächen bieten. Das <gebrochene 
Verhältnis zur deutschen Geschichte" 
erschwere die politische Bewußtseins- 
bildung. Begriffe wie Vaterland und 
Nation bewirkten in der Bundesrepublik 
für sehr viele Menschen keine vor- 
rationalen Bindungen mehr, von denen 
politische Bildung ausgehen könne. 
Vermag ein Bildungsprozeß nur von 
<vorrationalen" Bindungen auszugehen? 
Ist nicht gerade unsere jüngste Ver- 
gangenheit dazu geeignet, eine politische 
Bewußtseinsbildung  herbeizuführen? 
Nur bei demjenigen liegt doch ein <gebro- 
chenes Verhältnis" zur Geschichte vor, 
der emotional an die Nation gebunden 
ist, statt über ein rational gebildetes 
politisches Bewußtsein zu verfügen. 
Der Bericht macht deutlich, daß der 
Vaterlandsbegriff einerseits für uns 
Deutsche <bis an die Grenze des Irrepa- 
rablen" zerstört worden ist und daß 
andererseits globale Entwicklungen dazu 
geführt haben, <die von der souverän ge- 
dachten Nation gespeiste Vorstellung 
vom Vaterland als Provinzialismus er- 
scheinen" zu lassen. Trotzdem, es ändere 
<sich zwar der politische und kollektiv- 
psychologische Stellenwert des jewei- 
ligen Vaterlandes, es wird relativiert, 
kann also nur noch mit anderen Vater- 
ländern (!) zusammen gedacht werden. 
Wenn aber die künftige Ordnung der 
wenigen großen Teilgebilde und schließ- 
lich der Erde selbst einen menschen- 
würdigen, nicht totalitären Charakter 
haben soll, so verbietet sich die Vor- 
stellung von einer Ordnung, die die Aus- 
löschung der Vaterländer voraussetzt...". 
Die Konsequenz für die politische Bil- 
dungsarbeit, der das politische Ord- 
nungsbild schließlich zugrunde liegen 
muß, kann nur lauten: Wer den Vater- 
landsbegriff in unserer Zeit für denkbar 
ungeeignet hält, politische Bewußtseins- 
bildung bei jungen Menschen herbei- 
zuführen, der fördert totalitäre Tenden- 
zen. Hie Vaterlandsbewußtsein, hie To- 
talitarismus! 
Ständische Vorstellungen 
Nicht genug damit. Es gehöre zur <perso- 
nalen wie politischen Moral", daß der 
junge Mensch die Bindungen und ver- 
bindlichen Pflichten anzunehmen hat, 
die daraus entstünden, daß er (<jeden- 
falls zunächst") in den ihm zubestimm- 
ten (!) Teil der menschlichen Gesell- 
schaft hineingeboren wird und auf ihn 
angewiesen ist. Nach diesem Exkurs in 
ständisch geprägte Vorstellungen wird 
auch deutlich, warum vorher Klage ge- 
führt wird, daß politische Jugendbildung 
nicht oder nur eingeschränkt an der 
<natürlichen", noch nicht reflektierten 
Identifizierung mit den Wirklichkeiten, 
die das jugendliche Dasein bestimmten, 
anknüpfen könne. Zur Vorstellung, das 
Erziehungsziel solle die Identifizierung 
sein, ist es nur noch ein kleiner Schritt. 
Ist es verwunderlich, wenn man dann 
über (bewußt?) zweideutige Formulie- 
rungen stolpert? Zum Beispiel: <Es ist 
ein wesentlicher Unterschied, ob in der 
politischen Bildungsarbeit zu einer im 
einzelnen zwar kritischen, im ganzen aber 
doch solidarischen Haltung gegenüber 
der politischen Ordnung der Bundes- 
republik erzogen wird, oder ob ein sol- 
ches Einverständnis von vorneherein aus- 
geklammert bzw. sogar nicht geduldet 
wird." Der Bericht polemisiert, beim 
<Gegner" sei die Weigerung feststellbar, 
das wirklich Gemeinte richtig zu hören. 
Man darf doch wohl erwarten, daß ein 
Bericht der Bundesregierung das wirk- 
lich Gemeinte auch klar formuliert. Beim 
Jugendbericht vermißt man es jeden- 
falls. 
Eindeutig Ist, daß der Jugendbericht der 
Bundesregierung dem Begriff der poli- 
tischen Bildung einen Inhalt zu geben 
versucht, der ungute Erinnerungen wach- 
ruft. Bundesminister Heck hat in einer 
späteren Stellungnahme nochmals aus- 
drücklich formuliert, es komme beson- 
ders darauf an, der Jugend zu einem 
gesunden Verhältnis zum Staat, zu 
Vaterland und Nation zu verhelfen. So 
wenig Einigkeit bisher über den Begriff 
der politischen Bildung bestanden hat, 
weitgehend war doch allen in diesem 
Bereich Tätigen die Oberzeugung ge- 
meinsam, daß es gelte, Bürger mit einem 
kritischen politischen Bewußtsein zu er- 
ziehen, die wenigstens in der Lage sind, 
das politische Geschehen durchschauen 
und sich Manipulationen entziehen zu 
können. Streitobjekt war bisher vor al- 
lem, in welcher Art und in welchem Um- 
fang politisches Engagement herbei- 
geführt werden könne. Ein <gesundes 
Verhältnis zum Staat, zu Vaterland und 
Nation" wird sich dann ganz von selbst 
einstellen, freilich und hoffentlich ein 
rational begründetes, auf der Basis des 
wechselseitigen  Aufeinander-Einfluß- 
Nehmens. 
Es ist notwendig, noch vielerlei Einwen- 
dungen gegenüber dem Abschnitt <Po- 
litische Bildung" des Jugendberichtes zu 
machen. An dieser Stelle kann aber 
lediglich noch ein Punkt angesprochen 
werden, dem auch in der künftigen Dis- 
kussion Aufmerksamkeit gewidmet wer- 
den sollte. Man begrüßt es, daß der 
Jugendbericht an einigen Stellen ver- 
sucht, das politische Feld nüchtern und 
realistisch darzustellen. In der politi- 
schen Bildungsarbeit ist mit ideal- 
typischen Vorstellungen schon genug 
Unheil angerichtet worden. Auch eine 
demokratisch legitimierte Staatsverfas- 
sung ist eine Herrschaftsform. Warum, 
so fragt man, sind doch wieder Begriffe 
und Aussagen in den Bericht eingebaut, 
die die Wirklichkeit irreal überhöhen und 
idealisieren, um nicht zu sagen verfäl- 
schen. Herrschaft in der Demokratie als 
~verantwortender Dienst", die nicht in 
parteilicher oder persönlicher Verfü- 
gungsgewalt stehe. Bewußt oder un- 
bewußt ist das Verdrehung unseres Vei 
fassungsrechtes und unserer Verfa, 
sungswirklichkeit. Damit wird sugge 
riert, eine ,dienende" Regierung entlast 
uns Bürger von der schweren Bürde dE 
Verantwortung. Gewollt oder ungewol 
werden damit die Parteien diskriminier 
Außerdem geht es an der Tatsache vc 
bei, daß Exponenten der Parteien i 
unserem Lande die Herrschaft ausüber 
verantwortlich gegenüber Parlament un 
Volk. Hier wird der Voikskanzlerideolo§i 
Vorschub geleistet. Auch das ,gemeir 
same Wohl" ist noch nicht ausgemer:- 
Immerhin erscheint es schon in Anfür 
rungszeichen.  Aber  wann endli( 
streicht man diesen unehrlichen Begr, 
aus dem Vokabular? Wann endlich b, 
kennt man sich zu den auseinand 
gehenden Interessen in unserer gese; 
schaftlichen Ordnung? Der Vaterland 
begriff erlitte dadurch freilich Abstrich 
Doch erst dann, wenn man sich dazu bý 
kennt, werden in der politischen Bi 
dungsarbeit die realen Gegebenheite 
skizziert. 
Am Ende sei nochmals auf den 
Deutschen Katholikentag vom Septemb 
1964 zurückgekommen. Er stand unt 
dem Bibelwort: ~Wandelt Euch durc 
ein neues Denken". Die Konzeption, d 
Bundesminister Heck dort für die polit 
sche Bildung entwickelte, paßte sich ni 
sehr schlecht in dieses Leitthema eii 
Martin Faltermeier glossierte diese Au; 
führungen bereits im Septemberheft 19' 
der <deutschen jugend" unter der Fragt 
stellung ~Ein neues Denken oder üi 
alten Gefühle?". In der Tat! Mit der 
Appell an Emotionen haben wir hir 
reichend Erfahrungen gemacht. Im JL 
gendbericht wird behauptet, es könn 
wiederum ein Umschlag in einen neue 
Nationalismus eintreten, wenn es nicr 
gelänge, der Jugend zu einem moderne 
Vaterlandsverständnis zu verhelfen. W 
meinen, und zwar aus der täglichen E 
fahrung der politischen Bildungsarbe 
mit unserer Jugend, daß diese Tender 
zen, wie sie den Jugendbericht kenr 
zeichnen, höchstens abgestorbenen GE 
fühlen neues Leben einhauchen. Diese 
Wiederholungen gilt es zu wehren! 
Der Facharbeiter Albert Hahn 
A lbert Hahn (38) ist Facharbeiter. 
Er verdient mehr als der Durch- 
schnitt. Sein Stundenlohn ist 4,22 DM. 
Das macht im Monat 783 DM (Durch- 
schnittseinkommen aller Arbeitneh- 
mer in der Bundesrepublik 770 DM). 
Brutto, versteht sich. In der Lohntüte 
findet er671,44 DM (Steuerklasse 111/2). 
Jetzt geht es los: Strom, Gas, Wasser, 
Versicherung, Rundfunkgebühr; Fahr- 
geld Bundesbahn (wird tpurer), Fahr- 
geld Straßenbahn (wird teurer), seine 
Zeitung (wurde teurer - gleich um 50 
Prozent; früher kostete sie nur einen 
Groschen), die Miete für seine Altbau- 
wohnung wurde teurer. Zusammen 
macht alles das 185 DM aus. Bleiben 
zum Leben 486,44 DM. Jetzt geht es 
weiter: Waschpulver und Seife, Ra- 
sierklingen und Schuhcreme, Schuh- 
besohlen und Haareschneiden, Bei- 
träge, Stopfgarn, Kohlen, Schulhefte 
und und und. Lauter Ausgaben, die 
unvermeidlich sind - sind 70,50 DM 
dafür zuviel? Bleiben rd. 415 DM. Aber 
es geht noch weiter: Hosen für den 
Jungen, ein Schulkleid für die Toch- 
ter, einen warmen Schal für Vater, den 
längst fälligen Wintermantel für Mutti 
und vieles andere. Und vieles ver- 
schleißt, manches zerbricht oder geht 
sonstwie kaputt - es muß ersetzt, er- 
gänzt, gekauft werden. Und alles wird 
teurer. 
Familie Hahn versucht, alle diese 
Ausgaben mit 95 DM zu bestreiten. 
Bleiben 320 DM. 
Jetzt geht es weiter: Von diesem 
Geld muß Frau Hahn 91 Mahlzeiten, 
bei vier Personen, also 364 Portionen 
bereiten. Frau Hahn ist eine tüchtige, 
sparsame Hausfrau. Aber sie weiß oft 
nicht, wie sie ihren hart arbeitenden 
Mann und zwei gesunde Kinder, die 
einen guten Appetit haben, satt krie- 
gen soll. Denn jede Portion, die sie 
ihren Lieben vorsetzt, darf ja noch 
nicht einmal 90 Pfennig kosten! Kluge 
Leute raten, man sollte nichts kaufer 
was teurer geworden ist. Dann dürft 
Frau Hahn kein Brot, kein Fleiscl 
keine Kartoffeln, kein Gemüse, kei 
Obst, keine Milch, keine Eier kaufer 
So, jetzt ist das Geld alle. Bleibt zur 
Leben: nichts. 
Frage: Darf ein Arbeiter rauchen 
Darf er mal ein Bier trinken? Da 
seine Frau Kaffee trinken? Dürfe 
auch Arbeiterkinder mal ein Eis lu 
schen? Oder in den Zoo gehen? Da 
ein Arbeiter mal ins Kino gehen 
Oder vielleicht ein Buch kaufen 
Seiner Frau ein Geburtstagsgeschen 
besorgen? Gar ins Theater gehen 
Darf ein Arbeiter leben wie ein 
Mensch? 
Sicher, er darf. Kann er es auch? 
(Flugblatt der IG Metall) 


Go up to Top of Page