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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 16, Nr. 10 (October 15, 1963)

Böll, Heinrich
Als der Krieg zu Ende war,   pp. 8-11


Page 8

land eine neue Ordnung zu geben, und als wir dann im Morgen- 
dämmer in Nijmwegen hielten und irgend jemand sagte, jetzt 
komme die deutsche Grenze. hatte er ängstlich rundgefragt, 
ob jemand Garn gegen zwei Zigarettenstummel tausche, und 
als niemand sich meldete, hatte ich mich erboten, meine Kra- 
genembeme, die - glaube ich - Spiegel genannt wurden, ab- 
zureißen und in dunkelgrünes Garn zu verwandeln; ich zog den 
Rock aus und sah ihm zu, wie er sorgfältig mit einem Stück 
Blech die Dinger abtrennte, sie dann auseinanderzupfte und 
dann tatsächlich anfing, sich damit seine Fahnenjunkerlitzen 
um die Schulterklappen herum anzunähen. Ich fragte ihn, ob 
ich diese Näharbeit auf den Einfluß von Brecht, Tucholsky, 
Benjamin oder Karl Kraus zurückführen dürfe oder ob es viel-
leicht ein uneingestandener Einfluß von Jünger sei, der ihn ver-
anlasse, mit des Däumerlings Waffe seinen Rang wiederherzu- 
stellen; er war rot geworden und hatte gesagt, mit Jünger wäre
er fertig, habe er abgerechnet; nun, als wir in Kleve einfuhren, 
unterbrach er seine Näharbeit, hockte neben mir, mit des Däu- 
merlings Waffe in der Hand. 
,Zu Kleve fällt mir nichts ein", sagte er, <gar nichts. Dir?"
<Ja", sagte ich, ~Lohengrin, die Mergarinemarke SSchwan im 
Blauband' und Anna von Cleve, eine der Frauen Heinrichs des 
Achten 
~Tatsächlich", sagte er, .Lohengrin - aber wir aßen zu Hause
Sanella. Willst du die Stummel nicht haben?" 
<Nein", sagte ich, .,nimm sie deinem Vater mit. Ich hoffe, er 
wird dich ohrfeigen, wenn du mit den Litzen auf der Schulter 
nach Hause kommst." 
~Das verstehst du nicht", sagte er, ,Preußen, Kleist, Frank- 
furt/Oder, Potsdam, Prinz von Homburg, Berlin." 
<Nun", sagte ich, ,Kleve war, glaube ich, ziemlich früh schon
preußisch - und Irgendwo drüben auf der anderen Rheinseite 
liegt eine kleine Stadt, die Wesel heißt." 
<Gott ja", sagte er, ,natürlich, Schill." 
<Ober den Rhein sind die Preußen nie so recht iübergekom- 
men", sagte ich, ~sie hatten nur zwei Brückenköpfe: Bonn und
Koblenz." 
<Preußen", sagte er. 
,,Blomberg", sagte ich. <Brauchst da noch Garn?" Er wurde 
rot und schwieg. 
Der Zug fuhr langsam, alle drängten sich an die offene Wag- 
gontür und blickten auf Kleve; englische Posten auf dem Bahn- 
hof: lässig und zäh, gleichgültig und doch wachsam: Noch 
waren wir Gefangene; an der Straße ein Schild: nach Köln. 
Lohengrins Burg oben zwischen herbstlichen Bäumen. 
Oktober am Niederrhein, holländischer Himmel; die Kusinen in 
Xanten, die Tanten in Kevelaer; der breite Dialekt und das 
Schmuggiergeflüster in den Kneipen; Martinszüge, Weck- 
männer, Breughelscher Karneval, und überall roch es, auch 
wenn es nicht danach roch, nach Printen. 
~Versteh mich doch", sagte der Kleine neben mir. 
<Laß mich in Ruhe", sagte ich; obwohl er noch gar kein Mann
war, er würde wohl bald einer sein, und deshalb haßte ich ihn;
er war beleidigt und hockte sich hin, um die letzten Stiche an 
seinen Litzen zu tun; ich hatte nicht einmal Mitleid mit ihm: un- 
geschickt, mit blutverschmiertem Daumen, bohrte er die Nadel 
In das blaue Tuch seiner Fliegerjacke; seine Brillengläser 
waren so beschlagen, daß ich nicht feststellen konnte, ob er 
weinte oder ob es nur so schien; auch ich war nahe am Wei- 
nen: in zwei Stunden, höchstens drei, mußten wir in Köln
sein, 
und von dort aus war es nicht weit bis zu der, die ich geheiratet, 
deren Stimme nie nach Ehe geklungen hatte. 
Die Frau kam plötzlich hinter dem Güterschuppen heraus, und 
bevor die Posten zur Besinnung gekommen waren, stand sie 
schon vor unserem Waggon und wickelte aus dem blauen Tuch 
aus, was ich zunächst für ein Kind gehalten hatte: ein Brot; sie
reichte es mir, und ich nahm es; es war schwer, ich wankte ei- 
nen Augenblick lang und fiel fast vornüber aus dem fahrenden 
Zug; das Brot wer dunkel, noch warm, und ich wollte ,danke, 
danke" rufen, aber das Wort kam mir zu dumm vor, und der Zug 
schaft ein Deutscher zu sein, hätte absprechen sollen (und ic 
hatte mir gewünscht, dieses Gericht, das nie zusammentra 
hätte die Macht gehabt, mir diese Eigenschaft tatsächlich a 
zusprechen). Was sie nicht wußten, war, daß ich sie, die Nazi
und Nichtnazis, nicht wegen ihrer Näherei und ihrer politische 
Ansichten haßte, sondern weil sie Männer waren, Männer, voi
gleichen Geschlecht wie die, mit denen ich sechs Jahre lan 
zusammen hatte sein müssen; die Begriffe Mann und dumi 
waren für mich fast identisch geworden. 
Im Hintergrund sagte Egelhechts Stimme: ,Das erste deutsch 
Brot - und ausgerechnet er bekommt es." 
Seine Stimme war nahe am Schluchzen, auch ich war nah 
dran, aber die würden nie verstehen, daß es nicht nur wege 
des Brotes war, nicht nur, weil wir die deutsche Grenze nu 
überschritten hatten, hauptsächlich deshalb, weil ich zui 
ersten Male seit acht Monaten für einen Augenblick die Her 
einer Frau auf meinem Arm gespürt hatte. 
<Du", sagte Egelhecht leise. <wirst wahrscheinlich sogar dei 
Brot noch die Eigenschaft absprechen, deutsch zu sein." 
<Ja", sagte ich, <ich werde einen typischen Intellektuelientrk
anwenden und mich fragen, ob das Mehl, aus dem dieses Bre 
gebacken worden ist, nicht vielleicht holländischer, englisch( 
oder amerikanischer Herkunft ist. Komm her", sagte ich, ,te 
es, wenn du Lust hast." 
Die meisten von ihnen haßte ich, viele waren mir gleichgülti 
und der Däumerling, der sich nun als letzter an die Annähe 
front begeben hatte, fing an, mir lästig zu werden, und doc 
schien es mir angebracht, dieses Brot mit ihnen zu teilen, ic 
war sicher, daß es nicht für mich allein bestimmt gewesen wa 
Egelhecht kam langsam nach vorn: Er war groß und mager, s 
groß und so mager wie ich, und er war sechsundzwanzig Jahr 
alt, so alt wie ich; er hatte mir drei Monate lang klarzumache 
versucht, daß ein Nationalist kein Nazi sei, daß die Worte Ehn
Treue, Vaterland, Anstand nie ihren Wert verlieren könnten 
und ich hatte seinem gewaltigen Wortaufwand immer nur für 
Worte entgegengesetzt: Wilhelm I1., Papen, Hindenburi 
Blomberg, Keitel, und es hatte ihn rasend gemacht, daß ich ni 
von Hitler sprach, auch nicht, als am 1. Mai der Posten durch 
Lager lief und durch einen Schaltrichter ausposaunte: ,HitE 
is dead, dead is he." 
<Los", sagte ich, <teil das Brot." 
<Abzählen", sagte Egelhecht. Ich gab ihm das Brot, er zog se
nen Mantel aus, legte ihn mit dem Futter nach oben auf de 
Boden des Waggons, zog das Futter glatt, legte das Brot drau 
während rings um uns abgezählt wurde. ,Zweiunddreißig' 
sagte der Däumerling, dann blieb es still. <Zweiunddreißig'
sagte Egelhecht und blickte mich an, der ich hätte dreiunddre 
ßig sagen müssen; aber ich sagte die Zahl nicht, wandte mic 
ab und blickte nach draußen: die Landstraße mit den alte 
Bäumen: Napoleons Pappeln, Napoleons Ulmen, unter dene 
Ich mit meinem Bruder gerastet hatte, wenn wir von Weeze m 
den Rädern an die holländische Grenze fuhren, um billig Schc 
kolade und Zigaretten zu kaufen. 
Ich spürte, daß die hinter mir furchtbar beleidigt waren; ich
sa 
die gelben Schilder an der Straße: nach Kalkar, nach Xanter 
nach Geldern, hörte hinter mir die Geräusche von Egelhecht 
Blechmesser, spürte, wie das Beleidigtsein wie eine dick 
Wolke anwuchs; sie waren immer aus irgendeinem Grund be 
leidigt, sie waren es, wenn ihnen ein englischer Posten ein 
Zigarette schenken wollte, und sie waren beleidigt, wenn e 
Ihnen keine schenken wollte; sie waren beleidigt, wenn ich at 
Hitler schimpfte, und Egelhecht war tödlich beleidigt, wenn ic 
nicht auf Hitler schimpfte, der Däumerling hatte heimlich Bar 
jamin und Brecht, Proust, Tucholsky und Karl Kraus geleser 
und als wir über die deutsche Grenze fuhren, nähte er sic 
seine Fahnenjunkerlitzen an. Ich zog die Zigarette aus de 
Tasche, die ich für meinen Stabsgefreitenwinkei bekomme 
hatte, drehte mich um und setzte mich neben den Däumerling 
Ich sah zu, wie Egelhecht das Brot teilte: halbiert, dann di 
Hälften geviertelt, jedes Viertel wieder in acht Teile. So wurd 


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