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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 16, Nr. 6 (June 15, 1963)

Schnurre, Wolfdietrich
Jenö war mein Freund,   p. 18


Page 18

A s ich Jenö kennenlernte, war Ich neun; 
ich las Edgar Wallace und Conan Doyle, 
war eben sitzengeblieben und züchtete Meer- 
schweinchen. 
Jenö traf Ich zum ersten Male auf dem Stadion 
am Faulen See beim Grasrupfen; er lag unter 
einem Holunder und sah in den Himmel. 
Weiter hinten spielten sie Fußball und schrien 
manchmal .Tooorl" oder so was. Jenö kaute 
an einem Grashalm; er hatte ein zerrissenes 
Leinenhemd an und trug eine Manchesterhose, 
die nach Kokeifeuer und Pferdestall roch. 
Ich tat erst, als sähe Ich Ihn nicht und rupfte 
um ihn herum; aber dann drohte er doch ein 
bißchen den Kopf zu mir hin und blinzelte 
schläfrig und fragte: ~ich hätte wohl Pferde." 
Nee", sagte ich, .Meerschweinchen." 
Er schob sich den Grashalm in den anderen 
Mundwinkel und spuckte aus. ~Schmecken 
nicht schlecht" 
~Ich esse sie nicht", sagte Ich; <dazu sind sie 
zu nett" 
<Igel", sagte Jenö und gähnte, ~die schmek- 
ken auch nicht schlecht" 
Ich setzte mich zu ihm. <Igel - 7" 
,,Tooorl" schrilln sie hinten. 
Jenö sah wieder blinzelnd in den Himmel. ,Ob 
ich Tabak hätte?" 
~Hör mal", sagte Ich, ,ich bin doch erst neun." 
~Na und", sagte Jenö, ,ich bin acht" 
Wir schwiegen und fingen an, uns leiden zu 
mögen. 
Dann mußte ich gehen. Doch bevor wir uns 
trennten, machten wir aus, uns möglichst bald 
wieder zu treffen. 
Vater hatte Bedenken, als ich Ihm von Jenö 
erzählte. ~Versteh mich recht', sagte er, j,Ich 
hab' nichts gegen Zigeuner; bloß -' 
<Bloß - ?* fragte Ich. 
<Die Leute -", sagte Vater und seufzte. Er 
nagte eine Weile an seinen Schnurrbartenden 
herum. ~Unsinn", sagte er plötzlich, ~schließ- 
lich bist du jetzt alt genug, um dir deine Be- 
kannten selbst auszusuchen. Kannst ihn ja 
erst mal zum Kaffee mit herbringen." 
Das tat ich dann auch. Wir tranken Kaffee zu- 
sammen, und Vater hielt sich auch wirklich 
hervorragend. Obwohl Jenö wie ein Wlede- 
hopf roch und sich auch sonst ziemlich ko- 
misch benahm - Vater ging darüber weg. Ja, 
er machte Ihm sogar ein Katapult aus echtem 
Vierkentgummi und sah sich obendrein noch 
alle unsere neu erworbenen Konversations- 
lexikonbände mit uns an. 
Als Jenö weg war, fehle das Barometer über 
dem Schreibtisch. 
Ich war sehr bestürzt; Vater gar nlcht so sehr. 
<Sie haben andere Sitten als wir", sagte er; 
~es hat ihm eben gefallen. Außerdem hat es 
sowieso nicht mehr viel getaugt" 
<Und was ist", fragte ich, <wenn er es jetzt 
nicht mehr rausrückt?" 
~Gott -<, sagte Vater, <früher Ist man auch 
ohne Barometer ausgekommen." 
Trotzdem, das mit dem Barometer, fand ich, 
ging ein bißchen zu weit Ich nahm mir jeden- 
falls fest vor, es Ihm wieder abzunehmen. 
Aber als wir uns das nächste Mal trafen, hatte 
Jenö mir ein so herrliches Gegengeschenk 
mitgebracht, daß es unmöglich war, auf das 
Barometer zurückzukommen. Es handelte sich 
um eine Tabakapfelfe, in deren Kopf ein Ge- 
sicht geschnitzt war, das einen Backenbart aus 
Pferdehaar trug. 
Ich war sehr beschämt, und ich überlegte 
lange, wie Ich mich revanchieren könnte. End- 
lich hatte Ich es; ich würde Jenö zwei Meer- 
schweinchen geben. Es bestand dann zwar die 
Gefahr, daß er sie aufessen würde, aber das 
durfte einen jetzt nicht kümmern; Geschenk 
war Geschenk. 
Und er dachte auch gar nicht daran, sie zu 
essen; er lehrte sie Kunststücke. Innerhalb 
weniger Wochen liefen sie aufrecht auf zwei 
Beinen, und wenn Jenö Ihnen Rauch in die 
Ohren blies, legten sie sich hin und über- 
kugelten sich. Auch Schubkarrenschieben und 
Selltanzen lehrte er sie. Es war wirklich er- 
staunlich, was er aus ihnen herausholte; Vater 
war auch ganz beeindruckt. 
Ich hatte damals außer Wallace und Conan 
Doyie auch gerade die zehn Bände vom Doktor 
Doiittle durch, und das brachte mich auf den 
Gedanken, mit Jenö zusammen so was wie 
einen Meerschweinchenzirkus aufzumachen. 
Aber diesmal hielt Jenö nicht durch. Schon 
bei der Vorprüfung geeigneter Tiere verlor er 
die Lust Er wollte lieber auf Igeljagd gehen, 
das wäre Interessanter. 
Tatsächlich, das war es. Obwohl - mir war 
immer ziemlich mulmig dabei. Ich hatte nichts 
gegen Igel. im Gegenteil, ich fand sie sympa- 
thisch. Aber es wäre sinnlos gewesen, Jenö 
da beeinflussen zu wollen; und das lag mir 
auch gar nicht. 
Er hatte sich einen handfesten Knüppel be- 
sorgt, der unten mit einem rauhgefeilten Eisen- 
ende versehen war; mt dem stach er in Laub- 
haufen rein oder stocherte auf Schutthalden 
unter alten Eimern herum. Er hat so oft bis zu 
vier Stück an einem Nachmittag harpuniert; 
keine Ahnung, wie er sie aufspürte; er mußte 
sie gerochen haben, die Burschen. 
Jenös Leute hausten in ihren Wohnwagen. 
Diese standen zwischen den Kiefern am Fau- 
len See, gleich hinter dem Stadion. Ich war oft 
da; viel häufiger als in der Schule, wo man jetzt 
doch nichts Vernünftiges mehr lernte. 
Besonders Jenös Großmutter mochte ich gern 
leiden. Sie war unglaublich verwahrlost; das 
ist wahr. Aber sie strahlte so viel Würde aus, 
daß man ganz andächtig wurde in ihrer Nähe. 
Illustration von Eva Ohlow 
Sie sprach kaum; meist rauchte sie nur 
schmatzend ihre Stummepfelfe und bewegte 
zum Takt eines der Lieder, die von den Lager- 
feuern erklangen, die Zehen. 
Wenn wir abends mit Jenös Beute dann ka- 
men, hockte sie schon immer am Feuer und 
rührte den Lehmbrei an. In diesen wurden die 
Igel jetzt etwa zwei Finger dick eingewickelt. 
Darauf legte Jenö sie behutsam in die heiße 
Asche, häufelte einen Giutberg auf über ihnen, 
und wir kauerten uns hin, schwiegen, spuckten 
ins Feuer und lauschten darauf, wie das Was- 
ser In den Lehmkugeln langsam zu singen an- 
fing. Ringsum hörte man die Maulesel und 
Pferde an ihren Krippen nagen, und manchmal 
klirrte leise ein Tamburin.auf, oder mit einer 
hohen, trockenen Männerstimme zusammen 
begann plötzlich ein Bajnjo zu schluchzen. 
Nach einer halben Stunde waren die Igel gar. 
Jenö fischte sie mit einer Astgabel aus der 
Glut. Sie sahen jetzt wie kleine, etwas zu scharf 
gebackene Landbrote aus; der Lehm war stein- 
hart geworden und hatte Risse bekommen, 
und wenn man ihn abschlug, blieb der Stachel- 
pelz an ihm haften, und das rostrote Fleisch 
wurde sichtbar. Man aß grüne Paprikaschoten 
dazu oder streute rohe Zwlebelkringel darauf; 
ich kannte nichts, das aufregender schmeckte. 
Aber auch bei uns zu Hause war Jenö jetzt oft. 
Wir sahen uns die sechs Bände unseres neuen 
Konversationslexikons an; ich riß die Daten 
der nationalen Erhebung aus meinem Diarium 
und schrieb rechts immer ein deutsches Wort 
hin, und links malte Jenö dasselbe Wort auf 
Rotweisch daneben. Ich habe damals eine 
Menge gelernt; von Jenö meine ich, von der 
Schule rede ich nicht 
Später stelfte sich auch heraus, es verging 
kein Tag, daß sich die Hausbewohner nicht 
beim Blockwart über Jenös Besuche be- 
schwerten; sogar zur Kreisiitung ist mal einer 
gelaufen. Weiß der Himmel, wie Vater das 
jedesmal abbog; mir hat er nie was davon ge- 
sagt. 
Am meisten hat sich Jenö aber doch für meine 
elektrische Eisenbahn interessiert; jedesmal, 
wenn wir mit ihr gespielt hatten, fehlte ein 
Waggon mehr. Als er dann aber auch an die 
Schienentele, die Schranken und die Signal- 
lampen ging, fragte ich doch mal Vater um 
Rat 
~Laß nur", sagte er, ,kriegst eine neue, wenn 
Geld da ist." 
Am nächsten Tag schenkte Ich Jenö die alte. 
Aber merkwürdig, jetzt wollte er sie plötzlich 
nicht mehr; er war da komisch In dieser Be- 
ziehung. 
Und dann haben sie sie eines Tages doch ab- 
geholt; die ganze Bande; auch Jenö war dabei. 
Als ich früh hinkam, hatten SA und SS das 
Lager schon umstellt, und alles war abge- 
sperrt, und sie scheuchten mich weg. 
Jenös Leute standen dicht zusammengedrängt 
auf einem Lastwagen. Es war nicht heraus- 
zubekommen, was man ihnen erzählt hatte, 
denn sie lachten und schwatzten, und als Jenö 
mich sah, steckte er zwei Finger in den Mund 
und pfiff und winkte rüber zu mir. 
Bloß seine Großmutter und die übrigen Alten 
schwiegen; sie hatten die Lippen zusammen- 
gepreßt und sahen starr vor sich hin. Die 
anderen wußten es nicht Ich habe es damals 
auch nicht gewußt; ich war nur traurig, daß 
Jenö Jetzt weg war. Denn Jenö war mein 
Freund. 


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