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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 15, Nr. 9 (September 15, 1962)

Baier, Oskar
Bei den Indianern der Anden,   pp. 22-23


Page 22

in der zweiten Folge seines Berichte über 
die HiLe an die Andenländer Peru, Ekua- 
dor und Bolivien schildert Oskar Baler von 
der wirtschaftspolitschen Abteilung des 
DGB-Bundesvorstandes seine Erlebnisse 
in Bolivien und Peru. 
m Frühling 190 traf ich zum ersten Male in 
Peru ein. Mein Auftrag war klar umrissen. 
Es galt, im Dorfe Taraco, am Titicacasee, in 
einer Höhe von 4300 m über dem Meeresspie- 
gel, den Bau von Gebäuden für eine Hand- 
werkerschule der Anden-Aktion der Inter- 
nationalen Arbeitsorganisation (ILO) einzu- 
leiten. Darüber hinaus sollte ich die gemachten 
Anfänge für die handwerkliche Ausbildung 
der Andenindianer in Boiivien und Peru für 
die ILO begutachten und eine Untersuchung 
für das Auswärtige Amt durchführen, das im 
Rahmen der technischen Hilfeleistung an Ent- 
wicklungsländer im Süden Boliviens eine 
«Handwerkerschule einzurichten gedachte. 
Wie schon geschildert, entsprach die Klarheit 
der Aufgabe durchaus nicht den recht nebel- 
haften Vorstellungen, die ich als Rhein-Main- 
Europäer von der südamerikanischen Indianer- 
frage hatte. Glücklicherweise erhielt ich sofort 
eine gründliche Lehrzeit, denn der Gutachter- 
auftrag brachte mich zunächst nach Bolivien, 
dem klassischen Indioland der westlichen 
Erdhälfte, und verhalf mir zu einer Reise von 
mehreren tausend km über die holprigen und 
wildverschlungenen Straßen des Hochlandes 
bis hinunter in die tropischen Niederungen 
von Santa Cruz in Begleitung von wirklichen 
Landeskennern. Bolivien ist ein Land, das seit 
1952 einen gewaltigen  Revolutionsprozeß 
durchmacht. Dort Ist die Macht der alten feu- 
dalen Führungsschichten bereits gebrochen, 
die Bodenreform durchgeführt, der Indio auf 
vollem Wege zur Freiheit und zum Fortschritt. 
Es war für mich darum äußerst lehrreich, ge- 
rade dort mit der indianischen Frage in direkte 
Berührung zu kommen, erkannte ich doch in 
aller Schärfe die Sünden der Vergangenheit 
an dieser wertvollen Menschengruppe, aber 
auch die Fehlgriffe einer überstürzten und 
nicht immer den tatsächlichen Gegebenheiten 
entsprechenden Revolutionierung, die darum 
den Eingeborenen nicht zum vollen und er- 
strebenswerten Vorteil gereicht hat. Ich be- 
griff, daß es nicht genügt, die alten, überlebten 
sozialen Strukturen zu zerschlagen, sondern 
daß man an ihrer Stelle auch sozial und wirt- 
schaftlich voll funktionierende Lösungen 
setzen muß, denn im letzten Grunde bleibt es 
gleichgültig, ob das Elend der Andenindianer 
eine Folge der feudalen Ungerechtigkeiten 
einer reaktionären Führungsschicht oder aber 
der absoluten Unfähigkeit der zur Neuordnung 
berufenen Kräfte ist. Damit will ich aber nichts 
gegen die bolivianische Regierung gesagt ha- 
ben. Es fehlen ihr einfach die ausgebildeten 
Menschen, um die Vielfalt der gestellten Auf- 
gaben zu bewältigen. Und solange das Schul- 
und Ausbildungswesen nicht funktioniert, die 
Zahl der Lehr- und Ausbildungskräfte nicht 
ständig steigt, ist der Aufbau einer sozial ge- 
rechten und fortschrittlichen Gesellschaft von 
unten her gehemmt, auch wenn er von oben 
her gewünscht und angestrebt wird. Hier, wie 
überall in den Entwicklungsländern, fängt das 
Problem beim Menschen selbst an. Es hat also 
echten Sinn, sich einmal erst direkt um den 
Indio selbst zu kümmern. Was soll aus den 
schwindelerregenden wirtschaftlichen und 
sozialen Großplanungen der Allianz für den 
Fortschritt werden, wenn Menschen nicht mit- 
ziehen können? Das Ausbildungswesen hat 
unbedingten Vorrang, und die handwerkliche 
Ausbildung junger Indianer ist dabei ein ganz 
wesentlicher Teil der Aufgabe. Die ILO und 
der DGB sind also auf dem rechten Wegel 
Mit dieser bald zur absoluten Gewißheit ge- 
wordenen Erkenntnis ging ich damals an die 
Arbeit, ging in die Indiodörfer, kroch in die 
fensterlosen Lehmhütten, sah die magere 
Kost des Hochlandes in verräucherten Erd- 
töpfen auf niedrig glimmenden Reisigfeuern 
brodeln, in Lumpen gewickelte Babys auf dem 
kalten Boden strampeln oder sich an wär- 
mende Lamas oder Mutterschweinen an- 
kuscheln. Und alles erschien mir traurig, wie 
der leere Blick der Coca kauenden Erwach- 
senen und die gelegentlichen Melodien ihrer 
Quenaflöten. Anders war es nur dort, wo diese 
Menschen Felder zum Bestellen hatten, wo sie 
arbeiten konnten, wie z. B. auf ihren bunten, 
bewegten Märkten, auf denen nicht nur Le- 
bensmittel und einfache handwerkliche Pro- 
dukte, sondern auch Dienstleistungen ange- 
boten werden: Schuster reparieren Sandalen 
mit den Resten alter Gummireifen. Schneider 
nähen Kleider auf uralten Nähmaschinen. 
Schreiner nageln Gebrauchsgegenstände aus 
ungehobelten Brettern zusammen. Ihr Haupt- 
produkt sind kleine Kindersärge. Mechaniker 
basteln an alten Pumpen oder Fahrrädern. 
Mattenflechter verkaufen Körbe und Schilf- 
und Binsenmatten, auf denen Indlos schlafen. 
Alte Indianerinnen weben bunte Decken, 
häkeln Chullos (Wollmützen) und Halstücher, 
pressen Filz aus Ziegenhaaren und Hüte aus 
dem gleichen Material. Sie machen alle ihre 
Arbeit mit großem Ernst und angeborener Ge- 
schicklichkeit. Sie könnten also Hervorragen- 
des leisten, wenn man ihnen beibringt, wie, 
wenn man ihnen gutes Handwerkszeug gibt, 
wenn man ihnen zeigt, wie sie am besten ihre 
Ausgangsstoffe behandeln. Geschäftstüchtig 
sind diese Menschen auch. Man muß sie nur 
einmal um ein Meerschweinchen für den 
Sonntagsbraten feilschen hören. 
Bei ihren Festen können sie auch die ganze 
Traurigkeit des Hochlandlebens von sich ab- 
schütteln und recht lustig und ausgelassen 
sein. Chicha (sprich Tschitscha), ein Gär- 
gebräu aus Mais und anderen unerflndlichen 
Dingen, ist das Feiergetränk. Männlein und 
Weiblein sprechen ihm mit Eifer zu. Aber 
Mann und Frau betrinken sich niemals gleich- 
zeitig, damit einer den anderen noch nach 
Hause bringen kann. Der Mann als Herr und 
Gebieter darf dabei meistens auf einem Esel 
reiten, während seine Frau barfüßig hinterher 
marschiert. Musik und Tanz spielen bei sol- 
chen Festen eine große Rolle. Vorherrschend 
ist der Gruppentanz in bunten Kostümierungen 
und phantastischen Aufmachungen mit bunten 
Federbüschen, Spiegeln und Tand, bestickten 
Gewändern, Papierblumen und ausgestopften 
Tieren. Dabei nehmen diese Indios auch gern 
alles auf die Schaufel, was ihnen einmal Ärger 
macht. Sie karikieren Militärs, Regierungs- 
beamte, Touristen und natürlich ,Onkel Sam", 
aber auch die Steuereintreiber. Die Tanzgrup- 
pen sind mit entsprechend komisch ange- 
zogenen Figuren geradezu gespickt. Wie in 
alten Inkazeiten besteht die Musik nur aus 
Flöten vielerlei Klangarten und dumpfen Trom- 
meln. Melodien gehen meistens im wuchten- 
den Rhythmus verloren. Saiteninstrumente 
erlebt man seltener und in der Nähe der Städte 
sogar schon Mundharmonikas. Gefeiert wird 
immer aus irgendeinem Grunde, und an sol- 
chen fehlt es nicht: Taufen oder Hochzeiten, 
nationale oder kirchliche Feiertage, Besuche 
von Regierungsleuten oder kirchlichen Wür- 
denträgern. In Bolivien feiert man seit 10 Jahren 
am häufigsten die Revolution. Vielleicht wäre 
es besser, mehr für sie zu tun, denn die Be- 
freiung der Menschen aus Elend und Not, 
Rückständigkeit und Primitivität ist immer 
noch fällig I 
Nach der gründlichen Bekanntschaft mit dem 
Indioproblem in Bolivien, wo ich natürlich auch 
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der Ernteweise erlebte, aber auch die Fort- 
schritte sah, die sich aus der Agrarreform er- 
gaben, kam ich gut vorbereitet und eingeführt 
Die ersten Lehbrine 


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