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The History Collection

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Jahrgang 15, Nr. 12 (December 15, 1962)

Scheer, G.
Aktive Minderheit,   pp. 4-5


Page 4

I m schönen Konferenzsaal der Stadthalle von 
Oberhausen kamen am 24. und 25. Novem- 
ber 1962 120 Delegierte zur 6. Landesbezirk- 
jugendkonferenz von Nordrhein-Westfalen zu- 
sammen. Ihr Durchschnittsalter betrug 23Jahre. 
Sie vertraten rund eine Viertelmillion junge 
Gewerkschaftsmitglieder. 
Landesbezirksjugendsekretär  Bert  Hartig 
konnte zahlreiche namhafte Gäste begrüßen, 
darunter die Frau Oberbürgermeisterin, den 
Vizepräsidenten des Landtages, den aus der 
Gewerkschaftsjugend hervorgegangenen Ar- 
belt- und Sozlalminlster des Landes und 
viele mehr. 
Der Vertreter des Landesjugendringes er- 
klärte in seiner Begrüßung, daß sich die ganze 
Differenziertheit unserer sogenannten plura- 
len Gesellschaft im Landeajugendring wider- 
spiegelt. Vieles könnten die Jugendorganisa- 
tionen nicht gemeinsam tun, aber die Sorge 
um die Jugend wäre ein gemeinsames An- 
liegen, auch die Freundschaft untereinander 
wäre möglich, und schon allein daswärestaats- 
bürgerliche Bildung. 
Politische Bildung war dann auch eines der 
Hauptthemen der Konferenz. Prof. Dr. Eugen 
Kogon sprach über,Politische Bildung - Mög- 
lichkeiten, Grenzen, Tabus". Der junge Mensch 
unserer Gesellschaft habe vielerlei Möglich- 
keiten, müsse unterscheiden lernen, um dann 
entscheiden zu können. Das Wissen sei 
jedoch nicht unabhängig von der gesellschaft- 
lichen Entwicklung. Es gäbe auch so etwas wie 
ein herrschendes, geltendes Wissen. Unsere 
freiheitliche Demokratie ist eine offene Ge- 
sellschaft. Es bestehen gleiche Chancen für 
vergleichbare Möglichkeiten (Begabungen). 
Es besteht kein Zwang zu einem bestimmten 
Verhalten, mit Ausnahme der Beachtung der 
Prinzipien. Freiheitliche Demokratie könne 
ohne politische Bildung nicht existieren. Frei- 
heitliche Demokratie sei eine produktive 
Utopie, sie wird nie voll verwirklicht werden. 
Wörtlich rief er den Delegierten zu: <Lassen 
Sie sich von niemand auf eine Detallaufgabe 
beschränken. Jede Gesellschaft lebt von 
aktiven Minderheiten. In unserer Demokratie 
aber ist diese Minderheit für jedermann 
offen." 
Im  Arbeitsbericht kamen Probleme zur 
Sprache, die wohl für alle Landesbezirke 
gelten. Der Jugendarbeitsschutz muß ver- 
teidigt werden, ja, es gilt ihn für viele erst ein- 
mal zu verwirklichen. Verschiedene Umfragen 
haben ergeben, daß bei 50 v. H. der Lehrlinge 
die Arbeitszeit nicht eingehalten wird, daß 
viele keine Pausen machen und ein Teil sogar 
keinen Urlaub bekommt. 
Die Mitgliederzahlen müssen' durch eine 
aktive Werbung wieder auf den altn Stand 
gebracht werden. Es kommt auch darauf an, 
junge weibliche Arbeitnehmer, junge An- 
gestellte und vor allem Lehrlinge zu organisie- 
Aktive Minderheit 
Zur Tagung der Gewerkschaftsjugend des DGB von Nordrhein-Westfalen 
ren. Von der Bundesregierung wird erwartet 
daß sie entsprechend dem Beschluß der 
Bundestages bis zum 1. Februar 1968 den Ent 
wurf eines Berufsausbildungsgesetzes vor 
legt, denn die Berufsausbildung darf nichl 
länger wirtschaftlichen Interessen  unter. 
geordnet sein. 
Der Leiter der Abteilung Jugend beim DGB 
Bundesvorstand Günter Stephan sprach übe 
<Die gewerkschaftliche Jugendarbeit". Zun 
Bundeskongreß in Hannover bemerkte er, daE 
keinerlei Einschränkungen der gewerkschaft. 
lichen Jugendarbeit beschlossen worde 
sind. Er kritisierte das öffentliche Schulwesen 
das nach wie vor eine Institution zur Vergabs 
privilegierter Positionen in unserer Geseil. 
schaft sei. Es müsse nachdenklich stimmen 
daß der Anteil der Studierenden, die au 
Arbetnehmerkreisen stammen, noch imme 
weniger als 4 v. H. betrage. 
Die Konferenz befaßte sich mit über 40 An. 
trägen und Entschließungen. Die Einhaltung 
des Jugendarbeitsschutzgesetzes und diE 
Verbesserung dieses Gesetzes wurde ein 
stimmig gefordert. Betriebs- und Personal. 
jugendvertreter sollen künftig Kündigungs. 
schutz erhalten. Einen Mindesturlaub vor 
18 Tagen forderte die Konferenz für alle 
Jugendlichen vom 18. bis zum 21. Lebens. 
jahr. 
Die Einführung eines neunten und zehnter 
Schuljahres wird vorgeschlagen, ein Pflicht. 
jahr für Mädchen wird abgelehnt Am 1. Sep- 
tember sollen Kundgebungen gegen den Krieg 
durchgeführt werden. Die Möglichkeit zur 
gleichberechtigten Teilnahme an den Welt. 
jugendfestspielen soll geprüft werden, ferner 
wird der Bundesvorstand gebeten, bei der 
nächsten Veranstaltung dieser Art einen 
Informationsstand des DGB zu errichten, 
wenn Möglichkeiten hierzu 'bestehen. Schließ- 
lich wurde beschlossen, eine Betreuung der 
zum  Wehrdienst einberufenen Mitglieder 
durch die DGB-Kreisvorstände mit den zu- 
ständigen Jugendoffizieren und Vertrauens- 
leuten bei der Bundeswehr durchzuführen so- 
wie Arbeitsgemeinschaften  ,Jugendpflege 
und Bundeswehr" in Garnisonen und Stand- 
orten Im Rahmen der gewerkschaftlichen 
Jugendarbeit zu bilden, die sich intensiv un 
die Freizeitgestaltung der jungen Soldaten 
bemühen. 
Eine Kampfabstimmung gab es über die 
Frage, ob das Alter der Betriebsjugend- 
vertreter von 24 auf 27 Jahre erhöht werden 
soll. Dieser Vorschlag, der im Landesbezirh 
zunächst noch weiter diskutiert werden muß, 
erhielt zweistimmige Mehrheit. 
Den Delegierten kann bescheinigt werden, daß 
sie alle Voraussetzungen mitbringen, um der 
<aktiven Minderheit" unserer Gesellschaft an- 
zugehören. 
G. Scheer 


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