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Jahrgang 15, Nr. 12 (December 15, 1962)

Duda, Edmund
Bildungsarbeit im Betrieb,   p. 2


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den", was aber nicht immer bedeute, <daß sie 
die Probleme der Arbeitswelt bewußt be- 
wältigt haben". Der Erwachsene befinde sich 
oft in einem anhaltenden, unbewußten Span- 
nungszustand zwischen Einsicht, Anforde- 
rung und vermeintlichem Unvermögen. Es 
gehe bei ihnen um die Vertiefung von Grund- 
kenntnissen, die Verdeutlichung von Zusam- 
menhängen und den Abbau von Vorurteilen. 
Der Erwachsene solle Urteilsfähigkeit und 
Selbstsicherheit gewinnen. 
Das Streben nach selbständigem Denken und 
Handeln wird bei Jugendlichen und Erwachse- 
nen gleichermaßen vorausgesetzt. Für viele 
Frauen jedoch erwachse das Interesse für be- 
triebliche, wirtschaftliche und politische Fra- 
gen erst, wenn Ehe und Familie nicht mehr 
allein den Lebensinhalt bilden. 
Unter Berücksichtigung der Tatsache, daß 
Jugendlichen mehr eine Einführung In die 
Grundkenntnisse gegeben, bei den Erwachse- 
nen jedoch diese Grundkenntnisse vertieft und 
Im Rahmen des größeren Zusammenhanges 
verdeutlicht werden sollen, werden dem Inhalt 
nach die gleichen Probleme und Stoffe für 
beide Gruppen empfohlen. 
Die Themen 
Unter den vorgeschlagenen Generaithemen 
befinden sich solche wie: Der Mensch im Be- 
trieb; Allgemeines menschliches Verhalten im 
Betrieb; Stellung der Firma auf dem Markt; 
Das Unternehmen; Aufstlegsmöglichkelten im 
Betrieb; Der Lohn und seine Funktionen; Die 
soziale Sicherheit Bei drei der vorgeschlage- 
nen Hauptthemen empfiehlt sich für uns eine 
nähere Betrachtung. 
a) Bei der ~Geschichte des Betriebes" sollen 
die Entstehung der Firma, die Entwicklüng 
der Mitarbeitefzahl, Sozialstruktur und 
Produktionstechniken, der Kapitalaufwand 
zum Aufbau der Firma und die Herkunft des 
Kapitals sowie die Wirtschafts- und Sozial- 
struktur im Verhältnis zu anderen Firmen 
der Branche abgehandelt werden. 
b) Beim Thema ,Arbeitsvertrag" findet man 
auch Themen wie zum Beispiel die Ver- 
tragspartner, Einzel- und Tarifvertrag, die 
Tarifautonomie, die geschichtliche Ent- 
wicklung der Gewerkschaften und Arbeit- 
geberverbände in der Bundesrepublik und 
der Aufbau der Arbeite- und Sozialgerichte. 
c) Auch der Komplex der ~Mitverantwortung 
des Arbeitnehmers im Betrieb" befindet 
sich unter den vorgeschlagenen Vortrags- 
themen. Das Betriebsverfassungs- und Mit- 
bestimmungsgesetz, Stellung und Aufgabe 
des Betriebsrates und des Jugendsprechers, 
Demokratie in Betrieb und Staat mit den 
Unterschieden zwischen Betriebsverfas- 
sung und Staatsverfassung werden unter 
anderem besonders aufgeführt. 
Interessant ist es, auf einige personelle Vor- 
aussetzungen hinzuweisen, die in der Unter- 
nehmerbroschüre im einzelnen dargelegt wer- 
den. Die für den Erfolg und die Entwicklung 
der betrieblichen Bildungsarbeit aufgestellte 
These ihrer Abhängigkeit von der Einsicht 
ihrer Befürworter und dem pädagogischen 
Vermögen ihrer Mittler gilt wohl für alle gleich- 
artigen Bestrebungen. Besondere Vorgesetz- 
tenkurse werden ausdrücklich für notwendig 
erachtet. Das Können und Verhalten der Vor- 
gesetzten prägen das soziale Klima Im Betrieb. 
Unter den vorgeschlagenen Referenten für die 
betriebliche Bildungsarbeit werden auch Be- 
triebsräte und Vertreter der Gewerkschaften 
aufgeführt 
Bei der ebenfalls empfohlenen Zusammen- 
arbeit mit anderen BilIdungsträgern werden 
neben der Volkshochschule, konfessionellen 
Bildungseinrichtungen auch Bildungeinstitu- 
tionen der Gewerkschaften genannt. 
Den sehr vielseitigen Vorschlägen werden. 
noch grundsätzliche Bemerkungen angefügt 
Es heißt darin, daß der Arbeitnehmer im Zuge 
der wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und 
politischen Entwicklung In seiner rechtlichen 
und sozialen Stellung immer selbständiger ge- 
worden sei. Er habe zunehmend Anerkennung 
als Mitarbeiter gefunden. Die Anforderungen 
an Vernunft und Gefühl, die aus seinen ver- 
schiedenen Bindungen erwachsen, führten 
ihn daher häufig in die Zwangsasituation der 
doppelten Loyalitä. Konflikte, wie zum Bei- 
spiel die Entscheidung zwischen <Erforder- 
nissen des Betriebes" und gewerkschaftlichen 
Forderungen, zwischen dem Zugehörigkeits- 
gefühl zum Betrieb und der Solidarität gegen- 
über Arbeitnehmerschaft und Gewerkschaft, 
forderten vom Arbeitnehmer ein hohes Maß 
von Sachlichkeit und Kenntnis über betrieb- 
liche und sozialpolitische Zusammenhänge. 
In ihrem Bemühen, die betriebliche Situation 
zu verbessern und betriebliche Bildungsarbeit 
in den Dienst dieser Sache zu stellen, gehen 
die Unternehmer von der Oberlegung aus, daß 
der Betrieb nicht nur eine produktionstech- 
nisch-ökonomische Einheit, sondern ebenso- 
sehr ein Sozialgefüge mit eigener und beson- 
derer Bildungskraft ist. Im Betrieb verbringen 
die meisten Menschen unserer Zeit einen 
wesentlichen Teil ihres Daseins, die Erleb- 
nisse im Betrieb haben auf ihr Denken und ihr 
Urteil bestimmenden Einfluß, der Betrieb er- 
scheint ihnen als Spiegelbild der Gesellschaft 
und bestimmt ihr Weltbild. Da nur ~geistig 
freie Menschen unsere Wirtschafts- und Ge- 
sellschaftsordnung tragen und gestalten" 
können, fühlten sich die Unternehmer ver- 
pflichtet, an der Bildung des Menschen mitzu- 
wirken und in ihren Betrieben dazu beizu- 
tragen. 
Mltverantwortung 
Soweit zu dem Inhalt der neuesten Empfeh 
lung der Bundesvereinigung der Arbeitgeber- 
verbände. Wir nehmen diese Bestrebungen zu- 
nächst zur Kenntnis. Ob die sehr wohlklingen- 
den Vorschläge ip der Art verwirklicht werden, 
daß auf örtlicher und betrieblicher Ebene dann 
tatsächlich auch gewerkschaftliche Themen 
und gewerkschaftliche Referenten in fairer 
Weise zum Zuge kommen, bleibt abzuwarten. 
Wo wir angesprochen werden, sollten wir 
unsere Unterstützung geben. Wo uns jedoch 
einseitige, antigewerkschaftliche betriebliche 
Maßnahmen bekannt werden, müssen wir sie 
bekämpfen. 
Die wichtigstd Aufgabe fällt unseren Betriebs- 
räten und Jugendvertretern in den Betrieben 
zu. Sie stehen am Ort des Geschehens.- Sie 
haben ein gewichtiges Wort mitzureden und 
<Mitverantwortung" zu tragen, wie es in der 
Untemehmerbroschüre heißt, wie es aber 
auch im Betriebsverfassungsgesetz vorge- 
schrieben ist. Wissen ist eine elementare Vor- 
aussetzung zum Funktionieren einer demo- 
kratischen Gesellschaftsordnung im Zeitalter 
der Technik. Bildungsarbeit im Betrieb kann 
eine Interessante Bereicherung der vielseiti- 
gen Bildungsbemühungen unserer Gesell- 
schaft sein. Es wird dabei auf unsere Jugend- 
funktionäre in den Betrieben und den örtlichen 
Gewerkschaftastelien ankommen. 


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