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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 15, Nr. 4 (April 15, 1962)

Gargi, Balwant
Das Hundertmeilenrennen,   pp. 18-19


Page 18

Unter dem Strohdach einer niedrigen Lehm-  Inder Singh sah mich an und sagte:
,Wenn du  alter Sportsmann war, Adachmer Singh, der  Freund von Sport und
Spiel. Wenn ihm jeman 
hütte saßen Bauern mit mächtigen bunten  mir nicht glaubst,
kannst du es nachprüfen.  Richter, und einige andere hatten sich um
Buta  diese Neuigkeit zur Kenntnis bringen kanr 
Turbanen und dichten Bärten. Sie überlegten  Gib ihm die Papiere,
bis morgen hat er sie alle  versammelt und sprachen mit ihm. Es wurmte  wird
er Buia bestimmt zu einem internationale 
eifrig und laut, wie sie die Vertreter der um-  abgegeben." Dann wandte
er sich an Buta und  sie, daß ein solches Wunder nicht über die
 Wettkampf schicken." 
liegenden Dörfer zu einem dringenden Treffen  sagte: .,Buta, mein Sohnl
Nimm diese Be-  Grenzen seines Dorfes hinaus bekannt war.  Ein gerissener
Bittschriftenschreiber, der ntn 
zusammenrufen könnten. Sie fragten mich,  nachrichtigungen und bringe
sie in alle Dörfer.  ~Wenn Buta nach London fahren und an  ein Auge
hatte, sagte: <Hat jemand nachge. 
was sie tun sollten. Ich wußte auch keinen Rat.  Geh, mein Löwel"
               einem Geländelauf teilnehmen könnte, würde
 prüft, ob Buta auch wirklich hundert Meiler 
Plötzlich überraschte uns eine leise, ängst-  Er gab Buta
die Briefe, nannte ihm die Dörfer  er sein kleines Heimatdorf Bhagu
weltberühmt  laufen kann ?" 
liche Stimme. <Bitte gebt eure Nachricht mir  und sagte ihm, wem er sie
auszuhändigen  machen", erklärte der Schulleiter.  Ein glatzköpflger
Kaufmann blickte zweifelnc 
Ich bringe sie hin." Der Sprecher war ein kräf-  habe.        
                  <Unser Land ist voller Wunder", fügte Kumar
 zu Buta hinüber und bemerkte: <Bauer 
tig aussehender junger Mann von ungefähr  Am nächsten Tage fanden
sich die Schrift-  Sain hinzu. <Wir haben große Taucher,  haben
nur einen unbestimmten Begriff von 
zwanzig Jahren in einem ausgefransten Hemd  führer aller Dorfgemeinschaften
zur ange-  Ringer und Jäger, aber sie vergeuden ihr  Entfernungen. Wenn
der Mann dreißig MeiHen 
und  geflickten, karottenfarbenen, kurzen  gebenen Zeit ein. Ich fragte jeden
einzelnen,  Talent und sterben unbekannt."  gelaufen ist, bildet er
sich ein, er ist hundet 
Hosen.                                  wer ihm die Nachricht überbracht
habe. Jeder  <Wenn Buta hundert Meilen schafft, kann  gelaufen."
~in welches Dorf?" fragte ich.           sagte: ,SButa hat sie gebracht"
        keine Macht der Welt ihn daran hindern, welt-  <Lassen wir ihn
doch erst mal hier bei uns ir 
~In alle Dörfer", antwortete er.         Als die Versammlung vorüber
war, sah ich  berühmt zu werden", schloß der Richter.  Ort
laufen", schlug der Schulleiter vor. ,Vie  
~In alle Dörferl Weißt du, daß das Treffen  Buta. Kumar
Sain, der Rechtsanwalt, Dschugal  Ein alter Militär-Havaldar sagte:
<Seine Hoheit  leicht können wir dabei etwas Geld sammelt, 
schon morgen sein soll?"                 Kuschore, der pensionierte
Schulleiter, der ein  der Maharadscha von Patiala ist ein großer  um
ihm zu helfen. Um die große Gemeinde- 
~Ja, ich weiß", beharrte er.<Es sind ja nur zehn          
                                                               wiese herum
sind es ungefähr 440 Yard. 
oder zwölf.., die Entfernung kann nicht größer          
                                                                Wenn Buta
Singh vierhundert Runden läuf 
sein als sechzig Meilen. Das schaffe ich In ein                         
                                                entspricht das hundert Meilen.
Wir können all3 
paar Stunden."                                                     
                                                     zusehen. Ein richtiges
Volksfest wird das fü 
Meinte er das ernst? Ich musterte ihn. Seine                            
                                                unal Und hinterher können
wir weitere Plän, 
dicken Lippen wirkten wie Furchen in einem                              
                                                für ihn machen."
frischgepflügten Feld, und darüber zog sich                   
                                                          Alle waren von
dem Vorschlag begeistert. 
der kurze, bläuliche Flaum eines Schnurr-                          
                                                     Ich fragte Buta Singh,
ob er auf der großen Ge- 
bartes entlang, der in einen sprießenden Kinn-                    
                                                      meindewiese laufen
wolle. Er blinzelte mit den 
bart überging. Er hatte einen langen Hals,                         
                                                     Augen und sagte nur:
<Wie du willst" 
einen geschmeidigen Leib wie ein Leopard                                
                                                Maru, der Dorftrommier, verbreitete
die Neuig 
0 W .------  --...------------k4IA  A,                                  
                                         keit. Ac-hfnn alles herhFören|
SonntanfrÜt 
seinen Waden waren keine Haare, nur zwei 
tätowierte Pfauenflguren. Seine Pferdeaugen 
wirkten ausgesprochen stumpfsinnig. Wie 
sollte er nur sechzig Meilen in ein paar Stun- 
den schaffen? Wußte er überhaupt, wovon er 
da sprach? 
In diesem Augenblick klopfte mir der Bauer 
Inder Singh, ein alter Mann mit struppigem, 
braunem Bart, mit seiner metallischen Hand 
auf die Schulter. ,Das ist Buta Singh ... aus 
dem Dorfe Bhagu. Kennst du den nicht? Er 
kann hundert Meilen ohne Pause laufen." 
~Hundert Meilen ?" 
~Ja, hundert Meilen. Wenn der läuft, kann der 
Sturmwind nicht mit." 
<Hundert Meilen l" Ich war verdutzt. 
<Hast du noch nie den Namen Buta Singh ge- 
hört ?",fragte Inder Singh. 
,Nein." 
.,Buta ist der Sohn von Rakho", erklärte Inder 
Singh. <Er stammt aus meinem Dorf. Gleich 
nach seiner Geburt hat seine Mutter ihn auf 
dem Felde, auf dem sie gerade ernteten, in 
einen Korb gelegt und sich wieder an die 
Arbeit gemacht Die Familie hauste an einer 
Ecke des Feldes unter einem zerfetzten Stroh- 
dach. Tschamba, Butas Vater, hütete die Ernte 
vor Schakalen, Fasanen, Hasen und anderen 
Tieren. In einer kalten Nacht starb er an 
Lungenentzündung. Rakho hauste mit Ihrem 
Jungen weiter auf dem Feld. Sie besorgte sich 
von einer Zigeunerfamille einen kleinen Berg- 
hund, und der wuchs schnell zu einem ge- 
fräßigen Hund heran. Buta wuchs mit Ihm zu- 
sammen auf. Er zerrte den Hund am Schwanz, 
so daß er kläffte und heulte und ausgelassen 
herumtobte und mit ihm spielte wie mit einem 
großen Bruder. Als Kind hetzte Buta Immer 
hinter Kamelen, Fohlen, Schakalen und Eich- 
hörnchen her. Er lief den Hasen nach und 
sprang über Hecken, den Hund Immer an den 
Fersen. Er wurde so flink und wendig, daß er 
es fertigSrachte, einen Hasen zu jagen, zu 
fangen, laufen zu lassen und von neuem zu 
fangen. Ein Hase kann ungefähr vier Meilen 
rennen, ein Schakal acht, ein Pferd höchstens 
vierzig, und das schnellste Kamel kann nicht 
mehr als fünfzig Meilen laufen. Aber Buta 
schafft hundert..." 
.,Wie lange braucht er dazu ?" fragte ich. 
<Zwölf Stunden. Natürlich, ein Pferd oder ein 
Kamel kann schneller laufen als Buta. Aber 
nicht hundert Meilen ohne Pause." 
Ich betrachtete Buta von neuem, dieses tier- 
hafte Geschöpf mit den schrägen Pferde- 
augen. Seine furchenartigen Lippen glänzten. 
Zwischen seinen gesprenkelten, grünlichen 
Waden und Schenkeln sprangen die Knie spitz 
vor. 
um sieben Uhr wird Bute Singh, der berühmt( 
Läufer, ein Hundertmeilenrennen laufen. Alle 
Ortsbewohner werden aufgefordert, zur Ge. 
meindewiese zu kommen und das wunderbare 
Schauspiel mitanzusehen. Buml Bum! Buml' 
Am Sonntagmorgen versammelten sich die 
Leute schon zeitig, um Buta Singh zu sehen 
Er hatte eine dunkle, kurze Hose an, und ein 
flammenrotes Tuch war um sein langes 
schwarzes Haar gebunden, das er auf dem 
Kopf zu einem dicken Knoten zusammen- 
gerollt hatte. Der Octroi Peon saß an einer 
Seite, um die Runden zu zählen. Um sieben 
gab der pensionierte Schulleiter, der als 
Schiedsrichter fungierte, den Startpflff, und 
Buta Singh begann sein Einmannrennen. 
Bis um acht kamen immer noch Zuschauer. 
Der Schulleiter saß da und verfolgte Buta, der 
in gleicher Geschwindigkeit, gleicher Haltung 
und gleichem maschinenhaftem Rhythmus eine 
Runde nach der anderen um die Wiese her- 
umlief. Die Frauen kamen mit geschürzten 
Röcken und setzten sich an eine Seite der 
Wiese, um über den neuesten Dorftratsch, 
Todesfälle und Geburten zu klatschen und 
Buta seine Runden drehen zu sehen. 
Zu Mittag hielt Buta inne, trank einen Krug 
Milch, den der Trommler ihm gebracht hatte, 
wechselte seine durchschwitzte Hose, die ihm 
am Körper klebte, kämmte sich das Haar und 
rollte es zu einem frischen Knoten, band sein 
Tuch darüber und fing nach einer kleinen 
Pause wieder an zu laufen. 
Er lief weiter bis zum Abend und hatte die 
letzte der vierhundert Runden um die Dorf- 
wiese um halb sieben beendet - eine halbe 
Stunde vor der festgesetzten Zeit. Die Sonne 
ging unter. In ihren Strahlen sahen die Sträh- 
nen von Butas Haar, die unter dem flammen- 
roten Tuch heraushingen, wie glühende 
Federn aus. Seine Brust hob und senkte sich, 
und über den bronzefarbenen Körper lief der 
Schweiß. 
Die Menge jubelte ihm zu. Zwei Männer trugen 
ihn auf den Schultern zum Basar. Die Kunde 
verbreitete sich im Dorf. Buta sagte: <Es ist 
Gottes Wille. Seine Kraft steckt in meinen 
Knochen. Darum konnte ich hundert Meilen 
laufen. Ich glaube bestimmt, ich werde An- 
erkennung finden, wenn ich nach London 
gehe." 
Wir gaben die Neuigkeit an eine Zeitung im 
Heimatdialekt weiter und machten Pläne, ihn 
nach Patiala zu einer Audienz bei Seiner 
Hoheit zu schicken. 
Drei Tage später kam Butas Mutter aus dem 
Dorf an. Sie war etwa sechzig, eine kräftige 
Bäuerin mit den gleichen dicken Lippen wie ihr 
Sohn und kleinen, trüben Augen. Sie war ge- 


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