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Aufwärts
Jahrgang 8, Nr. 15 (July 21, 1955)

Erich Kästner: Von der Vergeßlichkeit,   p. [1]


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Erich Kästner: Von der VergelIlchkelt 
Als Friedrich Wilhelm I. von Preußen, der 
Soldatenkönig, eben jener Hohenzoller, der 
den Sohn und präsumtivsten Nachfolger bei- 
nahe hätte hincridten lassen, ein Regiment 
inspizierte, schlug er, aus geringem Anlaß, 
einen Major mit dem Krückstock. Daraufhin 
zog der Major, angesichts der Truppe, die 
Pistole und schoß, knapp am König vorbei- 
zielend, in den Sand.<Diese Kugel», rief er, 
.galt Ihrer Majestät!" Dann jagte er sidi 
unter Anlegen der bewaffneten Hand an die 
Kopfbedeckung, die zweite Kugel in die eigene 
Schläfe. 
Es lohnte sich nicht, diese kleine Geschichte zu 
erzählen, wenn es in unserer großen Ge- 
schichte viele ihresgleichen gäbe. Aber es ist 
eine verzweifelt einsame, eine zum Verzwei- 
feln einsame kleine deutsche Geschichte. Noch 
der Schuß in den Sand, noch der symbolische 
Widerstand ist <nicht statthaft" und Sfindet«, 
schon deshalb, <nicht statt". Wir stehen vor 
jeder Autorität stramm. Auch vor dem Größen- 
wahný auch vor der Brutalität, auch vor der 
Dummheit - es genügt, daß sie si Autori- 
tät anmaßen. Unser Gehorsam wird blind. 
Unser Gewissen wird taub. Und unser Mund 
ruft: .Zu Befehl! Noch im Abgrund reißen 
wir die Hacken zusammen und schmettern: 
Sie opferten Leben und Ehre. Hat man Ihnen 
wenigstens ihre Ehre wiedergegeben? Nicht 
ihre Offiziersehre, nicht ihre Pastorenehre, 
nicht ihre Gewerksdaftsehre, nein, ihre mit 
Gewissensqualen und dem Tod besiegelte, mit 
Folter und Schande besudelte, am Fleischer- 
haken aufgehängte menschliche Ehre   und 
wahre Würde? Ich denke dabei nicht an die 
Umbenennung von Straßen, die Niederlegung 
von Behördenkränzen und ähnliche Versuche, 
den Dank des Vaterlandes, nach dem Muster 
des Telzahlungssystems, In bequemen Raten 
abzustatten. Sondern ich frage: Hat man ver- 
sucht, diese Männer und Frauen in unserer 
vorbildarmen Zeit iu dem zu machen, was sie 
sind? Zu Vorbildern? 
Wer an die Zukunft glaubt, glaubt an, die 
Jugend. Wer an die Jugend glaubt, glaubt an 
die Erziehung. Wer an die Erziehung glaubt, 
glaubt an Sinn und Wert der Vorbilder. 
Denn die Jugend will und braucht auf ihrem 
Weg in die Zukunft keine noch so gtgemein- 
ten vaterländischen, europäischen, oder welt- 
bürgerlichen Redensarten, keine Preisliste, 
keinen Katalog und keinen Baedeker, sondern 
weithin sichtbare, im Lande der Zeit Richtung 
und Ziel zeigende Wegweiser. Die Jugend 
will und braucht Vorbilder. Für den Marsch 
Studentin Sophie Scholl, geb. 9. Mai 
1921, mit ihrem  Bruder Hans am 
22. Pebruar 1943 vom <Volksge- 
richtshof' der Nazis ermordet. 
Schr ltsteller Carl von Ossletzky 
erlag am 3. Mal 1938 dem Terror 
der Gestapo (Mitte links). 
Gewerkschafter Wilhelm Leuschner, 
geb. 15. Juni 1888, vom <Volks- 
gerichtshof' der Nazis am 29. Sep- 
tember 1944 ermordet. <Einigkeit' 
war sein letztes Wort (links unten), 
Wissenschaltler  Berthold  Schenk 
Gral von Stauffenberg, geh. 15 März 
1905, von den Nazis am 10. August 
1944 ermordet, 
.Befehl ausgeführt!" Wir haben gehorcht und 
sind es nicht gewesen. Der Mut, bar des Ge- 
fühls der Verantwortung und ohne jede Phan- 
tasie, ist unser Laster. Und Courage bleibt ein 
Fremdwort. Die Frauen und Männer des deut- 
schen Widerstandes haben versucht, haben 
wieder einmal versucht, dieses Wort einzu- 
deutschen. Sie setzten Ehre und Leben aufs 
Spiel, und sie verloren beides. Ihr Leben konnte 
man ihnen durch kein Wiedergutmachungsver- 
fahren rüdvergüten. Stellen Sie sich vor, man 
ren, gehörte ja selber zum Widerstand! Als 
es aber eine neue Staatsautorität zu schaffen 
galt, empfand man plötzlich die Vorbildlichkeit 
jener Frauen und Männer als unbequem. Man 
mißtraute der Widerstandsfähigkeit der von 
fremder Hand   gepflanzten  Autorität. Man 
fürchtete die beispielhafte Kraft des vorge- 
lebten echten und beschritt den Weg des   x- 
ringsten .Widerständs. 
Diesen Weg gehen sie nun und murren über 
die Apathie der Jugend. Noch einmal: Die Ju- 
gend braucht Vorbilder. Es gibt sie. Man 
richte sie rur, weithin sichtbar, auf! Man 
braucht ja, außer dem Weltuntergang, nichts 
mehr zu befürchten! Die Autorität des Stýaates, 
die parlamentarische Zweidrittelmehrheit und 
die Golddeckung sind ja gesidert! Außerdem: 
Die Sorge, die Zivilcourage und der politische, 
mit Lebensgefahr verbundene Gewissenskon- 
flikt könnten, mit Hilfe bewundernswerter 
Vorbilder, Mode oder gar epidemisch werden, 
ist in unserem Vaterland unbegründet. 
Also: Man gedenke ernstlich der Bespielel 
Man schaffe die Vorbilder! Und man tue es, 
bevor der Hahn zum dritten Male kräht! 
in die Vergangenheit, die unsere Politiker mit 
der Zukunft verwechseln, für diesen pompösen 
Rückzug ins Vorgestern bedarf es freilich 
keiner Wegweiser. Es sei denn präziser An- 
weisungen, ob man bei besagtem Marsch alle 
drei Strophen der alten Hymne oder nur die 
dritte zu singen habe. Für den blinden Gehor- 
sam, für die Treue als das Mark der Ehre, für 
die Pflichterfüllung bis zur überletzten Minute 
bedarf es keiner neuen, ja überhaupt keiner 
Vorbilder hierzulande. Das und dergleichen 
gehört seit alters zum deutschen Abc. Treu 
sein, auch wenn darüber die Welt zugrunde 
geht, das kann man bei uns bekanntlich 
auswendig. 
Die Frauen und Männer des Widerstandes 
wollten, als Freiwillige, im Namen des Volkes 
dessen physischen und moralischen Untergang 
verhindern. Im Namen des Volkes kämpften 
sie mit ihrem Gewissen, das zwischen Gehor- 
sam und Verantwortung schwankte, um den 
Sieg des sittlichen Wertes. ,Im Namendes 
Volkes' wurden sie angespuckt, gequält und 
ermordet. Und im Namen des Volkes wäre 
es, als der Alptraum vorüber war, nur selbst- 
verständlich gewesen, diese Nothelfer des 
deutschen Wesens gegen das deutsche Un- 
wesen zu kanonisieren. Hier wäre Helden- 
verehrung zukunftspolitisch wertvoll  ge- 
wesen statt vor den Memoiren und Pensions- 
ansprüchen überlebensgroßerBefehlsempfänger. 


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