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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 8, Nr. 25/26 (December 8, 1955)

Brod, Max
Das Deckchen im Militärkoffer,   p. 14


Page 14

Das Deckchen im Militärkoffer 
Vn Max Brod 
Gern hörte ich zu, wenn Armand von seiner 
Jugend erzählte. <Damals gab es keine 
Kriege', pflegte er zu beginnen. Zumindest 
in Europa nicht. E war eine vergleichsweise 
glückliche Zeit. Krieg betrachtete man als eine 
Art Unfug oder fabulösen Irrglauben früherer 
Generationen, so etwa wie die Quadratur des 
Kreises oder den Stein der Weisen. Nur Nar- 
ren hatten sich einst mit so etwas befaßt.« 
Er fuhr fort: <Trotzdem bin ich einmal, schon 
etwas später, auf meiner Hochzeitsreise, mit 
dem Krieg in Berührung gekommen. Aber 
wir lachten, meine junge, schöne Frau und 
ich. Wir hatten immer zu ladien. So auch in 
dem Zug, der uns aus St. Raphael an der 
französiscden Riviera nach Ventimiglia und 
von da nach Genua, Viaregglo brachte. Bald 
hinter der italienischen Grenze stieg ein 
großer Bursch mit einer Militärmütze ein, 
etwas bleich, aber kräftig, das Gesicht von 
römischem  Schnitt, Schultern wie ein Berg 
und sanfte, große schwarze Augen. Stolz er- 
zählte er uns, er komme gerade aus dem 
Krieg. Aus dem Krieg? So was gab es doch 
gar nicht. 0 doch, Italien hatte einen Kolonial- 
krieg an der nordafrikanischen Küste, in 
Libyen, begonnen. Gegen die Türken. Daß 
damit das Signal zum Balkankrieg und zu den 
späteren  europäischen  Verwicklungen  ge- 
geben war, konnten wir nicht ahnen. 
»So, so, aus dem Krieg kommen Sie?« lachte 
meine Frau, »aber Sie sind doch in Zivil, 
abgesehen von dem Mützchen.« - »Ja, das 
hat seinen Grund«, sagte der Bauernbursche 
nach einigem Zögern und wurde rot. Wir 
hervor und begann - nie zuvor hatten wir 
ein Derartiges bei einem Mann gesehen -, 
die Fläche mit hellblauen Seidenfäden zu be- 
sticken. »Sie sticken?« fragte meine Frau, 
obwohl der Augenschein keinen. Zweifel an 
der Tatsache ließ. Der Krieger nahm es als 
Lob und Interessenbezeigung, sofort reichte 
er uns das Deckchen herüber; es war tatsäch- 
lich höchst kunstvoll und schwungvoll ge- 
stickt, mit fliegenden Ornamenten. Man sah 
neben manchem anderen Zierat das italienische 
Wappen in seinen Farben Grün-Weiß-Rot, 
darüber schwebte die königliche Krone, und 
eine patriotisch-bellikose Uberschrift schloß 
oben ab. Das Ganze gab sich leicht als ein 
vorgedrucktes Muster zu erkennen. Die Uber- 
schrift aber lautete: Avanti Savolal« 
»Sehr schön«, sagte meine Frau kennerhaft. 
Durch diese Anerkennung über Gebühr ge- 
schmeichelt, gestand der gutmütige Junge, er 
habe das Sticken im Gefängnis erlernt. Dort 
sei es so langweilig gewesen. Ins Gefängnis 
aber sei er gekommen, weil ihn beim ersten 
Sturmangriff gegen den Feind die Angst er- 
wischt habe, so daß er gleich weggelaufen 
sei. An der Küste habe man ihn gepackt. Den 
ganzen Feldzug habe er, recht betrachtet, im 
Gefängnis verbracht. »Und bei Stickerei- 
arbeit«, sagte ich. Ein Blick meiner Frau 
belehrte mich darüber, daß auch sie dies nicht 
eben für das Musterbild einer kriegerischen 
Tätigkeit ansehen könne. Und dazu die pa- 
triotisch aufmunternde Devise - das war ja 
ein reizendes Gemisch. 
»Man kann das .Vorwärts' immerhin auch 
Es gab nicht lange nachher einen furchtbaren 
Stoß. Ich erwachte im Krankenhaus einer 
kleinen  italienischen  Provinzstadt.  Pietro 
hatte meine Frau und mich aus dem brennen- 
den Eisenbahnwagen des entgleisten Zuges 
gerettet, Dann war er nochmals in den Rauch 
und Dampf hineingesprungen, hatte noch drei 
weitere Passagiere herausgezogen. So erzählte 
unsere Krankenschwester. 
Ich wollte ihm die Hand drücken, aber er war 
längst weitergefahren in seine Heimat. sein 
stilles, hart arbeitendes Bergdorf, von dem er 
uns soviel Freundliches erzählt hatte, vom 
Dorf und von Simonetta, seinem Bräutchen. 
Drei Tage lang habe ich bewußtlos gelegen. 
Man brachte mir ein Andenken, das er für 
uns zurückgelassen hatte. In feines Papier 
gewickelt, mit Goldfäden umsdnürt das mit 
Seide ausgestidcte Deckchen. »Es hat den 
Herrschaften so gefallen«, habe er beim Por- 
tier geäußert, »so sollen sie es für immer 
behalten.« 
Ich griff danach. Aber die Unterschrift zeigte 
auch jetzt noch nur vier Buchstaben: Piet ... 
Der Rest fehlte; man konnte nur die vor- 
gezeidinete Unterlage des Vornamens sehen 
und daß das o mit einem weiblich-spöttischen 
a meiner eigenen Hand übermalt war.' 
Frühlingsglaube 
Von Gottfried Keller 
leise: <Schau, wie ein Heiligenschein, siehst 
du? .Heiligenschein!' dachte er, und er hatte 
keinen, dem er die Fäuste ins Gesicht schla- 
gen konnte. 
Dann waren welche an der Tür.<Wir sahen 
das Licht', sagten sie, <am  Fenster. Wir 
wollen uns zehn   Minuten  hinsetzen.' - 
<Aber wir haben ein Kind', sagte der Mann 
zu ihnen. Da sagten sie nichts weiter, aber 
sie kamen doch ins Zimmer, stießen Nebel 
aus den Nasen und hoben die Füße hoch. 
<Wir sind ganz leise', flüsterten sie. Dann 
fiel das Licht auf sie. Drei waren es. In drei 
alten Uniformen. Einer hatte ,einen Papp- 
karton, einer einen Sack. Und der dritte hatte 
keine Hände..Erfroren', sagte er und hielt 
die Stümpfe hoch. Dann drehte er dem Mann 
die Manteltasche hin. Tabak war drin und 
dünnes Papier. Sie drehten Zigaretten. Aber 
die Frau sagte: <Nicht, das Kind.' 
Da gingen die vier vor die Tür, und ihre 
Zigaretten waren vier glimmende Punkte in 
der Nacht. Der eine hatte dicke, umwickelte 
Füße. Er nahm ein Stück Holz aus seinem 
Sack.<Ein Esel', sagte er.."Ich habe sieben 
Monate daran geschnitzt. Für das Kind.' Das 
sagte er und gab es dem Mann.<Was ist mit 
den Füßen?' fragte der Mann.<Wasser', 
sagte der Eselsädnitzer, <vom Hunger.' <Und 
der andere, der dritte?' fragte der Mann und 
befühlte Im Dunkeln den Esel, Der dritte 
zitterte in seiner Uniform: <Oh, nichts', wis- 
perte er..Ds sind nur die Nerven. Man hat 
eben zuviel Angst gehabt.' Dann traten sie 
die Zigaretten'aus und gingen wieder hinein. 
Sie hoben die Füße hoch und sahen wieder 
auf das kleine schlafende Gesicht. Der Zit- 
ternde nahm aus seinem Pappkarton zwei 
gelbe Bonbons und sagte dazu: Für die Frau 
sind die.' 
Die Frau machte die blassen Augen weit auf, 
als sie die drei Dunklen über das Kind ge- 
beugt sah. Sie fürchtete sich. Aber da stemmte 
das Kind seine Beine gegen ihre Brust und 
schrie so kräftig, daß die drei Dunklen die 
Füße aufhoben und zur Tür schlichen,. Hier 
Es wandert eine schöne Sage 
wie Veilchenduft auf Erden um, 
wie sehnend eine Liebesklage 
geht sie bei Tag und Nacht herum. 
Das ist das Lied vom Völkerfrieden 
und von der Menschheit letztem Glück, 
von goldner Zeit, die einst hienieden, 
der Traum als Wahrheit, kehrt zurück; 
wo einig alle Völker beten 
zum Einen König, Gott und Hirt: 
von jenem Tag, wo den Prophet 
ihr leuchtend Recht gesprochen 
<Aber das Kind hat geschrien', flüsterte die 
Frau,.ganz stark hat es gesdirien. Da sind 
sie gegangen. Sieh mal, wie lebendig es ist', 
sagte sie stolz, Das Gesicht machte den Mund 
auf und schrie. 
.Weint er?« fragte der Mann.- .Nein, ich 
ten             glaube, er lacht', antwortete die Frau. - 
wird.            <Beinahe wie ein Kuchen', sagte der Mann 
und roch an dem Holz..Wie Kuchen. Ganz 
noch geben,     süß.' -  <Heute ist ja auch Weihnachten', 
sagte die Frau. - <Ja, Weihnachten', brummte 
er, und vom Ofen her fiel eine Handvoll 
Shält.          Licht heil auf das kleine, schlafende Gesicht. 
n, den 
uf die 
r eben 
en hin- 


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