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The History Collection

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Jahrgang 8, Nr. 25/26 (December 8, 1955)

Boyle, Kay
Für Neger ist Weihnachten später,   p. 6


Page 6

zimmer der Familie erstreckten sich, sobald 
alle sie verlassen hatten, ihre wunderbaren 
Forschungreisen ins Land der Nettigkeit. Ein 
einzelner Handschuh, die Kappe einer Füll- 
feder, eine Ansichtskarte aus Honolulu, Zahn- 
bürsten, Wollknäuel, Schulbücher, Armbänder 
oder Ringe, die neben der Seife auf dem 
Waschbecken liegengelassen worden waren 
- alles sammelte sich unfehlbar in Bens 
Schürze. 
jIch nix können sagenah. Ich nie nix viel 
lernen wissen von Farben. Ich nix kommen 
so weit in Schule.' 
Ich erinnere mich noch gut an Ben, und ich 
erinnere mich aucha n jenen Weihnachtsmor- 
gen damals und wie er vom Ofenfüllen 
heraufkam. Es war erst halb sechs, doch er 
hatte von unten das Licht in der Halle ge- 
sehen, das wir angedreht hatten, und er 
Er hatte ihn ganz in den Falten des Samt- 
vorhangs versteckt aufgehängt, und als er 
nun hinging und die Falten behutsam aus- 
einanderschob, sahen wir ihn alle: den lan- 
gen, grauen Frauenstrumpf mit der weißen 
Naht an der Ferse, einen nagelneuen Strumpf, 
der kläglich schlaff und hoffnungslos herab- 
hing. Ben hatte ihn dort, wo wir die unsern 
hingetan hatten, aufgehängt, als es schon 
ist denn los? Ben, was treibst du da und 
führst dich so auf vor den Kindern?* 
Sein Blick überflog die Halle und uns, und 
als er begriff, was los war, steckte er die 
Hände in die Taschen seines Schlafrocks und 
sagte: 
.Also, Ben, ich wundere mich sehr, daß du 
.Klima nix müssen flennen', schluchzte Ben, 
und die Tränen liefen ihm übers Gesicht, den 
Blick hatte er immer noch auf die Strümpfe 
gerichtet, die wir an uns gedrückt hielten. 
,Ich auch nix müssen flennen, wenn ich wür- 
den Kind sein heute', sagte er. 
.Was würden deine Eltern sagen, wenn sie 
dich so sehen könnten, wie du dich da auf- 
führst am Weihnachtsmorgent« sagte Puck. 
Er stand, die Hände in den Taschen, und sah 
herrisch und herausfordernd Ben von unten 
bis oben an, bis zu dem tränenglänzenden 
schwarzen Gesicht. 
.Ein baumlanger Kerl wie du, kräftig genug, 
um das ganze Haus auf seinen Schultern um- 
herzutragen. Wirklich, ich schäme mich für 
dichl" 
Ich erinnere mich, wie Ben dastand, die Hand 
unter die weit offenen Nasenlöcher der schein- 
bar knochenlosen Nase legte und die eine 
Wange hochschob. 
»Diese Weihnachtsmaun4 diese alte -' be- 
gan er, aber mein Großvater Unterbrach ihn 
und bewegte dabei ein wenig unbehaglich 
die Hände in den Taschen seines Schlafrocks, 
»Na, na, Ben', sagte er, so darfst du nicht 
reden. Vielleicht kommen deine Weihnachten 
ein bißchen später. Vielleicht, daß der alte 
Weihnachtsmann -    -. 
Zeichnungen: Bernhard Miler 
hatte, daß    ganz dunkel geworden war, aber nun war er 
chen waren     noch leer, weil ihn niemand von den Erwach- 
re Strümpfe   senen bemerkt hatte. 
Stumf hiah 
uns noch c 
.Das sein meine Weihnachten», sagte Ben, 
bevor er auf den Zehenspitzen und mit kum- 
mervoll hochgezogenen Schultern die Treppe 
hinunterzusteigen begann. 
.Doht sie hangen meine Weihnachten und 
immah noch wehten -» Und wir wandten 
uns um und starrten, unsere neuen Spiel- 
sachen an uns gedrückt, den langen, grauen 
Baumwollstrumpf an, den noch niemand ge- 
tragen hatte und auch nie jemand tragen 
würde. 
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