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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 4, Nr. 5 (March 10, 1951)

J. H.
Die Blindschleiche oder der Boxer mit dem Regenschirm,   p. 14


Page 14


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Wir nannten ihn die Blindschleiche. Vom
ersten Tag an, damals vor 30 Jahren, als er
in unserer Sportriege auftauchte... der sem-
melblonde untersetzte Junge, dessen Nase
eine Stahlbrille zierte. Mein Freund Hermann
hatte ihn mitgebracht, und wen Hermann,
der nicht nur ein guter Schwimmer, sondern
auch ein vorz¸glicher Boxer und noch bes-
serer Radfahrer war -- er gewann sp"ter
.Rund um K–ln' und viele groþe Straþen-
rennen -, mitbrachte, der war o. k. Auch
wenn er kurzsichtig war und weiþ der
Himmel, kein groþer Schwimmer.
Mit Vornamen hieþ die Blindschleiche Theo,
mit Nachnamen Beyerling, und das war so
ziemlich alles, was wir von dem etwas
sch¸chternen, aber sonst recht netten und
bescheidenen Kameraden wuþten. Ja... und
daþ er bei Regenwetter immer mit einem
alten Regenschirm anmarschiert kam, was
nat¸rlich nicht dazu beitrug, unsere Meinung
¸ber die Blindschleiche zu verbessern.
Bis dann eines Tages Hermann erz"hlte, daþ
die Blindschleiche Westdeutscher Amateur-
boxmeister' geworden w"re und eine unver-
sch"mt harte rechte Hand h"tte. Ich muþ
sagen, damals, kurz nach dem ersten Welt-
krieg, kannte ich vom Boxsport nicht allzu-
viel, und meiner Meinung nach konnte mit
einer Sportart, in der die Blindschleiche
Meisterehre erlangen konnte, nicht allzuviel
los sein. Immerhin war die Blindschleiche in
meiner Achtung einige Grade gestiegen.
Bald darauf hatte ich Gelegenheit, meine
Meinung ¸ber die Blindschleiche abermals
zu revidieren. Denn eines Tages prangte der
Name Theo Beyerling auf einem groþen
Plakat, das ank¸ndigte, daþ am Sonntag
wieder einmal Profiboxk"mpfe unter Leitung
des bekannten englischen Schiedsrichters
Jack Slimm stattf"nden.
Daþ ich das sehen muþte, war nat¸rlich
sonnenklar, denn ich wollte doch wissen,
was mit der Blindschleiche los war.
Um es kurz zu machen, es war nicht allzu-
viel los mit der Blindschleiche. Theo, der
ohne Brille kaum ein Meter weit sehen
konnte, bezog von seinem Gegner, der ein
routinierter Profiboxer war, eine ganz sch–ne
Tracht Pr¸gel, ohne diesen nur ein einziges
Mal ernsthaft zu erwischen. Trotzdem, die
Sache hatte mir gefallen. Boxen war ein
feiner Sport, wenn sich wirkliche K–nner
gegen¸berstanden.
.Er heiratet heute.-
Beim zweitenmal sah die Blindschleiche
schon besser aus. Diesmal war sein Gegen-
¸ber kein Techniker, sondern ein Schl"ger,
und da konnte Theo mithalten. Er lieþ seinen
Mann ruhig kommen, und als er ihn in
Sicherheit gewiegt hatte. gab er sich schein-
bar eine Bl–þe und fing den Anst¸rmenden
mit einem sauberen Rechten an die Kinn-
spitze ab.
Die Blindschleiche boxte weiter. Mit wech-
selndem Erfolg. Irgendwie kam Theo weiter,
und nach einem Jahr hatte er sich in der
Spitze seiner Gewichtsklasse einen Platz
erobert.
Meister war zu dieser Zeit der Berliner Fritz
Rolauf, ein mit allen Wassern gewaschener
Junge, der souver"n seine Gewichtsklasse
beherrschte. Er war der Typ des technisch
versierten Figthers, der alle, aber auch alle
Tricks beherrschte. Ein Mann, der seine
Gegner systematisch ausboxte, bis sie ihm
reif zum "Abschieþen' schienen.
Und gegen diesen Mann stand eines Tages
Theo Beyerling im Kampf um den Meister-
g¸rtel. Und zwar in der H–hle des L–wen,
in Berlin, im alten Sportpalast. Damals
gingen Meisterschaftstreffen noch ¸ber 15
Runden, und man boxte noch mit 4-Unzen-
Handschuhen und harten Bandagen.
Was das heiþt, kann man daran ermessen,
daþ nur wenige deutsche Spitzenboxer augen-
blicklich in der Lage sind, unter den jetzigen
Meisterschaftsbedingungen - 5 Unzen und
weiche Bandagen - zw–lf Runden durchzu-
stehen.
Vor dem Kampf gab es in Berlin wohl keinen,
der Theo Beyerling eine Chance gab, und
die Wetten standen 10:1.
lind nach f¸nf Runden h"tte man auch 20:1
unterbringen  k–nnen. Rolauf beherrschte
einseitig das Kampfgeschehen, und es sah
b–se um die Blindschleiche aus. Rechts...
links traf der Meister..., war auf schnellen
Beinen weg vom Mann, ehe sein Gegner mit
seinen kurzsichtigen Augen ¸berhaupt eine
Trefferm–glichkeit entdeckt hatte. Die 10.,
11., 12. Runde "nderte nichts an dem Kampf-
verlauf.
Aber die Blindschleiche gab nicht auf...
rettete sich durch die 13., 14. Runde, und
dann begann die letzte, die 15.! Und hier
passierte es... Rolauf, allzu gewiþ seines
sicheren Sieges, trieb die Blindschleiche vor
sich her. Hart, erbarmungslos trommelten
seine F"uste auf den weichenden, v–llig ge-
schlagenen Gegner. Und dann vergaþ er
einen Moment die Deckung... blitzschnell
reagierte die Blindschleiche,... unheimlich
hart und trocken kommt seine Rechte...
trifft genau den Punkt am Kinn des Meisters,
und wie ein gef"llter Baum kippt Rolauf um.
Eins... zwei ... drei ... acht ... neune...
Aus! z"hlt der Ringrichter, und verlegen
l"chelnd empf"ngt die Blindschleiche Kranz
und Meisterg¸rtel.
Aber es kommt noch sch–ner. Rolauf will
nat¸rlich Revanche. Er weiþ, er kann und
muþ Beyerling den Titel wieder abnehmen.
Ihm geh–rt er, er ist der bessere Boxer.
Und ein Jahr sp"ter stehen sich die beiden
wieder gegen¸ber. Wieder im Sportpalast,
und wieder w¸rde keiner nach zehn Runden
einen Pfennig f¸r den Sieg der Blindschleiche
wetten.
Wieder kommt Runde 13, 14, und diesmal
steht es um den Meister noch schlechter als
damals vor einem Jahr.
Und wieder kommt die 15. Runde. Wie ein
Tiger st¸rzt Rolauf auf die Blindschleiche.
Trifft ein-... zwei-.., dreimal voll! Beyer-
ling wankt... schl"gt mit letzter Kraft zu-
r¸ck ... und trifft! Trifft pr"zise, hart, trocken.
Wie ein Brett kippt Rolauf um, schl"gt im
Fallen mit dem Hinterkopf auf den Boden-
belag und ist lange ¸ber die Zeit hinaus ko.
Die Blindschleiche hatte das Unm–gliche
wieder einmal m–glich gemacht. Er, der
Boxer mit dem Regenschirm.         J. H.
In diesen Tagen der Proteste, Spieler-
wanderungen und der groþen Gesch"fte
um den Sport ist es erfreulich, eine Ge-
schichte zu h–ren, deren Held der Fuþ-
ballverein Cinderella Leyton Orient ist.
Diese Geschichte dreht sich um Ledger
Ritson, linker Verteidiger der Cinderella,
der sich im September 1948 im Spiel
gegen Northampton ein Bein brach, lange
Zeit im Krankenhaus lag und bei seinem
ersten Training wiederum fiel und an
demselben Bein einen komplizierten
Bruch davontrug. Dabei infizierte sich die
Wunde, und in der vorigen Woche muþte
das Bein amputiert werden.
W"hrend dieser ganzen 25 Monate hat
ihm sein Klub das volle Gehalt von neun
Pfund die Woche ausbezahlt und dar¸ber
hinaus gesorgt, daþ es seiner Frau und
den drei Kindern an nichts fehlte. Leyton
.Orient ist keineswegs ein reicher Verein,
und diese neun Pfund waren in jeder
Woche doch sozusagen hinausgeworfenes
Geld. Besonders tragisch f¸r den Klub
erscheint, daþ an demselben Tage, an
dem sich Ritson das Bein brach, eine er-
hebliche Transfersumme abgelehnt wurde.
Dazu kommt, daþ der Klub eine Benefiz-
veranstaltung f¸r Ritson gab und ihm 300
Pfund ¸berbringen konnte.
Stockholm erlebte eine ungew–hnliche
Filmpremiere mit einem Farbfilm ¸ber
das Leben und die sportliche T"tigkeit
der bei italienischen Klubs t"tigen fr¸he-
ren schwedischen Nationalspieler. In dem
unter dem Titel *Cre-No-Li, Nacka & Co.'
laufenden Film wirken die Gebr¸der
Nordahl, Gunnar Gren, Liedholm, Nacka
Skoglund und andere schwedische Spitzen-
spieler mit.
Spaniens Fuþballverband hat eine erheb-
liche Versch"rfung der Sperrbestimmun-
gen bei Feldverweisungen vorgenommen.
Jeder des Platzes verwiesene Spieler
bleibt f¸r mindestens acht Spiele gesperrt.
Die Strafe kann jeweils durch ein Ver-
fahren noch l"nger ausgedehnt werden.
Der belgische Fuþballspieler Victor Go-
din wurde von einem Gericht zu einer
Geldstrafe von 2600 Franken (218 DM)
verurteilt, weil er w"hrend eines Spieles
einen Gegner absichtlich mit dem Ellen-
bogen in den Magen gestoþen hatte.
Der Fall erregte besonderes Aufsehen, da
der Schiedsrichter das Foul nicht gesehen
hatte, sondern ein unter den Zuschauern
weilender Staatsanwalt Anklage erhob.
Der Fuþballverband war nicht offiziell
von dem Verfahren benachrichtigt wor-
den. In Sportkreisen erhebt sich die
Frage, ob die Zuschauer das Recht haben,
in die Kontrolle eines Spieles einzu-
greifen.
Im Westen hat sich der Fall ereignet,
daþ ein einzelner (Handball-) St¸rmer von
160 Gesamttoren seines Vereins (Ham-
born 07) genau 64 v. H. geschossen hat,
n"mlich 102 Treffer in bisher 18 Spielen.
Im Gegensatz zu seiner demnach sehr
n¸tzlichen Wurfkraft heiþt der 29j"hrige
Halblinke ausgerechnet "Sch"dlich. Das
macht je Spiel ein halbes Dutzend Schid-
lich-Torel
-, _Q , , - -
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