University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
The History Collection

Page View

Aufwärts
Jahrgang 4, Nr. 4 (February 24, 1951)

Möchtest du Kindergärtnerin werden?,   p. 6 PDF (837.6 KB)


Page 6


Fots  U. lHoffmann
L/V                 t"2fr.erst      i"     s cr2>s
Tausende von Kindern, deren M¸tter ge-
zwungen sind, den ganzen Tag ¸ber von
Hause fort zu sein, suchen vergeblich nach
neuzeitlichen Kinderg"rten, in denen sie
unter liebevoller Obhut mit Gleichaltrigen
froh sein k–nnen. Viele der ehemaligen Kin-
derg"rten oder Tagesst"tten sind zerst–rt
oder eingegangen, und die Stadt- und Ge-
meindeverwaltungen, die bis jetzt noch nicht
einmal die Mittel aufbringen konnten, um
die zerst–rten Schulen wieder herzurichten,
denken ganz allm"hlich erst daran, daþ auch
Kinderg"rten wichtig und notwendig sind.
Der Beruf der Kinderg"rtnerin ist ein aus-
gesprochener Frauenberuf. Trotzdem gibt es
nicht sehr viele M"dchen, die sich daf¸r
eignen. Sie m¸ssen eine groþe Liebe zu Kin-
dern versp¸ren und eine ausgesprochen er-
zieherische Veranlagung besitzen. Auch
musikalische Begabung und Handgeschick-
lichkeit sind von Nutzen. Leider ist die Aus-
bildung noch ziemlich kostspielig und f¸r
Arbeiterkinder meist nicht erschwinglich. Es
*
wird Mittelschulreife verlangt und danach
eine zweij"hrige Ausbildung auf einem so-
zialp"dagogischen oder Kinderg"rtnerinnen-
seminar, die mit einer staatlichen Pr¸fung
abschlieþt. Wo die mittlere Reife fehlt, kann
bei begabten Sch¸lerinnen nach Ablegen
einer  schulwissenschattlichen  Vorpr¸fung
ebenfalls Aufnahme in ein Seminar erfolgen.
F¸r Kinderpflegerinnen ist die Sache etwas
einfacher. Hier gen¸gen Volksschulbildung
und der Besuch einer Kinderpflegerinnen-
schule, der ein bis zwei Jahre dauert.
Die Sch¸lerinnen der Frauenoberschulen
m¸ssen einige Wochen als Praktikantinnen
in einem Kindergarten oder Heim t"tig sein.
Oft lernen die M"dchen hier zum erstenmal
die soziale Not aus n"chster N"he kennen,
und Eindr¸cke, die sie dort erhalten, sind
entscheidend f¸r ihre sp"tere soziale Arbeit.
Einige der M"dchen haben uns geschildert,
was sie so als Praktikantinnen erlebt haben,
wie schwierig es oft war, aber auch, wieviel
Freude sie bei ihrer Arbeit empfunden
haben.
Ich will auch eine Mutti haben !
Die Kindergruppe, von der ich erz"hlen will,
ist zusammengew¸rfelt:
Da ist Margret mit der ewig laufenden Nase,
die immer "Dude' statt äSuse' sagt. Als sie
1 Jahr alt war, kam sie ins Heim und hat
die Eltern niemals gesehen. Da sind Peter
und Gisela, deren Mutter berufst"tig ist, weil
der Vater im Krieg fiel; da sind Ursel und
Heinz, die vor einem Jahr v–llig verlaust
und verdreckt hierher gebracht wurden, weil
die Eltern im Gef"ngnis sitzen.
Diese Kinder nun waren alles andere als fried-
lich und harmonisch. Fast t"glich herrschte
erbitterter Kleinkrieg zwischen ihnen. Jeder
wollte immer alles haben und miþg–nnte
dem anderen das kleinste Spielzeug. Oft
waren wir Erwachsenen ganz ratlos und
ziemlich verzweifelt.
Da kam Margrets Geburtstag. Wir hatten
zum Schluþ gesungen, und anschlieþend
gingen die Kinder ins Bett. Erstaunt blieb
ich auf der Schwelle zum M"dchenraum
stehen: Margret lag schluchzend in ihrem
Bettchen und stieþ hervor: NIch will auch mal
eine Mutti haben! Warum habe ich keine
Mutti? Alle anderen kriegen Besuch, nur ich
nicht!' Die Kinder waren ganz still - pl–tz-
lich stand Inge auf, tappte mit den nackten
F¸þen an Margrets Bett, streichelte sie und
fl¸sterte: äSei still, Margretchen, ich will
deine Mutti sein!' Margret h–rte auf zu
schluchzen und hielt Inges Hand fest.
Am n"chsten Tag m¸hten sich ein paar Kin-
der, nett und hilfreich zur kleinen Margret
zu sein. Die anderen h–hnten und riefen:
,Ihr wollt wohl fromm werden, ihr D–s-
k–ppe!ª Die aber lieþen sich nicht beirren,
und ganz allm"hlich lernten alle von den
wenigen, wie begl¸ckend es sein kann, an-
deren zu helfen und ein wenig selbstlos zu
sein. Wir Erwachsenen aber gingen mit neuer
Hoffnung daran, das Gute in diesen fast ver-
sch¸tteten Kinderseelen frei zu machen.
Erika M¸dcer
Ein kleines Paradies
Mein dreiw–chiges Praktikum verbrachte ich
in einem Tagesheim, das 50 Kindern berufs-
t"tiger Eltern Aufenthalt bot. Es war nur
eine einfache Holzbaracke, nach demZusam-
menbruch vom Schweizer Hilfswerk errich-
tet, doch herrschte darin eine solche an-
heimelnde Atmosph"re, daþ die Kinder wie
kleine Blumen im Treibhaus gediehen. Die
kleinen M–bel waren aus einfachstem Holz,
bunt bemalt, wie es Kinder lieben, aus S"cken
waren mittels bunter Wollf"den Tischdeceen
und Wandbeh"nge entstanden, die W"nde
schm¸ckten Laubs"gearbeiten der Kinder-
g"rtnerinnen und selbstgemalte Bilder der
Kinder. Spielzeug und Bilderb¸cher waren
aufs sorgf"ltigste ausgew"hlt. Direkt am Haus
lagen die Spielwiese, der Sandkasten und
die Blumenbeete. Im Waschraum hatte jedes
Kind Zahnputzbecher und Handtuch, und
darauf waren alle so stolz, daþ das Waschen
zur Freude wurde. In dieser Gemeinschaft
lernten die Kinder die einfachsten Formen
der H–flichkeit und der gegenseitigen Hilfs-
bereitschaft. Gerne denke ich an die r¸hren-
den Erlebnisse mit ihnen. Ob nun ein kleiner
Knirps mir morgens voll Stolz erz"hlte, daþ
er sich den Hals gewaschen habe, oder ob
ein anderer ein St¸dc von seiner M–hre ab-
biþ, um es mir zu schenken, mich freuten
diese Beweise ihrer Zutraulichkeit. Es waren
keine Musterkinder, im Gegenteil, sie kamen
aus zerr¸tteten Verh"ltnissen, es herrschten
Wohnungsnot und Arbeitslosigkeit in ihren
Familien, und manch rauhen Ton von "lteren
Geschwistern hatten sie geh–rt, trotzdem
brauchte die Leiterin nie zu ernsten Strafen
zu greifen, sie half stets mit G¸te und Ver-
stehen. Alles ging so einfach zu in diesem
Heim, und doch war es ein kleines Paradies
f¸r die Kinder.                 M. Cramm
40 v. H. haben keinen Vater
Ich habe im Klosterkindergarten der Schwe-
stern von der christlichen Liebe in dem stark
zerst–rten Arbeiterviertel einer rheinischen
Groþstadt gearbeitet. Wohl hatten wir sauber
und ordentlich gekleidete Kinder aus sozial
schlecht gestellten Familien, jedoch die Mehr-
zahl war ungepflegt und kam mit zerrissenen
Kleidern und genau so schmutzig und un-
gewaschen morgens bei uns an, wie sie am
Abend vorher gegangen war. Manchmal
war es so schlimm, daþ wir die Kleinen
allein setzen muþten. Wir bem¸hten uns
nat¸rlich, am Abend alle Kinder gewaschen
und gek"mmt zu entlassen, aber es standen
uns nur zwei Waschbecken und einige Hand-
t¸cher f¸r 60 bis 70 Kinder zur Verf¸gung.
Mehr zu beschaffen war der Leiterin des
Kindergartens finanziell nicht m–glich.
Die Kinder waren acht bis zehn Stunden am
Tag oder noch l"nger im Heim, weil die
M¸tter zur Arbeit gehen muþten, auþerdem
zogen sie den Aufenthalt im Kindergarten
ihrem trostlosen Zuhause in den entsetzlich
engen Wohnungen, in denen sie sich nicht
bewegen durften, vor. Ersdi¸ttert hat mich
die Tatsache, daþ 40 v. H. der Kinder ohne
Vater lebten. Entweder war er gestorben oder
gefallen, hatte die Familie verlassen oder
war ¸beihaupt nicht vorhanden. Uber ein
Viertel der Kinder war auþerhalb einer Ehe
zur Welt gekommen. In all diesen F"llen
muþte die Mutter das Brot verdienen oder
die –ffentliche Wohlfahrt in Anspruch neh-
men. Es gab auch F"lle, wo die M¸tter auf
eine Weise zu Geld kamen, die alles andere
als erzieherisch auf die heranwachsenden
Kleinen wirken muþte, die sie im Gegenteil
geistig und seelisch vergiftete.
Gerade in einer solchen Gegend w"re es
dringend notwendig, gut ausgestattete Kin-
derg"rten zu haben, und ich verstehe die
Stadtverwaltungen nicht, die hier nicht Mittel
und Wege finden, den Kindern, die ihre Lage
doch nicht verschuldet haben, wenigstens
etwas an Frohsinn, Sauberkeit und Ordnung
zu geben.                     Liselotte Hans


Go up to Top of Page