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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 4, Nr. 3 (February 10, 1951)

Pohl, Tessa
Der erste Liebesbrief,   p. 6


Page 6


,Nichts, Vater', sagte ich. SIch weiþ ¸ber-
haupt nicht, was du willst. Hat der Brief
etwas mit mir zu tun?'
,Und ob er was mit dir zu tun hat, meine
liebe Therese', h–hnte er. Aber ganz, wie
es dir beliebt. L¸gen haben kurze Beine! Ich
werde dir schon deine Abenteuer austreiben.
Ab heute hast du, sowie du vom Gesch"ft
heimkommst, Stubenarrest. Und untersteh
dich nicht.. .!" Den Rest verschluckte er
wieder. "Marsch! Geh zur Mutter in die K¸che
und mach dich n¸tzlich!'
Das war mein erstes Liebesabenteuer. Zwar
hat meine Mutter mir geglaubt, daþ ich wirk-
lich keine Abwege gegangen war - aber da
war nun einmal dieser Liebesbrief gekommen
(auch Mutter hat mir nie gesagt, woher und
was drinstand), und weil Vater der un-
bedingte Herr im Hause war, gab es keinen
Widerspruch. Acht Tage habe ich wacker
meinen Stubenarrest abb¸þen m¸ssen, und
dann sagte der Vater eines Abends: ãEs ist
gut, Therese. Ich hoffe, daþ so etwas nicht
wieder vorkommt!"
"Ich habe nichts verbrochen!' begehrte ich
trotzig auf.
Doch der Vater fuhr gleich dazwischen: ãEs
ist gut, habe ich gesagt! Und nun will ich
nichts mehr davon h–ren!'
Manche meiner Leserinnen und Leser m–chten
g]auben, dieses muþte um 1900 oder noch
fi diher passiert sein, also in einemn Zeitalter
finsterster Spieþb¸rcerlichkeit. Sie irren sich.
Es passierte 1935, im Zeitalter des Herren-
menschentums, der von vielen bedingungslos
nachge"fften m"nnlichen Autorit"t und Uber-
legenheit.
Deswegen beneide ich heute die jungen M'd-
chen, die einen demokratisch gesinnten Vater
haben. Wie (ut m¸ssen sie es haben! Wie
fiei k–nnen sie sich bewegen! Wie heirlich
muþ es sein, als junger Mensch die Freiheit
des Wortes, der Meinung und schlieþlich
auch der Liebeserkl"rung zu genieþen!
Oder irre ith mich? Oder legen die jungen
l"dchen heu'te nicht so viel Wert darauf ..?
Tessa Pohl
Mladigen rrit Harfe? N- i. San:scerer' ..  ä :       ,    .i ,   Sä,p
7  .tl d   .r .lm    1 )eh-
st¸hle und geht heute wieder in die ganze Weit bis zu den Negerstammt
n der airikanischen Goldkuste.
Foto: ipa
(per erste
Als ich den ersten Liebesbrief bekam, war
ich noch nicht siebzehn Jahre. Das heiþt: ich
habe ihn nie bekommen. Ich weiþ heute noch
nicht, von wem er war und was darinstand.
Alle jungen M"dchen von heute werden
lachen und vielleicht glauben, ich wolle ihnen
ein M"rchen erz"hlen. Aber ich spreche die
reine Wahrheit, und damals war mir auch
gar nicht nach Lachen zumute. Mein Vater
hatte den Brief n"mlich in Empfang genom-
men, und als ich nachmittags aus meiner
Lehrwerkstatte heimkam, erfuhr ich dann
zum erstenmal, wie das ist, wenn man geliebt
wird. Es war gar nicht schon ...
"Soso"', sagte mein Vater, der mich gleich
ins Zimmer rufen lieþ, ãso also treibt es
meine Tochter!"
Da ich von nichts wuþte, habe ich wohl kein
sehr intelligentes Gesicht gemacht. Und mein
Vater polterte auch gleich weiter: äMan sieht
es dir f–rmlich an, was f¸r ein schledites
Gewissen du hast. Willst du mir gef"lligst
einmal sagen, was diese Liebeleien bedeuten
sollen?'
,Welche   Liebeleien,  Vater?'  fragte  ich
ahnungslos.
ãWelche Liebeleien, fragst du noch? Und was
ist das hier?'
Dabei fuchtelte er mit einem Briefblatt vor
meinem Gesicht, daþ ich erschrocken die
Augen zu- und aufklappte. Willst du viel-
leicht abstreiten, daþ du mit diesem H-errn
hier' - er betonte das Wort "Herr' b–se
und ironisch -- ãetwas gehabt hast? Also
raus mit der Sprache! Ich will sofort wissen,
was los ist! Lind ich werde diesem Herrn
helfen, meiner minderj"hrigen Tochter...'
Er r"usperte sich und verschluckte den Rest.
ãAlso: was ist gewesen?"
ANNA SIEMSEN t
Ndch einer schweren Erkrankung ist Frda
Prof. Anna Siensen kurz nach Vollendung
ihres 69, Lebensjahres in Hamburg ge-
storben.
Weir Prof Annei Siemsen wHar? Vor allein
H–dr sie eine tapfere Frau und ein bedetu-
tender und guter Mensch, der sein Leben
leing  gegen  Unterdruckung  und Terror
kampfte und darum rang, den Menschen
ein freieres, gerechteres Leben ohne Krieg
zu ermoglichen.
Anna Siemsen, eine Hamburger Plarrers-
tochter, wurde durch den ersien Weltkrieg
zur entschiedenen Pdzihstin und Sozialistin.
Als Paddgogin hat sie Hervorragendes f¸r
die Jugend geleistet. Durch zahlreiche
e issenschattliche Werke hat sie sich einen
Ndanen in g)riz Europa geschaffen.


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